Ich und du, Müllers Kuh, Buridans Esel, das bin ich

Wenn wir schon dabei sind: Hatte Schrödinger eigentlich ein Haustier? Ja und nein, vermutlich.

Pawlow’scher Hund – klingelt’s da bei Ihnen? Ihr erster Gedanke ist wohl, dass hier statt eines Genitiv-s eine Adjektivendung an Iwan Petrowitsch Pawlows Namen hängt. Klar, es geht ja nicht um Pawlows Haustier Struppi, sondern um ein Phänomen, das der russische Forscher bei Experimenten mit Hunden entdeckt hat. Sie wissen schon, wenn Futter und Glockenläuten immer gemeinsam auftauchen, speichelt der Hund irgendwann nur mehr beim Hören der Glocke. Aber müsste es dann nicht konsequenterweise Schrödinger’sche Katze heißen? Auch hier war es nicht dem Schrödinger seine Katze, die in einer Kiste mit Gift und einem von zerfallenden Atomen angetriebenen Hammer gleichzeitig lebendig und tot war. Hatte Schrödinger überhaupt ein Haustier? Ja und nein, vermutlich.

„Wenn ich mit meiner Katze spiele – wer weiß, ob ich nicht mehr ihr zum Zeitvertreib diene als sie mir?“, mag sich Schrödinger gefragt haben. Wobei das erstens eine seltsame Art ist, mit Katzen zu spielen. Und es zweitens eigentlich Michel de Montaignes Katze ist. Der Philosoph argumentierte mit diesem Satz, dass jedes Lebewesen eine eigene Wahrnehmung hat.

Montaignes Katze hat übrigens nichts mit Müllers Kuh zu tun, die es weder in Quantenphysik noch Philosophie zu Berühmtheit brachte, sondern nur in einem Auszählreim für Kinder. Neben Müllers Esel – der ja hätte bekannt werden können, hätte er dem Philosophen Johannes Buridan gehört. Nach dem ist nämlich das Gleichnis vom Esel benannt, der zwischen zwei gleich großen, gleich weit entfernten Heuhaufen steht – und verhungert, weil er sich nicht entscheiden kann. Das ist so, als würde man an einem heißen Tag schwanken, ob man ins Strandbad Alte Donau oder zum Gänsehäufel fahren soll – und am Abend draufkommt, dass man stundenlang daheim Kolumne geschrieben hat. Kocinas Esel, in dem Fall.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 30.04.2018)

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Danke dir sehr viel! Du bist willkommen!

Nothing for ungood, aber warum muss man Kegel einpacken, wenn man mit Kindern wegfährt?

Nobody can reach me the water, behaupten Kollegen, wenn es darum geht, schlechte Übersetzungen englischer Redewendungen in den Alltagsgebrauch zu integrieren. Manche werden gar foxdevilswild dabei und behaupten, I had not all cups in the cupboard. Nothing for ungood, but Life ist halt einmal no sugarlicking. Bevor Sie jetzt allerdings only trainstation understand, scratch I better the curve, bevor wieder jemand the offended Liversausage spielt. Man will ja niemandem on the cookie go. Und abgesehen davon lässt sich das Spiel auch umgekehrt aufziehen. Sieh dich später, Alligator, zum Beispiel. Danke dir sehr viel! Du bist willkommen! Das schmerzverzerrte Gesicht der Kollegen ist es wert. Oder ist das nicht ihre Tasse Tee?

Manchmal scheitert es aber schon daran, dass man bei Redewendungen in der eigenen Sprache gar nicht weiß, warum man sie so verwendet und woher sie kommen. Mit Kind und Kegel, zum Beispiel. Oder wissen Sie, warum man einen in einer Spitze auslaufenden geometrischen Körper mit einer Kreisscheibe als Basis gemeinsam mit dem Spross zum Aufbruch einpacken soll? Nun, um wieder in den Erklärbärmodus zu kommen, das kommt von einer weiteren Bedeutung, die Kegel früher hatte – nämlich als Bezeichnung für ein uneheliches Kind. Woher dieser Begriff kommt, ist nicht ganz klar – möglicherweise vom mittelhochdeutschen Kegel als Knüppel oder Stock, das ähnlich wie Bengel (Stock, Prügel) geringschätzig für ein Kind eingesetzt wurde. Übrigens ist die englische Entsprechung von Kind und Kegel nicht with kid and cone (höhö), sondern with kith and kin (echt jetzt!). Wobei kith für Freund oder Bekannter steht, während kin im weitesten Sinn die Familie bezeichnet. Statt Kind und Kegel packt man dann halt Freunde und Familie zusammen. Again what learned, hm? That makes me nobody so fast after.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 23.04.2018)

Auf „Wie geht’s?“ nicht immer „Danke, gut“ sagen

Wenn Dialoge nur noch Reflexe sind, kann es langweilig werden. Peppen wir unsere Gespräche auf!

Jedes Mal, wenn ein Mensch „Ich auch“ sagt, explodiert in der Antarktis ein Babypinguin. So wie auch das reflexhafte „Ich dich auch“ auf „Ich liebe dich“ irgendwo auf der Welt einen süßen Goldhamster bei vollem Tempo aus dem Laufrad springen und ihn sich mehrfach überschlagen lässt. Wollen wir das wirklich, dass sich sprachsensible Tiere derart über unsere Unkreativität grämen müssen? Dann etwa, wenn wir die uninteressierteste Frage, die sich als Interesse tarnt und doch nur eine Floskel ist, beantworten müssen. „Wie geht’s?“ lässt nämlich in Wirklichkeit nur eine einzige Antwort zu. Ob das „Danke, gut“ nun ernst gemeint ist oder nicht. Dabei gäbe es doch so viele Alternativen. „Alles paletti“ könnte man fröhlich entgegenschmettern, mit „Ist mir wurscht“ den sich anbahnenden Dialog von vornherein abblocken, mit „Passt schon“ zumindest die 08/15-Variante vermeiden, mit „Schauma mal“ die sprachliche Unverbindlichkeit ein bisschen bayerisch einfärben, mit „Na ja“ die Möglichkeit des Negativen zumindest zulassen, mit „Woher soll ich das wissen?“ das Gegenüber ein wenig verschrecken, mit „Pffff“ (kombiniert mit einem Schulterzucken) zu verstehen geben, dass alles ein bisschen dings ist, mit „Wie die anderen wollen“ die Schuld auf, nun ja, die anderen schieben, mit „Jo eh“ etwas ähnlich Unsinniges sagen, mit „Bescheiden“ so vornehm sein, nicht „Beschissen“ sagen zu müssen, mit „Das geht dich überhaupt nichts an“ das Gegenüber ein bisschen brüskieren, mit „Frag lieber nicht“ dazu ermuntern, genauer nachzufragen, mit „Interessiert dich das wirklich?“ zum Erzählen der Lebensgeschichte ansetzen, mit „Keine Ahnung“ ein bisschen ratlos sein dürfen und mit „Frag mich in einer Stunde wieder“ feststellen, dass dieser Satz jetzt schon ziemlich lang läuft, ohne endlich zum Punkt zu kommen. Aber danke der Nachfrage. Und Ihnen?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 16.04.2018)

Eine lange Nacht und eine kurze Nacht sind das Gleiche

Vermutlich ist Ihnen das schon einmal aufgefallen: Statt „da vorn“ kann man auch „da hinten“ sagen.

Der ausgestreckte Arm ist das Erkennungszeichen des menschlichen Wegweisers. Wie eine Kompassnadel zeigt er dann in die Richtung, wo etwas ist. Aber dann wird es kompliziert. Denn ist das, was irgendwo ein paar Hundert Meter entfernt ist, „da vorn“ oder „da hinten“? Vermutlich geht beides: die Variante, dass etwas aus unserer Sicht vorn ist, oder die, dass es aus Sicht einer Straße oder eines Ganges eben hinten sein muss. Den gleichen Effekt kennen wir, wenn jemand mit müden Augen in die Arbeit kommt. Dann hatte die Person entweder eine lange Nacht oder auch eine kurze Nacht. Die Botschaft dahinter ist aber dieselbe: Man hatte zu wenig Schlaf.

Zuletzt tauchten im Internet auch „Memes“ auf, die sich des Wortes „umfahren“ annehmen. Dass das Wort im Deutschen nämlich sowohl bedeuten kann, einem Hindernis auszuweichen, als auch, über ein Hindernis drüberzufahren. Unangenehme Sache, das. Aber wenn wir schon dabei sind, lernen wir doch gleich etwas daraus. Dass es sich hier nämlich um ein Januswort handelt. Sie wissen schon, Janus, der römische Gott des Anfangs und des Endes, der gern als Doppelgesicht dargestellt wird. Ein Januswort ist also ein Wort mit mindestens zwei Bedeutungen, wobei die eine Bedeutung das Gegenteil der anderen ist. Sind Sie noch da? Also, gemeint ist, dass etwa anhalten sowohl bedeuten kann, dass etwas andauert, aber auch, dass etwas zum Stillstand gebracht wird. Dass transparent sowohl durchsichtig als auch unsichtbar meinen kann. Und dass verabschieden dafür stehen kann, etwas zu beschließen (ein Gesetz, zum Beispiel), aber auch dafür, etwas zu verwerfen (einen Gedanken, zum Beispiel). Ganz schön viel theoretischer Stoff für so eine Kolumne, oder? Ich weiß, aber Sie müssen verstehen, ich hatte gestern eine lange Nacht. Also eine kurze. Egal, Sie wissen schon.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 09.04.2018)