Der Pendelblick zur Tür als Abbruch des Dialogs

Der Wert eines Dialogs hängt vor allem von der Vielfalt der konkurrierenden Meinungen ab. Damit mag der Philosoph Karl Popper schon recht gehabt haben. Doch in der Regel scheitern alltägliche Zwiegespräche schon an viel banaleren Dingen. An äußeren Umständen, zum Beispiel. Ein unglaublich spannender Gedankenaustausch in der U-Bahn wird etwa abrupt beendet, wenn einer der Dialogpartner sein Reiseziel erreicht hat und aussteigen muss – die letzten Sätze bei bereits geöffneter Tür und mit nervösem Pendelblick zwischen Gesprächspartner und Ausgang reichen meist nicht, um die lebhaft entbrannte Diskussion zu einem guten Ende zu führen. „Na gut“, „Also dann“ oder „O. k.“ am Beginn jedes neuen Satzes deuten schon darauf hin, dass man eher bereit ist, den weiteren Dialogverlauf zu opfern, als versehentlich eine Station zu weit zu fahren.

Tödlich für ein Gespräch ist auch, wenn sich plötzlich ein Dritter dazugesellt – im Arbeitsalltag kündigt sich der Eindringling gern mit der entschuldigenden Phrase „Nur ganz kurz“ an, ehe er feindselig die Situation entert und einen der Dialogpartner kapert. Der andere darf dann vorerst verdattert danebenstehen. Dem neu entstandenen Gespräch lauschen. Erkennen, dass „nur ganz kurz“ etwa so lange dauert wie das Warten auf den Nachtbus im Schneetreiben. Und irgendwann das zuvor abrupt unterbrochene Zwiegespräch einfach aufgeben. Und gehen.

Bitter wird es aber vor allem dann, wenn der Partner einer intensiven Unterhaltung plötzlich selbst ein Ende setzt. Indem er etwa einen zufällig Vorbeikommenden begrüßt und ins Gespräch einbindet. Oder, wenn sich diese Gelegenheit nicht bietet, mit „Ich geh mir schnell etwas zu trinken holen“ die Flucht ergreift. In diesem Fall sollte man überlegen, ob die hohe Qualität eines Dialogs nicht nur einseitig empfunden worden sein könnte. Na gut, ich muss dann aussteigen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 18.03.2013)

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Good bye, little PIN-Code

Die Bankomatkarte hat einen PIN-Code. Das Handy hat einen PIN-Code. Und die Kreditkarte hätte auch einen, nur verwendet man den fast nie. Das Spannende an der vierstelligen Zahlenkombination ist, dass sie immer da ist, wenn man sie braucht. Und wenn man sie nicht braucht, stört sie im Kopf nicht mit aufdringlicher Anwesenheit. Soll heißen, dass die vier Ziffern für das Handy erst dann auftauchen, wenn der Daumen über das Zahlenfeld auf dem Display streicht. Und dass auch der Bankomatcode sich erst dann meldet, wenn man ihn tatsächlich in ein Terminal eintippen muss. Dabei scheint jeder Code genau zu wissen, zu welchem Gerät er gehört.

Allerdings, gelegentlich schwächelt das System dann doch. An jenem Morgen, zum Beispiel. Gerade war der Auftritt im Frühstücksfernsehen zu Ende gegangen – er verlief, sagen wir, turbulent. Als die Regie die Sekunden bis zum Rotlicht herunterzählte, waren die Moderatoren noch nicht auf dem Platz und ich allein auf der Couch. Ähem, hallo? Kommt da noch jemand? In letzter Sekunde sprang das Duo ins Studio und machte punktgenau die Moderation. Gut. Jedenfalls wollte ich dieses Erlebnis nachher verarbeiten. Schaltete das Handy ein. Drückte vier Tasten. Falscher Code. Er war weg. Komplett.

Minuten später tauchten die richtigen vier Ziffern wieder auf. Stimmt, genau so ging er. Tippen. Falscher Code. Oh. Dreimal will man es dann doch nicht probieren, sonst wird das Gerät gesperrt. Also weg mit dem Handy in die Tasche. Und gleich danach wieder raus – in solchen Momenten der Einsamkeit will man sich der Welt ja mitteilen. Vielleicht eine SMS an die Freundin… Oh. Geht ja wieder nicht ohne PIN.

Eine halbe Stunde später, dazu einen Espresso und ein Croissant, da war er auf einmal wieder da. Als wäre er nie weg gewesen. Die Ziffern des zweiten Versuchs waren schon richtig – nur die Reihenfolge war vertauscht. Und der erste Versuch? Das war, so stellte sich später heraus, der Bankomatcode.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 11.03.2013)

Warum muss Kärnten immer wunderschön sein?

Kärntner haben eine sprachliche Eigenheit. Wann immer sie von ihrem Bundesland – oder einem Teil davon – sprechen, muss davor ein „schön“ oder sogar ein „wunderschön“ stehen. Nun ist schon klar, dass Österreichs südlichstes Bundesland teils spektakuläre Berge, Seen und Sehenswürdigkeiten hat. Doch ist es wirklich notwendig, das in jedem Satz extra betonen zu müssen? Und nein, das betrifft nicht nur Politiker – auch sonst unauffällige und über regionalpatriotische Gefühle erhabene Zeitgenossen kommen nicht ohne das behübschende Adjektiv aus, sobald das Gespräch auf das „schöne Millstättertal“, das „bezaubernde St. Michael an der Gurk“ oder ganz generell auf das „wunderschöne Kärnten“ kommt. Warum machen sie das? Warum reicht nicht einfach der Ortsname? In anderen, ebenfalls zum Teil ganz reizenden Teilen des Landes geht es ja auch ohne. Gut, vermutlich haben die Kärntner heute, am Tag nach der Landtagswahl, ohnehin andere Sorgen als diese Frage, aber sie musste halt einfach einmal gestellt werden.

Damit kein Missverständnis aufkommt, das hat nichts mit Kärnten-Bashing zu tun, es interessiert mich wirklich! Abgesehen davon gibt es eine ähnliche sprachliche Unsitte auch in anderen Bundesländern – wenn auch abseits regionaler Selbstbewunderung. Meist taucht sie in eine Frage verpackt auf. Wenn sich etwa jemand erkundigt, was denn zu Mittag auf dem Tisch stehen wird: „Was gibt’s denn Gutes?“ Nun, Schnitzel, vermutlich, aber wer sagt, dass sie gut sind? (Umgekehrt sollte man aber auch sanktionieren, wenn man auf die Frage, was es gibt, die Antwort „etwas Gutes“ bekommt.) Oder auch: „Was liest du denn Schönes?“ Diese Frage ist nicht viel besser – denn meist ist es einfach nur ein schlechter Roman, durch den man sich aus Pflichtbewusstsein bis zum Ende quält. Man kann ja nicht die ganze Zeit nur in Reiseführern blättern, etwa über das schöne Kärnten…

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 04.03.2013)