Nicht schlecht staunte Winnetou abschließend

Wer kennt das nicht? Das Gefühl nämlich, dass Zeitungsartikel, die mit „wer kennt das nicht?“ beginnen, gern mit „bleibt abzuwarten“ enden. Soll heißen, dass im journalistischen Vorratsschrank gelegentlich auf Konfektionsware zurückgegriffen wird, die schon seit Jahrzehnten in Regalen vor sich hin angestaubt werden. Zu glauben, dass Leser das ohnehin nicht bemerken, wäre ein Trugschluss, schließlich gibt es bereits ganze Websites, die sich dem Einsatz sprachlicher Dutzendware widmen. Die lieblose Phrase „Nicht schlecht staunte“ zu Beginn eines Artikels feiert Tag für Tag „das größte Comeback seit Lazarus“ – um eine weitere dieser Phrasen zu bemühen. Als selbstkritischer Journalist (ja, auch mea culpa) muss man sich fragen, ob man nicht auch selbst ab und zu dem Immermehrismus anheimfällt, indem man Phänomene, die sich einer exakten Quantifizierung verweigern, eben mit „immer mehr“ beziffert.

Wenn wir schon beim Stil sind – gelegentlich wird das schöne Verb „sagen“ durch, sagen wir, eher unpassende Formulierungen ersetzt. „Es zieht“, schloss der Kapitän das Fenster. „Der arme Hund“, packte er das Häufchen in ein Plastiksackerl. Und um ein wenig scheinbare Authentizität ins Spiel zu bringen, wird das Sagen auch gern mit einer Tätigkeit verbunden, die nicht zwangsläufig etwas damit zu tun haben muss. „Ich habe Hunger“, sagte er und nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarette. Ja, eh. Und irgendwann landen wir dann womöglich bei „Hugh“, sprach Winnetou, schnitt sich ein Loch in den Bauch und verschwand darin.

Nicht zu vergessen das „so“, das so gern zum Verbersatz mutiert. Allein, man kann nicht etwas soen. Macht aber nichts, man gewöhnt sich an alles. So auch an die klassischen Schlusspointen in Pressaussendungen vornehmlich politischer Parteien. „Bla bla bla“, so XY abschließend, ist ein Klassiker. Oder, wenn gleich zwei Menschen zitiert werden, „so beide unisono“. Tja, wer kennt das nicht? Doch ob sich das jemals ändern wird, bleibt abzuwarten, so ich abschließend.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 12.01.2015)

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Ein Schritt zu wenig

Es gibt ja diese Phrase, dass man mit etwas einen Schritt zu weit gegangen ist. Weitgehend unbekannt im Schatzkästlein der Aphorismen ist dagegen der umgekehrte Fall – der berühmte Schritt zu wenig. Dabei taucht er im Alltag viel häufiger auf. Etwa beim Wegwerfen eines Taschentuchs: Es wären drei, vier Schritte in Richtung Mistkübel – doch sobald eine akzeptable Distanz erreicht ist, wird mit einer lässigen Wurfbewegung das zusammengeknüllte Stück in Richtung der Öffnung befördert. Dumm nur, dass das aerodynamische Verhalten eines Papiertaschentuchs nicht ganz so berechenbar ist wie das eines Basketballs. Und so endet der Wurf zu 99 Prozent auf dem Boden. Womit der eine eingesparte Schritt Makulatur ist. Nicht nur, dass er nun nachgeholt werden muss, kommt auch noch mit dem Bücken ein weiterer Arbeitsschritt hinzu. Es macht übrigens keinen Unterschied, ob das Objekt vorher noch die Kante berührt und von dort nach außen wegspringt. Außer vielleicht jene Geste, mit der man sich selbst enttäuscht signalisiert, dass es richtig knapp war – so wie Fußballer nach einer verpatzten Torchance theatralisch auf die Knie sinken und sich mit beiden Händen an den Kopf greifen. Könnte in diesem Fall halt übertrieben wirken.

Der eine Schritt zu wenig lässt sich aber auch erweitern. Wenn man etwa beim Abräumen des Frühstückstischs Teller, Tassen, Eierbecher, Marmeladenglas, Honiglöffel, Wurstrest und halbe Semmel zu einem gigantischen Turm aufbaut, um nur einmal den Weg in die Küche antreten zu müssen. Und dann beim Gehen die fragile Konstruktion bedrohlich zu wackeln beginnt. Die Konsequenz ist dann meist, dass nicht nur ein Fußweg nachgeholt werden muss, sondern auch noch ein paar Gabeln aufzuheben sind und ein Marmeladenfleck vom Teppich gewischt werden muss.

Es ließen sich noch viele derartige Beispiele finden. Etwa die Schnalle, die gedrückt wird, noch ehe man die Tür erreicht hat. Oder das Trinkglas, das gekippt wird, noch ehe es am Mund aufliegt. Aber ich kann jetzt leider nicht, ich muss noch die nasse Wäsche aufsammeln, die auf dem Weg zum Trockner liegt . . .

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 05.01.2015)