Es gibt viel zu tun: Baut Urlaub ab

Mit einer Körpergröße von 1,70 Meter weiß ich seit Teenagerzeiten, wie sich stagnierendes Wachstum anfühlt. Insofern bin ich so weit abgehärtet, dass ich bei Schlagworten wie „Krise“ und „Rezession“ nicht reflexartig in Duldungsstarre verfalle. Denn so wie bei der Körpergröße – klein, aber oho – gibt es auch im Arbeits- und Wirtschaftsleben geeignete sprachliche Mechanismen, um einer negativen Entwicklung etwas Positives abzugewinnen. Das beginnt schon damit, sich niemals in eine passive Rolle drängen zu lassen, sondern immer das Ruder in der Hand zu behalten.

Statt 2009 also „Ferien zu machen“ oder „abzuschalten“, sollten Sie aktiv „Urlaub abbauen“. Damit entsteht im Kopf des Zuhörers das Bild eines Bergarbeiters mit Helm, der mühevoll Urlaubstage aus dem Gestein hämmert – und nicht das eines in Sonnenöl marinierten Stücks Fleisch auf dem Liegestuhl. Das Abbauen von Urlaub ist gerade jetzt eine Tugend wie sonst kaum. Schließlich winken keine Zinsen, wenn Urlaub länger aufgespart wird. Und auch mit Termingeschäften lassen sich angesparte freie Tage nicht als Gewinn im Urlaubsportefeuille verbuchen.

Andererseits muss uns aber auch klar sein, dass der Urlaub, analog zu den natürlichen Rohstoffen, die im Bergbau gewonnen werden, endlich ist. Und dass unkontrollierter Raubbau letztlich nur dazu führt, dass die Ressourcen irgendwann erschöpft sein werden. Womit wir im Rahmen der aktiven Sprache gleich noch eine Ebene weiter gehen und den uns zur Verfügung stehenden Urlaub „maßvoll“ und „nachhaltig“ verbrauchen. Aber tappen Sie nicht in die Falle: Weisheiten à la „Wir haben den Urlaub nicht von unseren Vorfahren geerbt, sondern nur von unseren Kindern geliehen“ sind dann doch ein wenig dick aufgetragen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 29.12.2008)

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Die Lügen der Eltern

Ich entschuldige mich für das triste Wetter, dessen Fratze Ihnen beim Blick aus dem Fenster gerade entgegen grinst. Aber Sie müssen verstehen, ich hätte die Portion Spinat-Oliven-Gnocchi gestern Abend wirklich nicht mehr aufessen können. Und nachdem sich der alten elterlichen Regel zufolge das schöne Wetter indirekt proportional zur Restmenge auf dem Teller verhält, muss ich Wolken, Wind und Graupel wohl auf meine Kappe nehmen. Sorry! Zugegeben, ich habe mich schon das eine oder andere Mal gefragt, warum gerade zwischen meinem Essverhalten und der österreichischen Großwetterlage ein Zusammenhang bestehen soll. Und wozu die Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik komplizierte Wettermodelle erstellt, wo doch ein Blick auf meinen Teller ausreichen würde. Aber gut, so funktioniert elterliche Logik.

Schmerzhaft wird es dann, wenn dieses jahrelang gelernte Gefüge in sich zusammenbricht. Wenn eine Konstante plötzlich in der Erkenntnis verpufft, dass es doch nicht so ist. Sie können sich die Enttäuschung vorstellen, die mich in dem Moment befiel, als ich erfahren musste, dass das Christkind gar nicht wirklich durch das Fenster hineingeflogen kommt. Jahrelang war es mein einziges Ziel gewesen, einmal so alt zu werden, dass ich dem kleinen Engel beim Ablegen der Geschenke unter dem Weihnachtsbaum assistieren und ihn dann mit einem freundlichen Klaps auf die Schulter – gerade so, dass ich die Flügel nicht streife – aus dem Fenster verabschiede. Und dann das – statt eines Rendezvous am Fensterbrett nur finstere Gesichter am Einkaufssamstag in der Mariahilfer Straße. Das tut weh. Aber auch für diesen Fall haben mir meine Eltern ja eine unverrückbare Wahrheit mitgegeben – bis ich heirate, ist es wieder gut.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 22.12.2008)

Die Ökonomie der Bonbonniere

Weihnachten ist die Zeit, in der Geld als Zwischentauschmittel ein wenig in den Hintergrund treten darf. An die Stelle von kaltem Metall oder bedrucktem Papier treten andere Einheiten, die zwischen Menschen zirkulieren und deren Wert weniger in der Befriedigung von Bedürfnissen als in der freizügigen Weitergabe besteht. Ein besonders beliebtes Objekt dieser alternativen Ökonomie sind Süßwaren, vorzugsweise mit Alkohol und Früchten gefüllt. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie viele Stationen etwa eine Packung Pralinen durchläuft, ehe tatsächlich ein Abnehmer, vulgo Beschenkter, das Cellophan vom Karton löst und den Tauschwert des Objekts für ein paar schnelle Kalorien kurzerhand auf Null reduziert. Vorsicht sollte bei dieser Ökonomie des Schenkens allerdings in jedem Fall walten, denn im Gegensatz zu Geld können Merci, Mon Chéri & Co. hinterlistigerweise mit identifizierenden Elementen versehen sein. Firmenlogos oder Aufschriften wie „Viele Bussi, deine Oma“ auf der Rückseite sollten also entfernt werden, ehe die Pralinen in den weiteren Kreislauf weihnachtlichen Tauschhandels eintauchen.

Das Worst-Case-Szenario wiederum tritt dann ein, wenn sich der Kreis weihnachtlicher Spendierfreude schließt – und ein Beschenkter in der edlen Gabe ein Geschenk erkennt, das er einst selbst in Umlauf gebracht hat. Besonders anfällig dafür sind Weinflaschen vom Winzer des Vertrauens, die einst als Gastgeschenk zum Einsatz kamen und die der Gastgeber beim Gegenbesuch plötzlich wieder in Händen hält. Besonders Findige versehen die Flaschen im Weinkeller daher mit einer Notiz über den Überbringer – und verschenken den Wein an jemand anderen weiter. Im besten Fall klebt das PostIt dann nicht mehr dran . . .

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 15.12.2008)

Tanz Limbo, Sepp! Yes, you can!

Im medialen Wettstreit um die häufigsten Assoziationen mit Tanzen hatte Josef Pröll vergangene Woche eindeutig die Nase vorn. Doch es war weder der Landler noch der Tanz auf dem Society-Parkett, der dem schwarzen Hoffnungsträger aus Radl brunn zugeschrieben wurde. Nein, das Schreckgespenst untrainierter Bauchmuskeln wurde aus dem Hut gezogen, um Pröll metaphorisch ein wenig zu steinigen – der Limbo. Bei seiner Wahl zum VP-Parteichef habe er sich mit 50 Prozent „die Latte so niedrig gelegt“, hieß es im ORF, „dass nicht einmal ein Lambada-Tänzer darunter durchkäme“. (Kleiner Lapsus, natürlich war Limbo gemeint.) Sonntags wiederum hörte man in der „Runde der Chefredakteure“, dass sich die Regierung die Latte so hoch gelegt hat, dass sie ohne Schwierigkeiten darunter durchmarschieren können sollte. (Okay, da ist nicht nur Pröll allein gemeint.)

Interessant an dieser Metaphorik ist, dass ja gemeinhin eher das Überspringen einer hoch gelegten Latte als wünschenswertes Ergebnis sportlicher Leistung gesehen wird. Aber gut, zurück zum Limbo. Der Tanz selbst wurde auf den Westindischen Inseln ursprünglich nach Begräbnissen getanzt, um die Seele des Toten aus dem Zustand der Schwebe zu befreien. Schwebe im Sinne von „to be in limbo“, was sich vom Begriff „Limbus“ ableitet – der Vorhölle. Die wurde wiederum vergangenes Jahr von Papst Benedikt XVI. abgeschafft. Damit ist der Limbo auf seine heutige Bedeutung als Partyelement reduziert. Und so warten wir voller Spannung auf das Weihnachtskränzchen der Volkspartei, bei dem Josef Pröll auf dem Parkett seinen Oberkörper in die Waagrechte bringt, während seine Parteifreunde ihm genau das zujohlen, was sie auch jetzt schon allen Ernstes tun: „Sepp, yes, you can!“.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 01.12.2008)