Leute. die. nach. jedem. Wort. einen. Punkt. machen.

Möchte man einer Aussage besonderes Gewicht verleihen, bieten sich dafür unzählige Möglichkeiten in Rhetorik, Gestik und Mimik. Das beginnt beim Heben der Stimme, dem Steigern der Lautstärke, der besonderen Betonung von Schlüsselwörtern, geht über Stilmittel wie den erhobenen Zeigefinger oder das bedeutungsvolle Hochhalten eines Blattes Papier bis zu wildem Herumspringen und Absondern von Geifer. Will man keine bestimmte Aussage hervorstreichen, sondern einfach sich selbst als besonders gewichtig präsentieren, gibt es aber auch einige sprachliche Figuren, die en passant in Gesprächen eingestreut werden können.

Dazu gehört etwa die Angewohnheit, Wörter oder ganze Redewendungen in Fremdsprachen einzustreuen. Bevorzugt sind das Phrasen à la „you’re kidding me“, die auch abseits des Ausdrucks überraschten Erstaunens zum Einsatz kommen. Kombiniert wird der – meist englischsprachige – bilinguale Einschub gern mit einem Stilmittel, das ein wenig an den längst nicht mehr gängigen Telegrammstil erinnert: das genaue Akzentuieren jedes einzelnen Wortes mit kunstvoll eingefügten Pausen, die in der geschrieben Sprache als Interpunktion durchgehen würden. „Oh. my. God.“ ist etwa eine gern verwendete Variante.

Wichtig bei derartigen Exklamationen ist allerdings, dass sie nicht zu lang geraten. Denn finden sich zu viele durch bewusst intensiv gehaltene Pausen getrennte Worte in einem Satz, lässt dies eher an Kurzatmigkeit aufseiten des Sprechers denn auf rhetorisches Geschick schließen – der Erlkönig ließe sich auf diese Weise jedenfalls nicht wahnsinnig spannend erzählen. Das wäre eindeutig „way. too. much.“ Faustregel: Nicht mehr als vier Worte verwenden, dann könnte es funktionieren. Oder sich am besten ganz von derartigen sprachlichen Taschenspielertricks verabschieden. Bei mir gilt jedenfalls: Over! my! dead! Body!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 27.08.2012)

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Kochroulette auf dem Elektroherd

Der Haushalt ist ein Thema, das in der Medienlandschaft viel zu wenig gewürdigt wird – immerhin verbringen wir einen großen Teil unserer Lebenszeit mit seiner Aufrechterhaltung. Einen viel zu großen übrigens mit Staubsaugen, Bettenüberziehen und ähnlichen undankbaren Aufgaben, die nur dann wirklich auffallen, wenn man sie nicht gemacht hat. Der einzige Lichtblick in diesen alltäglichen Grausamkeiten ist das Kochen – hier kann man zumindest seine Kreativität ausleben. Wobei hier oft der Konjunktiv angebracht wäre, etwa dann, wenn das Erhitzen von Speisen mittels eines Elektroherds erfolgt. Und ja, der Leidensdruck ist gerade so groß, dass ein heftig-emotionales Lamento nicht länger warten kann. Also: Wer ist überhaupt auf die Idee gekommen, einen Herd zu erfinden, der ewig lang braucht, ehe er heiß ist? Dessen Kochplatten nicht aufhören zu heizen, wenn das Essen fertig ist, sondern ewig nachglühen? Die nicht schlagartig die Hitzezufuhr beenden, wenn die Milch überkocht? Gar nicht zu reden davon, dass man nicht sieht, ob man nun seine Hand auf die Platte legen kann, ohne dass sie in Flammen aufgeht. Da braucht man gar nicht mit abstrakten Begriffen wie Energieeffizienz, Versorgungsgrad oder Anschaffungspreis zu jonglieren – der Elektroherd ist ein fehlgeleitetes Glied in der Evolution der Haushaltsgeräte.

Der Gasherd dagegen ist die Krone der ignitionellen Schöpfung, die direkte Weiterentwicklung des Lagerfeuers. War das Mammut gut durchgebraten, konnte man es sofort von der Feuerstelle nehmen, ohne dass es anbrannte. Und so hätte es gestern auch mit dem Mittagessen funktionieren können. Doch endete das Kochroulette mit kross angekokelten Nudeln auf lauwarmer Käsesauce. Und dem festen Vorsatz, über die Anschaffung eines Gasherds nachzudenken. Oder das nächste Essen über einem Lagerfeuer auf dem Parkettboden zuzubereiten – es gibt übrigens Mammut.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 20.08.2012)

Kräuterbitter ist nicht nur für Männer da

„Sei ein Mann!“ Das saß, als da plötzlich ein Plakat meines Lieblingskräuterbitters auftauchte, dessen Grundtenor meine fast schon gottgleiche Verehrung für diese österreichische Kräuterlikör-Spezialität in ihren Grundfesten erschütterte. So elegant in seiner dunklen Erscheinung, so edel im Geschmack, so vielseitig in seiner Anwendung, so traditionsreich in seiner bis 1897 zurückreichenden Historie – und so unendlich plump in seiner neuen Werbelinie. „Gegen Männer gibt es viele Vorurteile. Alle stimmen.“ Musste das wirklich sein? Und muss man das Getränk als eines vermarkten, das „für echte Männer gemacht ist und nicht für Mädchen oder Buben“?

Gerade Kräuterbitter hängt ja nach wie vor ein wenig der Nimbus des Altherrengetränks an. Und der Versuch, mit einer spritzigen neuen Linie in andere Kundendimensionen vorzustoßen, ist natürlich legitim. Das deutsche Pendant – das mit dem Hirsch im Logo – hat ja in den letzten Jahren erfolgreich vorgezeigt, wie man mit einer Neuausrichtung des Marketings eine viel jüngere Zielgruppe erreichen kann. (Zugegeben, auch hier hat man nicht unbedingt auf ein intellektuell anspruchsvolles Publikum gesetzt, aber egal.) Doch ob man mit Altherrenwitzen und der Betonung, wie schön es doch ohne Frauen sein kann („…als Mann noch nicht an der ehelichen Kette hing und ein selbstbestimmtes Leben führen konnte“), unbedingt etwas für die Verjüngung der Zielgruppe tut?

Nun kann man Sprüche wie diese (ein Schweizer Uhrenhersteller warb etwa mit: „Fast so schön wie eine Frau. Tickt aber richtig.“) natürlich für ein augenzwinkerndes Spiel mit tradierten Geschlechterrollen halten. Doch sollte man meinen, dass ein solch vermeintlich ironisiertes Bild der Geschlechterverhältnisse à la Al Bundy heutzutage nicht mehr en vogue ist.

Abgesehen davon: Kräuterbitter schmeckt besser, wenn man ihn nicht verbittert allein trinken muss.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 13.08.2012)

Die Erziehungsfehler von Ryan Lochtes Eltern

Hätte man Markus Rogan vor den Olympischen Spielen etwas hartnäckiger gefragt, hätte man ja selbst eine sensationelle Coverstory haben können. So aber blieb es der US-Radio-Show „On Air with Ryan Seacrest“ vorbehalten, bei einem Interview mit US-Schwimmer und Goldmedaillengewinner Ryan Lochte die eigentliche Sensation der diesjährigen Sportsaison aufzudecken: Ja, er habe ins Becken gepinkelt. „Nicht während der Rennen, aber beim Aufwärmen.“ Und noch viel heftiger – viele Schwimmer würden das machen. „Das liegt, glaube ich, am Chlorwasser, da muss man automatisch pinkeln.“

Nun kann man derartige Wortmeldungen über das persönliche Erleichterungsverhalten als störendes Beiwerk einer sportlichen Großveranstaltung abtun, oder aber man betrachtet sie im Gegenteil als Salz in der olympischen Suppe, das erst so richtig Identifikationspotenzial mit den Athleten schafft. Denn Lochtes Geständnis könnte vermutlich jeder machen, der als Kind gelegentlich Zeit in Schwimmbädern verbracht hat. Und vermutlich folgt als nächster Schritt in der Assoziationskette auch bei vielen eine Warnung der Eltern – dass es nämlich eine Chemikalie gibt, die den Urin im Wasser leuchtend blau oder rot einfärbt und dem Übeltäter so öffentlich eine äußerst erniedrigende Erfahrung angedeihen lässt: Wenn dann plötzlich das Trillern einer Pfeife ertönt, der Bademeister mit dem Finger auf einen zeigt und man unter den Schmährufen aller Besucher aus dem Becken steigen muss…

Zur Beruhigung sei gesagt, dass ein derartiger Urinindikator nicht mehr ist als Teil einer veralteten Erziehungsmethode, die mit falschen Drohungen und Angst sozial erwünschtes Verhalten generieren soll. Und dass man in keinem Schwimmbad der Welt fürchten muss, plötzlich in einer violetten Suppe zu schwimmen, wenn man gemeinsam mit Ryan Lochte und Markus Rogan in ein Becken steigt.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 06.08.2012)

Nora Tschirner: „Ich bin Maskulinist geworden“

Als Moderatorin bei MTV startete sie ihre Karriere, mit „Keinohrhasen“ wurde sie einem breiteren Publikum bekannt, nun spricht Nora Tschirner die Titelrolle im Disney-Film „Merida“. Ein „Presse“-Interview.

Nora Tschirner als Stimme von Merida | (c) pixar

Merida ist die wohl emanzipierteste Figur des Disney-Universums. War das entscheidend für die Zusage zur Rolle?

Nora Tschirner: Der Grund war, dass sie mich gefragt haben. Das ist ein ungeschriebenes Gesetz – wenn man von Pixar gefragt wird, macht man das. Den ganzen Film habe ich erst gesehen, als ich die Zusage bekommen habe.

Eine starke Frau wie Merida ist ja im Film nach wie vor eher untypisch.

Naja, Arielle ist keine schwache Frau gewesen, Pocahontas auch nicht – ich glaube, das ist gar nicht so. Sobald eine Frau Hauptfigur ist, kann sie gar nicht mehr so richtig schwach sein.

Mir fällt zum Beispiel Cinderella ein.

Ja, aber auch bei Cinderella oder bei „Die Schöne und das Biest“ sind das bei Disney trotzdem beherzte Frauen.

Aber ihr Ziel ist, am Ende den Prinzen zu bekommen. Bei Merida ist das umgekehrt.

Das stimmt. Ja, das hat mich schon angesprochen, wenn ein Individuum dafür kämpft, sich entfalten zu dürfen.

Bezeichnen Sie sich selbst als emanzipiert?

Ich bin mittlerweile Maskulinist geworden, weil ich das Gefühl habe, die Männer brauchen ein bisschen Unterstützung. Wenn ihr da Hilfe braucht, sagt einfach Bescheid, auch gerne in Männersprache, mit einem Bier an der Bar.

Sprechen Männer denn anders als Frauen?

Ich finde ja nicht – unter uns Männern gesagt. Ich tue mir schwer damit, dass Männer so und Frauen so sind. Ich suche mir eher Leute, bei denen es eine Balance gibt. Wenn ich mir vorstelle, dass meine drei besten Freundinnen, mit denen ich seit der dritten Klasse befreundet bin, mir einen Eisbecher holen würden, wenn ich Liebeskummer habe, und wir mit einer riesigen Tüte Kleenex auf dem Sofa abflennen würden – das wäre mir ein völliges Rätsel.

Genau dieses Frauenbild wird aber in vielen Serien und Filmen à la „Sex and the City“ vermittelt. Sollte man da nicht etwas ändern?

Aber als Zuschauer und Mensch ist man ja eigenverantwortlich und kann in sich reinhören, ob es sinnvoll ist, auf dem Sofa zu sitzen und zu heulen. Wenn mir das gut tut, ist es ja legitim. Aber wenn ich mich auch in einem Alter jenseits der 17 noch von jedem Fernsehsender und Film beeinflussen lasse, finde ich das dann schon eher problematisch.

Eine Filmfigur kann in dieser Hinsicht aber schon auch Einfluss ausüben.

Schon, aber Charaktere wie Merida gibt es ja schon immer. Audrey Hepburn als Holly Golightly in „Breakfast at Tiffany’s“ hat meinetwegen eine Megascheibe, aber man kann nicht behaupten, sie wäre nicht emanzipiert. Und Ronja Räubertochter oder Pippi Langstrumpf gab es ja auch schon.

Nora Tschirner verbindet man eher mit komödiantischen Stoffen. Nervt das?

Für mich sind in einer guten Komödie viele dramatische Szenen drin. Ich mache ja keine Sketch Comedy, wo ich ständig durch das Bild rolle, weil ich über irgendetwas drüberfalle.

Was sagen die Fans? Als MTV-Moderatorin hat man ja ein anderes Publikum als bei „Keinohrhasen“ oder Zeichentrickfilmen.

Die Leute, die mich von MTV kannten, dachten, „die ist witzig und schlagfertig, der müssen wir einen Spruch anhängen, und sie freut sich darüber.“ Da wurde ich auch gerne mal pöbelig von wildfremden Leuten angesprochen. Und die waren ganz enttäuscht, als ich überlegt habe, ob ich die Polizei rufen soll. Durch „Keinohrhasen“ wurde alles weicher und wärmer. Auch durch die Kinderfilme, die ich gemacht habe – das ist schon eine ganz andere Klientel.

Welches Publikum ist angenehmer?

Schwer zu sagen. Ich möchte auf jeden Fall nicht angepöbelt werden. Und wenn man merkt, dass ich gerade eine Suppe esse und privat mit meiner Familie herumsitze, kann man mich von mir aus trotzdem ansprechen, aber sollte dann auch ein Gespür für die Situation haben. Ob das jetzt MTV-Fans oder „Keinohrhasen“-Fans sind, ist mir egal. Wenn sie nett sind, bin ich auch nett.

Tut es Ihnen eigentlich leid, dass das Musikfernsehen heute quasi ausgestorben ist?

Nein, genauso wie es mir nicht leid tut, dass ich keinen Walkman mehr habe. Es gibt genug Möglichkeiten, sich Musikvideos anzuschauen. Ich fand das eine herrliche Zeit dort, es hat sich am Schluss ja ohnehin weit weg von Musik entwickelt. Aber ehrlich gesagt war ich am Schluss froh, dass ich nicht ständig Klingeltöne um mich herum habe.


Nora Tschirner, geboren am 12. Juni 1981 in Ost-Berlin, arbeitete ab 2001 als Moderatorin bei MTV, im selben Jahr startete sie auch ihre Schauspielkarriere. Sie spielte unter anderem in „Soloalbum“ und „Kebab Connection“, ihren größten Erfolg feierte sie mit Til Schweiger in „Keinohrhasen“ und der Fortsetzung „Zweiohrküken“.

Aktuelles Projekt: Nora Tschirner spricht in der Disney/Pixar-Produktion „Merida“ die Titelrolle der freiheitsliebenden Prinzessin, die uralten Sitten trotzt – und sich nicht verheiraten lassen will.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 05.08.2012)

Explodierende Schwedenbombe

Stecken Firmen in finanziellen Nöten, ist das kein Quell der Freude. Handelt es sich dabei auch noch um ein Unternehmen, dessen Produkte man schätzt, ist es umso schlimmer. Dass nun also das Traditionsunternehmen Niemetz mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten kämpft, ist traurig. Unter anderem auch deswegen, weil man nun damit rechnen muss, dass allerlei halbamüsante Wortspielchen rund um das bekannteste Produkt des Hauses zu hören und lesen sein werden. Man ahnt schon, dass irgendwo bei den Insolvenzverhandlungen die „Schwedenbombe“ platzen wird oder dass einigen Mitarbeitern in bundesdeutscher Diktion der „Schokoabschiedskuss“ gegeben wird. Vermutlich wird sich auch jemand nicht zu blöd sein, dem Hersteller des früher verbreiteten „Negerkusses“ angesichts der finanziellen Lage zu unterstellen, „neger“ zu sein. Als weitere Synonyme könnte man sich auch noch Wortspielchen mit Schaumzapfen, Schaumkuss, Süßpfropfen, Naschkuss oder Bumskopf (ja, im Bayerischen Wald sagt man tatsächlich so) einfallen lassen. Falls dann allerdings jemand auch noch „Konkursraspeln“ auf das Schaumgebäck herabrieseln lässt, dann reicht es wirklich. So, Warnung ausgesprochen, Zeit für etwas Süßes…

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 04.08.2012)

Schmutzkübelkampagne

Die Telekom Austria spart. Das ist lobenswert, schließlich ist die Erhöhung der Konkurrenzfähigkeit in schwierigem wirtschaftlichen Umfeld ein Gebot der Stunde. Der Weg, den das Telekommunikationsunternehmen dabei beschreitet, ist allerdings ein ungewöhnlicher: In den Büros wird seltener geputzt, Mistkübel werden nur noch einmal pro Woche entleert. Und: Mikrowellenherde und Kühlschränke müssen die Mitarbeiter nun selbst reinigen. Ein bewährtes Modell, das bei den Mitarbeitern zu einer natürlichen Reduktion von Müll führt? Mag sein, wobei das Beispiel Neapel anderes erahnen lässt. Denn dass die Stadt regelmäßig in Tonnen von Müll erstickt, weil die Camorra eine funktionierende Entsorgung verhindert, hat bei den Bewohnern mitnichten den Anreiz zur Müllvermeidung verstärkt. Dafür wurden mehr Klimaanlagen verkauft, weil die Bewohner wegen des Gestanks die Fenster nicht mehr öffnen wollten.

Dem Vernehmen nach steckt bei der Telekom aber ohnehin eine andere Überlegung dahinter: Die künftig häufiger auftretenden Ratten werden gefangen und in Hamsterrädern zur umweltfreundlichen Energiegewinnung eingesetzt. Soll noch einer sagen, dass Sparen nicht sinnvoll ist.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 03.08.2012)