Da haben Sie mich jetzt auf dem kalten Fuß erwischt

Es ist nicht alles Holz, was glänzt, obwohl ich keine Mühlen scheute. Aber aller guten Dinge sind Brei.

Wir haben ja alle ein schweres Brot zu tragen. Aber lassen wir fünf einmal ungerade sein, denn es heißt ja nicht umsonst: Reden und reden lassen. Also, diesmal habe ich wieder keine Mühlen gescheut und möchte etwas aufs Trapez bringen: Zu viele Köche vererben den Brei. Diese Erkenntnis hat bei mir dazu geführt, dass ich die ganze Nacht kein Auge zudrücken konnte. Immerhin wird an allen Ecken und Kanten gespart. Und klar, aller guten Dinge sind Brei. Aber das ist weder Blut noch Fleisch. Zugegeben, auch ein blindes Huhn findet mal seinen Deckel. Und über ungelegte Dinger soll man keine Eier legen. Aber so mühsam, wie sich das Eichhörnchen empört, habe ich das Gefühl, da will mich jemand über den Tisch hauen. Offenbar ist da jemand ein gewaltiges Schlitzauge und hat mich beinhart auf dem kalten Fuß erwischt. Aber gut, Hindernisse sind da, damit man sie überwältigt. Und immerhin bin ich ja ohnehin gerade am Zenit meines Horizonts.

Füttere nie die Hand, die dich beißt, heißt es bekanntlich. So wie auch, dass ein Hund den anderen wäscht. Aber seien wir uns ehrlich, es ist nicht alles Holz, was glänzt. Doch selbst, wenn es langwierig werden sollte: Steter Topfen höhlt den Stein. Und das ist immer noch besser, als mit Spatzen auf Kanonen zu schießen. Denn das könnte letztlich der Funke sein, der das Fass zum Überlaufen bringt. Wirklich? Nun, da streiten sich die Geister. Das setzt dem Eisberg die Spitze auf, meinen die einen. Die anderen wiederum glauben, das sollte man nicht alles auf Messers Schneide legen. Ich persönlich tendiere ja zu Zweiterem – denn ich bin doch nicht selbstmüde! In diesem Fall gehe ich einfach mal an die frische Sonne und hoffe, dass irgendwann der Schwamm drüber gewachsen ist. Wie auch immer, die Zeit ruft! Aber darf ich Sie noch um etwas ersuchen? Machen Sie sich bitte nicht lächerlich über mich!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 30.07.2018)

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Mit dem Festnetztelefon war alles irgendwie noch lustiger

„Evangelischer Hundefriedhof, Pater Müller“ und weitere Erinnerungen an längst vergangene Zeiten.

Es war einmal eine Zeit, in der man stundenlang daheim saß und hoffnungsvoll auf das Telefon starrte. Auf einen Anruf warten kann man zwar heute immer noch, aber erstens kann man dabei auch spazieren gehen und zweitens lässt sich die Wartezeit auch noch mit SMS (verwendet das eigentlich noch jemand?), WhatsApp und sonstigen Diensten überbrücken. Sie ahnen schon, jetzt kommt eine „Komm Opa, erzähl uns von früher“-Litanei. Also gut, gehen wir es an. Unter Festnetztelefonierern galt der Anruf bei Mitschülerinnen ja einst als Mutprobe. Immerhin wusste man nie, wer abheben würde. Hach, wie knechtend war das Stammeln zu einem Elternteil, dass man gern mit der Tochter sprechen würde. Wie großartig verlief später mancher Dialog beim Anruf in einer Studenten-WG: „Hallo, bist du es?“ „Ja, ich bin schon ich, aber nicht die, die du suchst.“ Immerhin, in Momenten wie diesen konnte man sich am Spiralkabel festhalten, sich darin festkrallen – versuchen Sie das einmal beim Handy.

Auch als Angerufener war da diese Spannung. Rufnummernerkennung war damals noch Science-Fiction, es konnte also der Schulfreund sein – oder ein geschäftlicher Anrufer für die Eltern. „Hier ich, wer dort?“ kam also nicht immer gut an, so wie auch „Evangelischer Hundefriedhof, Pater Müller“ keine zulässige Form des Meldens war. Dann waren da noch die verschiedenen Denkschulen, ob man sich mit Ja oder Hallo melden durfte oder man den Familiennamen sagen musste. Und, erinnert sich noch jemand daran, früher kostete Telefonieren wirklich Geld. „Erzähl ganz schnell, Ferngespräche sind ja so teuer“, hieß es da gelegentlich. Aber jetzt, liebe handyaffine Generation, reicht es. Denn wenn ich jetzt noch anfange, von Vierteltelefonen zu erzählen, glaubt das heute sowieso keiner mehr.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 23.07.2018)

Wasser ist nicht nass, Wasser macht nass

Wenn das der Badewaschel wüsste, würde er uns wohl mit einem nassen Fetzen davonjagen.

Wasser ist nass. Widerspruch, irgendjemand? Vermutlich nicht. Schade eigentlich. Denn vielleicht stimmt diese Weisheit ja gar nicht. Bevor Sie mich jetzt mit nassen Fetzen davonjagen, blättern wir doch einmal nach: Der Duden definiert nass zum Beispiel als „von Feuchtigkeit, besonders Wasser, durchtränkt oder von außen, an der Oberfläche damit benetzt, bedeckt“. Der Fetzen, den Sie gerade schwingen, während Sie mir hinterherrennen, ist also eindeutig nass. So wie auch alles, was damit geschlagen wird. Kommt etwas Trockenes in Kontakt mit Wasser, wird es nass – darauf können wir uns einigen. Das Wasser selbst ist es, rein sprachlich gesehen, nicht. Es ist, die richtigen Temperatur- und Druckverhältnisse vorausgesetzt, flüssig. Und es macht nass. Wenn sich das Wasser besonders stark in die Kleidung gesaugt hat, sogar pitschnass. Müsste man nur noch wissen, wer oder was dieser Pitsch ist. Vermutlich ein bildender Künstler, ein Lautmaler, der das Geräusch wiedergeben soll, das beim Auftreffen eines Tropfens auf eine Fläche entsteht, gern auch als patsch oder pitsch, patsch. Oder auch plitsch, platsch, mit dem der Froschkönig die Marmortreppe hinaufgekrochen ist. Auch klitsch und klatsch gehören in dieselbe Kategorie.

Gerade in Österreich wird man in diesem Fall auch gern waschelnass. Wascheln ist laut dem Grimm’schen Wörterbuch mit dem Waschen verwandt, es bezeichnet etwa das Herumplätschern im Wasser, aber auch starken Regen. (Bei beidem wird man übrigens nass.) Macht man im Bad andere ohne deren Einverständnis waschelnass, kann das den Badewaschel auf den Plan rufen. Der kommt sprachlich wohl vom Wäscher, dem Badediener. Und tritt auch dann auf, wenn man jemanden ins Nass stößt – ins Nass? Nun, darunter versteht der Duden unter anderem Wasser, in dem man schwimmt. Am Ende gilt dann also doch irgendwie: Wasser ist Nass.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 16.07.2018)

Das Kerbholz hat doch nicht alle Tassen im Schrank

So manchen Begriff verwenden wir, ohne seinen Ursprung zu kennen. Darüber sollten wir reden.

Es war ein Moment der Romantik. Gerade ging es daran, auf Tuchfühlung zu gehen. Doch plötzlich blinkte sie auf: die Frage, woher dieser Begriff eigentlich kommt. Nun, ursprünglich hatte das mit sexueller Anziehung nichts zu tun. Eher im Gegenteil, kommt es doch vermutlich aus der militärischen Sprache – wenn Soldaten so nahe beisammenstehen, dass sich der Stoff ihrer Kleidung, also das Tuch, schon berührt. Tuchfühlung halt. „Hast du eigentlich noch alle Tassen im Schrank?“, fragte das Gegenüber. Tja, auch das ist eine dieser Redewendungen, deren Ursprung anders ist, als wir vermuten. Die gängigste Deutung ist, dass es vom jiddischen „Toshia“ kommt, was Verstand oder Gemüt bedeutet. Daraus dürften dann die Häferln geworden sein, in denen man auch einen Sprung haben kann.

Apropos Sprung, springen wir zu einem weiteren Begriff, den wir gern einsetzen, ohne seine ursprüngliche Bedeutung zu kennen: dem Kerbholz. Dabei handelt es sich um ein längliches Stück Holz, auf dem Dinge eingeritzt wurden, etwa Schulden, die jemand hatte. Das Holz wurde dann so gespalten, dass Gläubiger und Schuldner später beim Zusammenfügen feststellen konnten, ob etwas daran manipuliert worden war. Etwas auf dem Kerbholz zu haben bedeutet also, Schulden zu haben. Und will man jemanden am Schlafittchen packen, bezieht sich das auf den Schlagfittig – so wird im Niederdeutschen der Flügel einer Gans bezeichnet. Hat man den Vogel daran gepackt, kommt er nicht mehr allzu weit. Dieser Begriff hat sich später auf die Kleidung einer Person übertragen und wird heute dafür gebraucht, wenn man jemanden am Kragen oder Ärmelzipfel hält.
Der romantische Abend ging dann übrigens in die Binsen. Die Herkunft dieser Redewendung könnte man natürlich auch noch erklären. Aber irgendwie ist mir jetzt die Lust daran vergangen . . .

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 02.07.2018)

Fahr dir mit dem Finger ins Auge, das brennt auch

Das Rauchen hat der Sprache einige geflügelte Worte bereitet. Nicht alle sind besonders originell.

„Ich rauche, trinke schwarzen Kaffee, schlafe zu wenig, mache zu wenig Bewegung und bin auf diese Weise 70 Jahre alt geworden. Vielleicht wäre ich bei gesünderer Lebensführung heute schon 75 oder 80, aber das lässt sich schwer feststellen.“ Nicht jeder hat die sprachliche Eleganz eines Friedrich Torberg, aber der Titel seines Feuilletons von 1978 ist schon Allgemeingut: „Auch Nichtraucher müssen sterben.“ Es ist dieser gleichgültig-resignierend-arrogante Tonfall, der zum Rauchen dazugehört. Das Weglächeln als Gegenstrategie zu plakativen Warnhinweisen und Schockbildern (wem ist dieser Begriff eigentlich eingefallen) auf Zigarettenpackungen. „Rauchen ist krebserregend? Mir doch egal, was Krebse geil macht.“ Oder der Klassiker: „Es gibt nur einen Weg zur Lunge, und der muss geteert werden.“

Also gut, reden wir über das Rauchen und die Sprache. „Ich geh nur schnell Zigaretten holen“ ist längst ein geflügeltes Wort dafür, dass man sich absetzen möchte. „Ich war noch niemals in New York“, Sie wissen schon. Ein Klischee, aber so wie der Reim von Herz auf Schmerz nicht wegzubekommen, ist die 08/15-Phrase „. . . und nimmt einen tiefen Zug von seiner Zigarette“ in Reportagen, wenn Autoren versuchen, einen Text lebendiger zu machen. Und auch im Alltag gibt es einige Phrasen, die quasi auf Knopfdruck abrufbar sind: „Hast du eine Zigarette für mich? Meine sind noch im Automaten.“ In diesem Fall raucht man übrigens holländische Zigaretten – van den Anderen. Als Antwort hat sich unter anderem etabliert: „Bin ich vielleicht die Caritas?“ Verwandt ist auch die Antwort bei der Frage nach Feuer: „Fahr dir mit dem Finger ins Auge, das brennt auch.“ Oder, wenn jemand Zigarette und Feuer schnorrt: „Aber rauchen tust du schon selber?“ Nun, wie gesagt, nicht jeder kann ein Torberg sein. Dem wäre jetzt nämlich sicher eine Schlusspointe eingefallen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 02.07.2018)

Buongiorno, Adorno, geh mit Gott, aber flott!

Reden wir übers Verabschieden – und machen wir es anders. Ein Text, der beim Lesen wehtun soll.

Hallöchen mit Öchen, heroinspaziert zur dieswöchigen Lektion. Also, was kann ich gegen Sie tun? Gut, reden wir übers Grüßen. Von Guten Tacho bis Ciao Cescu und so. In diesem Sinne, buongiorno, John Porno, lang nicht gesehen und doch erkannt! Wobei es eigentlich erst bei der Verabschiedung so richtig losgeht, au reservoir und so, Sie wissen schon. Dazu kann man nämlich auch auf Video sehen sagen, wenn nicht sogar auf Wiese gehen oder in der absoluten Kurzform Wirsing! Zur Perfektion kann man es ja bringen, indem man in die Verabschiedung auch einen Hinweis auf das nächste Treffen einbringt. Bis Danzig! Bis Denver! Bis Dennis! Oder auch weniger konkret: Bis Baldrian! Wer bis später, Attentäter lustig findet, wird damit wohl auch seinen Spaß haben, während bis später, Peter nicht bei jedem Gesprächspartner funktioniert (und dennoch gern eingesetzt wird). Tschau, Kakao schlägt übrigens tschau mit au um Längen, tschü mit ü sowieso. Aber jetzt will ich mich nicht länger aufhalten, bedanke mich herz rechtlich und verabscheue mich . . .

Dumm nur, dass der Textkasten an dieser Stelle gerade einmal zur Hälfte gefüllt ist. Also gut, machen wir weiter, ehe wir Küsschen mit Nüsschen sagen dürfen. Material gibt es ja noch genügend. Bye bye, Butterfly, zum Beispiel. Oder mach’s gut, Zuckerhut (Mach’s gut, aber nicht zu oft – das reimt sich ja nicht einmal!). Dann schon lieber hast la vista, Mista! Oder geh mit Gott, aber flott! (Geh mit Gott, aber geh – das kennen Sie eh . . .) Gut, was kann ich Ihnen noch mitgeben? Nun, bleib sauber, so wie ich immer sein wollte! Sayonara, Carbonara, see you soon, Sailormoon! Es war mir ein Volksfest! Gruß an den Rest vom Schützenfest sendet der Held im Erdbeerfeld. Und falls Sie noch immer da sind, Lars, but not Lisa: Erst die rechte, dann die linke, beide machen winke, winke! In diesem Sinne, man siebt sich!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 25.06.2018)

Eskimos haben hundert Wörter für Public Viewing

Mit dem Dozieren beim kollektiven Fußballschauen macht man sich nicht nur Freunde.

Wussten Sie, dass der Fünf-Meter-Raum auf einem Fußballfeld fünfeinhalb Meter lang ist? Genau, das hat mit den nichtmetrischen Maßen in England zu tun, wo der Abstand zwischen der Torlinie und der Begrenzungslinie des Torraums ursprünglich sechs Yards betrug. Das sind umgerechnet 5,49 Meter – die dann aufgerundet wurden. Beim gemeinsamen Schauen kann man den anderen auch gleich vorbeten, dass Public Viewing eigentlich öffentliche Leichenschau bedeutet. Ist halt nur fast ganz richtig. Der Begriff kann sich im Englischen auf jede Art der öffentlichen Betrachtung von etwas beziehen, wie der Anglist Anatol Stefanowitsch dargelegt hat. Von der Akteneinsicht durch die Öffentlichkeit über Theater- und Filmvorführungen bis zu Kunstausstellungen – und vor allem in den USA eben auch auf die öffentliche Aufbahrung.

Wenn wir schon – in ein paar Tagen werden ja die Tage wieder kürzer – beim Winter sind, sollten wir noch über etwas reden: Nein, Eskimos haben nicht hundert Wörter für Schnee. Diese moderne Sage geht zurück auf den Ethnologen Franz Boas, der von vier Wortstämmen für Schnee ausging – aus denen im Lauf der Zeit immer mehr wurden. Allein, es gibt eine ganze Reihe von Sprachen in der eskimo-aleutischen Sprachfamilie, die halt auch unterschiedliche Begriffe für Schnee haben. Abgesehen davon benutzen auch andere Sprachen etliche Wörter – Neuschnee, Pulverschnee, Harsch, Sulz, Griesel oder Firn, zum Beispiel. Und schließlich sind die Eskimosprachen polysynthetisch, soll heißen, dass manche Wendungen, die im Deutschen einen ganzen Satz brauchen („Schnee, der auf ein Fußballfeld fällt“), in einem einzigen Wort zusammengefasst werden können.

Beim Dozieren während des kollektiven Schauens kann man übrigens noch etwas lernen: Fußballfans kennen hundert Wörter für Besserwisser.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 18.06.2018)