Liebe Fahrgäste, Sie verzögern die Abfahrt

Der aktuelle Soundtrack der Stadt ist das genervte Wehklagen über die Passagiere in der Straßenbahn.

Natürlich könnte man auch den Donauwalzer nehmen. Im beschwingten Dreivierteltakt durch die Stadt hopsen, beobachtet von einer Kameradrohne, die im Abgang den majestätischen Sonnenaufgang über dem Schloss Schönbrunn einfängt, während Balletteleven und Wiener Sängerknaben von der Gloriette herunterwinken. Aber es wäre ein Soundtrack der Stadt, der vielleicht ein bisschen weit weg wäre vom alltäglichen Geschehen in Wien. Die eigentliche Hintergrundmusik der Stadt wirkt deutlich hölzerner. Sie kommt ohne Pathos aus, ohne liebliche Streicherklänge und eignet sich nur bedingt für die Aufführung beim Neujahrskonzert: „Liebe Fahrgäste, Sie verzögern die Abfahrt. Bitte halten Sie den Türbereich frei!“

Die Durchsage in Straßenbahnen und Bussen der Wiener Linien läuft mittlerweile in Heavy Rotation. Weil die Stadt wächst und der öffentliche Verkehr dem Wachstum nicht ganz nachgekommen ist. Und weil es die Wiener Urangst gibt, eine Station zu weit fahren zu müssen, weil man nicht aus dem Gefährt kommt – darum krallen sich alle an den Türbereich. Was offenbar schon so bekannt ist, dass die Meldung aus dem Lautsprecher sogar dann kommt, wenn man gerade erst zum Einsteigen ansetzt. Das erinnert ein bisschen daran, wie Straßenbahnfahrer versuchen, ein Auto, das den Schienenbereich blockiert, weil der Gegenverkehr es am Linksabbiegen hindert, einfach wegzubimmeln. Psychotrick, sehr perfide! So wie auch die Durchsage, die, weil automatisiert, weitgehend ohne Emotion abläuft: Nüchtern wie ein Elternteil, der dem Kind mantraartig eine Verhaltensregel einbläuen will – und dabei erst am Anfang steht, also noch ohne genervten Unterton. Der kommt erst, wenn sich nach einigen erfolglosen Durchsagen der Fahrer per resigniertem Liveeinstieg einschaltet: „Mir is‘ wurscht, ich bin schon in der Arbeit.“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 26.06.2017)

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Mit Sonnenmilch macht man keinen großen Braunen

Wenn der EuGH erst entdeckt, dass Skandinavier Sonnenöl für extra helles Bier halten könnten.

Das geht runter wie Öl, denkt man. Und stellt das geleerte Stamperl Olivenöl doch ein wenig angeekelt zur Seite. Kunststück, hat doch die Redewendung nichts mit Salatmarinade oder Schnitzelfett zu tun. Sondern mit Bier, das etwa in Dänemark und Norwegen Øl heißt – und Schwedenurlaubern als Öl ein assoziatives Erweckungserlebnis beschert. (Und die lauwarme Cervisia aus „Asterix bei den Briten“ nennt man heute Ale, wenn wir schon dabei sind.) Verwunderlich, dass der EuGH bisher noch nicht von enttäuschten Verbrauchern eingeschaltet wurde, die sich versehentlich ein kühles Blondes über den Salat geleert haben. Wie ein Prisma hat das Bierglas zuvor das Licht in die Spektralfarben aufgefächert – so ein bunter Salat hätte das werden können. Doch am Ende landete nur bitterer Schaum auf dem Radicchio. So züchtet man sich also eine Allergie auf gesunde Ernährung heran. Ähnlich wie damals, als man Sonnenmilch in den Kaffee goss – und sich wunderte, dass aus dem Mokka kein kleiner Brauner wurde. Wie groß muss erst die Enttäuschung skandinavischer Besucher sein, die vom Sonnenöl nippen, weil sie dahinter ein extra helles Bier vermuten. Da hat der mündige Bürger wohl etwas in die falsche Kehle bekommen.

Vermutlich könnte man stundenlang darüber nachdenken, warum man zwar für mündig genug gehalten wird, bei einer Wahl eine Entscheidung zu treffen. Aber offenbar für zu blöd, um im Supermarkt zu erkennen, dass Sojamilch nicht armen Sojas (vermutlich flauschige Wiederkäuer aus dem Himalaya) aus den Eutern gepresst wird. Apropos, mündig hat nichts mit Mund zu tun. Es leitet sich vom althochdeutschen Munt ab, was soviel bedeutet wie Schutz oder Vormundschaft. Das wiederum kommt vom urgermanischen mundo, das für Hand steht. Hand aufs Herz, hätten Sie das gewusst? Wenn nicht, dürfen Sie mich gerne auf ein Öl einladen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 19.06.2017)

Wenn es wieder einmal Spitz auf Kopf steht

Wer auf dem Holzweg ist, hat keine Bretter unter den Füßen. Aber das ist uns doch schnuppe.

Der Holzweg ist gar nicht aus Holz. Über einen gezimmerten Steg Richtung Wasser zu gehen, kann also sehr wohl zielführend sein. Die metaphorische Redewendung für einen Irrweg leitet sich von Schneisen ab, die in den Wald geschlagen wurden – etwa, um gefällte Bäume zu transportieren. Auf ihnen landet man dort, wo ein Baum geschlagen wurde, nicht aber auf der anderen Seite des Waldes. Das ist mir schnuppe, könnte man denken und weitermarschieren, nur würde man dann den Gedanken nicht mehr los, woher nun diese Redewendung wieder kommt. Hinter der Schnuppe steckt das verkohlte, glühend abstehende Dochtende einer brennenden Kerze. Das damit wertlos geworden ist – und somit als abwertende Bezeichnung für etwas, was einem egal ist, metaphorisch eine neue Daseinsberechtigung bekam. (Und ja, die Sternschnuppe als Bezeichnung für einen am Nachthimmel aufglühenden Meteor kommt auch vom glühenden Dochtende.)

Gerade bei Redensarten, deren Herkunft nicht jedem geläufig ist, schleichen sich gelegentlich Fehler ein. Auf Messers Scheide, zum Beispiel. Wer hier ein n vermisst, liegt richtig. Immerhin, dass eine Situation auf dem geschärften Teil einer Klinge ungewiss ist, kann man sich noch vorstellen. Wenn es in einer ähnlichen Lage Spitz auf Knopf (nein, nicht Spitz auf Kopf!) steht, ist die erste Assoziation aber schon nicht mehr ganz so einfach. Knöpfe annähen mit einer spitzen Nadel oder so? Nun, fast. Am Ende landen wir wieder beim Schwert – das hat eine Spitze und einen Knauf, auch Knopf genannt. Mit der Spitze sticht man den Feind, mit dem entgegengehaltenen Knopf besiegelt man Frieden. Prügeln wir uns weiter oder simma wieder gut, kurz gesagt. Es empfiehlt sich also ein Blick zurück auf den Ursprung, um solche Redensarten nicht falsch zu verwenden. Sie wissen schon, das erheitert den Horizont.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 12.06.2017)