Männer, die ihr Sakko über die Schultern hängen

Das majestätische Gefühl eines Umhangs stellt sich nicht ein, wenn die Ärmel hilflos herumbaumeln.

„I would do anything for love (but I won’t do that)“, sang Meat Loaf. Aber halten wir uns nicht mit dem schwülstigen ersten Teil auf, sondern lenken unsere Aufmerksamkeit gleich auf die Worte in der Klammer. Diese sollten nämlich viel öfter beachtet werden. Nein, das mache ich einfach nicht. Unmoralische Angebote annehmen, zum Beispiel. Oder sich zum Gaudium anderer zum Trottel machen. Es braucht manchmal Mut, Nein zu sagen. Und natürlich ist es hilfreich, ein Gerüst an Grundwerten aufgebaut zu haben, auf dessen Basis man ein Nein guten Gewissens stellen kann. Womit wir bei einem weiteren wichtigen Begriff landen, nämlich der Haltung. Sie leidet nämlich gewaltig, wenn Männer ihr Sakko über die Schultern hängen. Und nein, damit ist nicht die politisch inszenierte Form von Dynamik gemeint, wenn jemand den Zeigefinger in die Schlaufe steckt und das Jackett auf einer Seite des Rückens herabsinken lässt. Gemeint ist jene Körperhaltung, bei der das Sakko über beiden Schultern hängt, die Arme jedoch nicht in den Ärmeln stecken, sondern vorn herauslugen. „I won’t do that (at least I shouldn’t)“, könnte das dazugehörige Lied auf dem neuen Meat-Loaf-Album heißen. (Meat Loaf kennt man heute schon noch, oder?)

Zugegeben, im Winter taucht diese modische Extravaganz nur selten auf. Aber der nächste Sommer kommt bestimmt, und dann soll kein Mann sagen, dass er nicht gewarnt wurde. Davor, dass die Proportionen dann nicht passen, die losen Ärmel hilflos herumbaumeln und sich das majestätische Gefühl eines Umhangs bei sämtlichen Beobachtern nicht und nicht einstellen will. Doch damit genug der Stilkunde aus dem Munde eines modischen Blindgängers, der schon selbst seine „I won’t do that“-Momente gehabt haben sollte. Aber wer noch nie ein Meat-Loaf-T-Shirt über einem hellblauen Sweater getragen hat, der werfe den ersten Stein . . .

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 11.01.2016)

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Die Hände hinter dem Rücken verschränken

Der Kampf gegen eine Körperhaltung, die vor allem älteren Männern zugeschrieben wird.

Peinlich berührt. Hat man sich wirklich gerade selbst dabei ertappt, wie man beim Gehen die Hände hinter dem Rücken verschränkt hat? Ganz genau, das ist jene Körperhaltung, die vor allem älteren Männern zugeschrieben wird. Die tritt, so sagt man, zum selben Zeitpunkt ein, zu dem man hellbraune Mäntel zu tragen beginnt. Und einen Hut, den man freundlich lupft, wenn man auf der Straße jemandem begegnet. Kurzum, es ist eine Verhaltensweise, für die man sich bis zu einem bestimmten Alter zu jung fühlt. Wie kommt es überhaupt dazu? Vielleicht, weil dadurch die Wirbelsäule entlastet wird, man nicht so nach vorn gebückt steht? Oder weil man die Hände aus welchen Gründen auch immer nicht in die Hosentaschen stecken möchte, sie aber nicht einfach herunterbaumeln sollen? Hat man ja früher gelernt, dass Hände im Hosensack (sagt das heute eigentlich noch jemand?) unfein sind, so wie das Lümmeln mit den Ellbogen auf dem Tisch. Ups, und schon wieder hat man gedankenverloren die Arme hinter dem Rücken.

Ein bisschen schummeln geht natürlich. An der roten Ampel, zum Beispiel. Da wird dann gleichzeitig der Rücken durchgestreckt, die Beine stehen etwas weiter als schulterbreit, und der Blick wandert starr geradeaus, bis man wirkt wie ein Soldat aus einem amerikanischen B-Movie. Doch sobald die grünen Ampelmännchen aufleuchten, fliegt der Betrug auf, wirkt die Körperhaltung nicht wie bei Jean-Claude Van Damme in den 1980ern, sondern wie bei einem durchschnittlich unsportlichen Menschen in seinen 80ern. Gerade, dass im Hintergrund nicht STS dreistimmig zu „Großvater“ ansetzen.

In diversen Körpersprache-Ratgebern ist auch die Rede davon, dass die Hände hinter dem Rücken zeigen, dass man etwas zu verbergen hat. Gute Idee, eigentlich. Nur wie verbirgt man damit, dass man gelegentlich unbewusst die Hände hinter dem Rücken verschränkt?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 04.01.2016)