Buongiorno, Adorno, geh mit Gott, aber flott!

Reden wir übers Verabschieden – und machen wir es anders. Ein Text, der beim Lesen wehtun soll.

Hallöchen mit Öchen, heroinspaziert zur dieswöchigen Lektion. Also, was kann ich gegen Sie tun? Gut, reden wir übers Grüßen. Von Guten Tacho bis Ciao Cescu und so. In diesem Sinne, buongiorno, John Porno, lang nicht gesehen und doch erkannt! Wobei es eigentlich erst bei der Verabschiedung so richtig losgeht, au reservoir und so, Sie wissen schon. Dazu kann man nämlich auch auf Video sehen sagen, wenn nicht sogar auf Wiese gehen oder in der absoluten Kurzform Wirsing! Zur Perfektion kann man es ja bringen, indem man in die Verabschiedung auch einen Hinweis auf das nächste Treffen einbringt. Bis Danzig! Bis Denver! Bis Dennis! Oder auch weniger konkret: Bis Baldrian! Wer bis später, Attentäter lustig findet, wird damit wohl auch seinen Spaß haben, während bis später, Peter nicht bei jedem Gesprächspartner funktioniert (und dennoch gern eingesetzt wird). Tschau, Kakao schlägt übrigens tschau mit au um Längen, tschü mit ü sowieso. Aber jetzt will ich mich nicht länger aufhalten, bedanke mich herz rechtlich und verabscheue mich . . .

Dumm nur, dass der Textkasten an dieser Stelle gerade einmal zur Hälfte gefüllt ist. Also gut, machen wir weiter, ehe wir Küsschen mit Nüsschen sagen dürfen. Material gibt es ja noch genügend. Bye bye, Butterfly, zum Beispiel. Oder mach’s gut, Zuckerhut (Mach’s gut, aber nicht zu oft – das reimt sich ja nicht einmal!). Dann schon lieber hast la vista, Mista! Oder geh mit Gott, aber flott! (Geh mit Gott, aber geh – das kennen Sie eh . . .) Gut, was kann ich Ihnen noch mitgeben? Nun, bleib sauber, so wie ich immer sein wollte! Sayonara, Carbonara, see you soon, Sailormoon! Es war mir ein Volksfest! Gruß an den Rest vom Schützenfest sendet der Held im Erdbeerfeld. Und falls Sie noch immer da sind, Lars, but not Lisa: Erst die rechte, dann die linke, beide machen winke, winke! In diesem Sinne, man siebt sich!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 25.06.2018)

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Eskimos haben hundert Wörter für Public Viewing

Mit dem Dozieren beim kollektiven Fußballschauen macht man sich nicht nur Freunde.

Wussten Sie, dass der Fünf-Meter-Raum auf einem Fußballfeld fünfeinhalb Meter lang ist? Genau, das hat mit den nichtmetrischen Maßen in England zu tun, wo der Abstand zwischen der Torlinie und der Begrenzungslinie des Torraums ursprünglich sechs Yards betrug. Das sind umgerechnet 5,49 Meter – die dann aufgerundet wurden. Beim gemeinsamen Schauen kann man den anderen auch gleich vorbeten, dass Public Viewing eigentlich öffentliche Leichenschau bedeutet. Ist halt nur fast ganz richtig. Der Begriff kann sich im Englischen auf jede Art der öffentlichen Betrachtung von etwas beziehen, wie der Anglist Anatol Stefanowitsch dargelegt hat. Von der Akteneinsicht durch die Öffentlichkeit über Theater- und Filmvorführungen bis zu Kunstausstellungen – und vor allem in den USA eben auch auf die öffentliche Aufbahrung.

Wenn wir schon – in ein paar Tagen werden ja die Tage wieder kürzer – beim Winter sind, sollten wir noch über etwas reden: Nein, Eskimos haben nicht hundert Wörter für Schnee. Diese moderne Sage geht zurück auf den Ethnologen Franz Boas, der von vier Wortstämmen für Schnee ausging – aus denen im Lauf der Zeit immer mehr wurden. Allein, es gibt eine ganze Reihe von Sprachen in der eskimo-aleutischen Sprachfamilie, die halt auch unterschiedliche Begriffe für Schnee haben. Abgesehen davon benutzen auch andere Sprachen etliche Wörter – Neuschnee, Pulverschnee, Harsch, Sulz, Griesel oder Firn, zum Beispiel. Und schließlich sind die Eskimosprachen polysynthetisch, soll heißen, dass manche Wendungen, die im Deutschen einen ganzen Satz brauchen („Schnee, der auf ein Fußballfeld fällt“), in einem einzigen Wort zusammengefasst werden können.

Beim Dozieren während des kollektiven Schauens kann man übrigens noch etwas lernen: Fußballfans kennen hundert Wörter für Besserwisser.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 18.06.2018)

Unbequeme Wahrheiten, die niemand hören will

Sagen Sie niemals Beere zu einer Erdbeere. Sie ist nämlich eigentlich eine, sagen wir, Erdnuss.

Sich die Ohren demonstrativ zuzuhalten und „La la la, ich kann gar nichts hören“ zu singen, ist eine beliebte Kommunikationsstrategie. Und sie mag verständlich sein, wenn jemand eine komplexe Debatte mit plumpen Argumenten in einen Niveaulimbo zu verwandeln droht. Es gibt aber auch die unbequemen Wahrheiten, die manche einfach nicht wahrhaben wollen – die man aber endlich einmal aussprechen muss. Dass Walfische keine Fische sind, hat man ja schon akzeptiert. Aber dass die Spitzmaus keine Maus sein soll? Genau. Sie ist kein Nagetier, sondern gehört zur Gruppe der Insektenfresser, in der auch Igel und Maulwürfe zu finden sind. Der Koalabär ist auch kein Bär. Er gehört zu den Beuteltieren, so wie das Känguru. Dagegen zählen Biologen den Ameisenbären (erwischt, wieder kein Bär) zur Art der Zahnarmen. Aber stimmt schon, Ameisenzahnarmer klingt nicht annähernd so attraktiv.

Im nahenden Sommer bietet sich der besserwisseristische Small Talk etwa beim Picknick an. „Wusstest du“, sagt man dann mit arrogantem Augenaufschlag, „dass die Erdbeere gar keine Beere ist, sondern eine Nuss?“ Das Gegenüber hebt schon die Hände zu den Ohren und setzt zum „La la la“ an. „Die ist aus botanischer Sicht nämlich eine Sammelnussfrucht. Genau, die eigentlichen Früchte sind die kleinen gelb-grünen Punkte an der Oberfläche – das sind die Nüsse. Das rote Fruchtfleisch ist nur der hochgewölbte Blütenboden. Daher sprechen Biologen von einer Scheinfrucht. Also ist die Erdbeere eigentlich eine Erdnuss. Praktisch, dass die echte Erdnuss in Wirklichkeit auch keine Nuss ist, sondern eine Hülsenfrucht wie Erbsen oder Bohnen . . .“
Dann war die Picknickbegleitung plötzlich weg. Was haben Sie gesagt, mit Besserwisserismus sammelt man bei anderen Menschen eher keine Sympathiepunkte? Hm . . . la la la, ich kann gar nichts hören!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 11.06.2018)

Geht’s dem Wortschaft gut, geht’s uns allen gut

Vermutlich lesen Sie über Zweitstaatenlösung einfach drüber, ohne das allzu komisch zu finden.

Streichen Sie gelegentlich Wörter aus Ihrem aktiven Wortschaft? Wortschaft, zum Beispiel. Der taucht nämlich regelmäßig beim Versuch auf, Wortschatz zu schreiben. Man fühlt sich dann regelrecht als Wortschuft. Aber das kommt vor, blättern wir einmal im Handtuch der Vertipper nach. Fast jeder Kundengrippe ist es schon einmal passiert, dass sie in Wein ein Glas Wien getrunken hat. Oder die falsche Domian in den Browser getippt, wenn man den Kieferstatus bei Amazon (oder auch einem anderen Webship) prüfen oder die Zahlungswiese ändern wollte. Bestimmt haben Sie auch schon den einen oder anderen Screenshit solcher Peinlichkeiten gesehen. Und wahrscheinlich ist schon in so mancher Zeitung von der Zweitstaatenlösung die Rede gewesen – die umso interessanter geworden ist, seit die Balkonroute geschlossen ist. Vermutlich eine Alterspanne. Nur wenn dann jemand darüber klagt, wer kommt dann für die Gesichtskosten auf? Waldimir (hihi) Putin vermutlich nicht. Immerhin, so fällt man zumindest nicht negativ auf, wenn man schreibt, dass man gerade auf der Toilette schießen war. Sollte Ihnen jemand mitteilen, dass Sie Elefant sind, können Sie in der Regel davon ausgehen, dass es als Kompliment für Ihr gepflegtes Erscheinungsbild gedacht war. Bekommen Sie eine Nachricht geschickt, dass jemand gerade im Badezimmer seine Brüste sucht, war er wohl auch ein Opfer der Autokorrektur. Und sagt jemand einen Termin ab, weil noch eine Nacktschicht ansteht, wird er die wohl trotzdem bekleidet machen.

Aber es muss gar keine Bedeutung hinter jedem Vertipper versteckt sein, finden Sie nciht? Manchmal entstehen auf diese Weise auch wunderschöne Begriffe, die halt einfach nichts heißen. Geümse, zum Beispiel. Oder eben der eingangs erwähnte Wortschatz – verdammt, jetzt ist es genau umgekehrt passiert . . .

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 04.06.2018)

Haben Sie jemals einen Baum pressen gesehen?

Von Melk an der Donau bis nach Kotzgraben: Auf der Suche nach Ortsnamen in Befehlsform.

Die bekanntesten Kalauer kennt man ja schon. Melk an der Donau, zum Beispiel, wurde schon ziemlich häufig als Ortsname mit Befehlsform verwendet. Hans Weigel hat mit seiner Imperativstapelei unter anderem auch Grein an der Donau, Schwa(t)z in Tirol, Gurgl im Ötztal und Reit‘ im Winkl zum Sprachspielen verwendet – konjugieren („Ich melk an der Donau, du melkst an der Donau . . .“) inklusive. Besonders schön ist es aber, wenn man bei einer Wanderung plötzlich zufällig in einem Ortsschild einen Befehl erkennt. Pressbaum, zum Beispiel. Und schon sitzt vor dem geistigen Auge eine alte Eiche, die mit zusammengekniffenen Augen und verzerrtem Mund alles gibt. Was einem erst bei einem Besuch im steirischen Kotzgraben (Gemeinde Bruck an der Mur) einfallen muss. Oder bei einer Fahrt durch das rheinland-pfälzische Haßloch (ja eh, neue Rechtschreibung ist das nicht). Bei Taufkirchen (davon gibt es mehrere) fragt man sich, ob man Kirchen überhaupt taufen muss. Und ob man Vöslau wirklich schroff zum Baden auffordern sollte? Stunden könnte man auch damit verbringen, einen Berg zu einer Tätigkeit aufzufordern. Spielberg, sagt man dann. Oder Wartberg! Allein, die Reaktion bleibt aus.

Gelegentlich wird ein Befehl ja im Infinitiv gegeben, um ihn besonders deutlich zu machen. Essen, zum Beispiel. Baden! Oder, falls Sie gerade in der Gegend sind, Laufen an der Salzach! Entledigt man sich komplett der korrekten Schreibweise und geht nur auf das Gehörte, gibt es noch ein paar Erfolgserlebnisse. Villach, zum Beispiel – gut, es holpert, aber man lacht danach schon viel. (Verstanden?) Auch in Graz kann man einen schlampigen Befehl entdecken – Sie kratzen sich ratlos am Kopf? Dann haben Sie den Befehl schon ausgeführt. Oje, ist Ihnen das alles zu blöd? Dann sollten Sie besser nicht hier bleiben. In diesem Sinne: Rennweg!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 28.05.2018)

Warum wird beim Tennis so komisch gezählt?

15, 30, 40 – ist halt so. Aber das hat einen Grund. Nur was hat Thomas Alva Edison damit zu tun?

Alva ist ein Vorname für beide Geschlechter. Der für Frauen ist im Schwedischen die weibliche Form von Alvar, zusammengesetzt aus dem althochdeutschen „alf“ (Elfe oder Naturgeist) und „heri“ (Kriegsschar). Heißen Männer so, leitet sich der Name vom hebräischen „Alvah“ ab, was etwa „seine Hoheit“ bedeutet. Falls Sie also auf der Suche nach einem Vornamen für den Nachwuchs sind, können Sie in jedem Fall zuschlagen. So wie einst die Eltern von Thomas Alva Edison (zumindest als Zweitname). Sie wissen schon, das ist der Unternehmer, dem die Erfindung der Glühbirne zugeschrieben wurde. (Er hat sie patentiert, erfunden haben sie andere.) Edison soll aber auch ein extrem schlechter Angler gewesen sein. Und, so die Legende, irgendwann fragte ihn ein Freund, ob er das Angeln nicht lieber aufgeben sollte. Edison soll geantwortet haben, dass er ohne Köder angelt, denn dann würden ihn weder die Fische noch die Menschen um ihn herum belästigen – und er könne nachdenken und reflektieren.
Nur manchmal hilft Nachdenken nicht – da muss man nachschlagen. Warum, zum Beispiel, werden die Punkte beim Tennis so komisch gezählt? Nun, eine Erklärung ist die, dass das auf Spielwetten im Frankreich des 14. Jahrhunderts zurückgeht. Da wurde eine Münze gesetzt, die einen Wert von 15 Denier (Pfennige) hatte. So kam es zu Einsätzen von 15, 30, 45 und 60. Angeblich aus Bequemlichkeit bei der Aussprache wurde 45 zu 40. Eine zweite Erklärung bezieht sich auf das mittelalterliche Jeu de Paume, ein Vorläuferspiel des Tennis. Dort bewegte man sich nach jedem gewonnenen Punkt näher zur Mitte des Feldes – von der 0-Zoll-Linie zu den Linien von 15, 30 und 45 Zoll. Da die 45-Zoll-Linie aber zu nahe am Netz war, wurde sie auf 40 Zoll zurückversetzt.
Jetzt ist uns also ein Licht aufgegangen, oder? Nur Thomas Alva Edison kann in diesem Fall nichts dafür.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 14.05.2018)

Würden Sie Ihre Kinder Tupu, Hupu & Lupu nennen?

Warum werden Namen in anderen Sprachen so anders ausgesprochen oder völlig verändert?

Das polyglotte Glaubensbekenntnis beinhaltet auch die Klausel, dass man sich bei anderssprachigen Gesprächspartnern anderssprachig vorstellt – nicht nur per Grußformel, sondern auch mit dem Namen. Da wird aus einem Georg schnell ein George, aus einer Susanne eine Susanne (die englisch ausgesprochen natürlich anders klingt, aber ich wollte jetzt nicht mit Lautschrift anfangen), und man selbst macht sich eben zum Eric (der in Israel Arik gerufen wurde). Was umgekehrt auch immer wieder vorkommt, dass man Namen aus anderen Sprachwelten falsch betont oder so falsch ausspricht, dass sich die Bezeichneten davon nicht angesprochen fühlen. Und nein, das passiert nicht nur bei gälischen Namen wie Saoirse (ausgesprochen etwa Sirscha), die zwischen Schreibweise und Aussprache einen besonders großen Unterschied aufweisen.

Immerhin, in der Regel lässt sich die internationale Aussprache eines Namens nachvollziehen. Auch wenn es für die eigenen Ohren komisch klingen mag. Bei literarischen Figuren wird es aber manchmal komplizierter. Nehmen wir etwa Troubadix, den Barden aus den „Asterix“-Heften. Der heißt im französischen Original nämlich Assurancetourix, was von Assurance tous risques kommt – also Vollkaskoversicherung bedeutet. In Großbritannien kennt man ihn als Cacofonix, in den USA als Malacoustix. Tick, Trick & Track, die drei Neffen von Donald Duck, heißen im Englischen Huey, Dewey and Louie. In Frankreich kennt man sie als Riri, Fifi et Loulou, in Italien als Qui, Quo & Qua, in den Niederlanden als Kwik, Kwek en Kwak. Und die Finnen sagen Tupu, Hupu ja Lupu zu ihnen. Im Grunde nicht so schlimm, weil die Namen in der jeweiligen Sprache so wohl einfach besser funktionieren. Aber manchmal kann es doch etwas befremdlich sein. Wussten Sie etwa, dass Batman in Schweden früher Läderlappen genannt wurde?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 07.05.2018)