Brennstab zum Frühstück und arrogantes Gemüse

Stanniolpapier wird zu Konfetti, Eierschale bricht wie ein Deckenfresko – und womit kämpfen Sie so?

Ihre Probleme möchte ich haben, werden Sie jetzt sagen. Gern, bitte sehr. Könnten Sie dann bitte das Stanniolpapier von der Mozartkugel pulen! Hat die nämlich schon einen kleinen Fettreif gebildet (Sie kennen das, diesen weißen Film auf der Oberfläche), weil sie ein bisschen zu lange im Küchenregal gelegen ist, reißt die Folie und bleibt in Hunderttausend kleinen Konfettistückchen auf der Schokolade kleben. Immerhin macht man sich die Finger dabei nur fettig und verbrennt sie sich nicht – so wie mit dem weichen Ei im Kaffeehaus. Das wird offenbar in einem eigens ausgebrochenen Vulkan in der Küche zubereitet. Und nachdem es aus der Lava gefischt wurde, hält es niemand für nötig, es mit kaltem Wasser abzuschrecken. Klar, dass die Schale dann wie ein brüchiges Deckenfresko mühsam Stück für Stück abgetragen werden muss. Unter Schmerzen, weil die Finger schon Blasen werfen. Profitipp: Das Glas Wasser zum Frühstückskaffee kann als Abklingbecken genutzt werden. Beginnt es zu blubbern oder verdampft das Wasser, hat man Ihnen statt des Eis versehentlich einen Brennstab serviert.

Wenn wir gerade beim Essen sind: Finden Sie nicht auch, dass Romanesco das arroganteste unter den Gemüsen ist? Mit diesen feinen Türmchen, diesen fraktalen Strukturen liegt er im Regal und kommt sich unglaublich gut vor. He, schaut her, ich bin viel cooler als der schnöde Karfiol. Yeah, Baby, wie findet ihr meine Fibonacci-Spiralen? Am liebsten würde man ihn gleich in das blubbernde Glas mit dem Ei werfen – falls Sie ihn ins Kaffeehaus mitgenommen haben, natürlich. Dazu lässt man sich Senf im Portionsbeutel bringen, an dessen Sollreißstelle (gibt es das Wort?) „Hier öffnen“ steht. Und an der man so lange herumreißt, bis der Ober mit mitleidigem Blick eine Schere bringt. Und, noch immer sicher, dass Sie meine Probleme haben wollen?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 30.05.2016)

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In Prenzlauer Berg sind sogar die Fleischfliegen aus Tofu

Artikel von Bezirken und Orten haben manchmal ihre ganz eigene Logik. Nicht nur in Deutschland.

Beginnen wir mit ein paar alten Zoten, dass der Berliner Ortsteil Prenzlauer Berg geprägt ist von Caffè-Latte-Mamas, Radfahrern mit Bart und Männerdutt und nicht zuletzt von veganen Bewohnern. So vegan, dass in Prenzlauer Berg sogar die Fleischfliegen aus Tofu sind. Aber Sie haben recht, das wäre billig. Und das eigentlich Interessante am vorhergehenden Satz ist doch eigentlich die Präposition davor – „in“ Prenzlauer Berg. Klingt komisch, schließlich würde der Instinkt erstmal „am“ vorschlagen – oder „im“, wenn man sich die Bewohner des Bezirks als Gold schürfende Zwerge aus einem Tolkien-Roman vorstellt. So sagt man es aber nicht. Und damit ist es für Auswärtige anfangs etwas ungewohnt. Genauso wie der Ortsteil Tiergarten – da steht man dann im Zoologischen Garten (ein Zoo) im Großen Tiergarten (ein Park) in Tiergarten (der Ortsteil). Klar, ne? Dann wäre da noch der Ortsteil Wedding – der hat nämlich ein „der“ davor, und man befindet sich demnach „im Wedding“. Das wiederum geht darauf zurück, dass dort früher ein Gutshof eines adeligen Herrn de Weddinghe war. Früher wohnte man auf, heute im Wedding. Auch außerhalb Berlins finden sich Ortsnamen, deren Artikel ungewohnt wirken. Aber Wuppertal ist nun mal eine Stadt und kein Tal, darum ist man nicht im, sondern in Wuppertal, das halt im Tal der Wupper liegt.

Aber eine typisch deutsche Eigenheit ist das nun auch wieder nicht. Auch in Österreich gibt es viele Ortsnamen, deren Artikel nicht ganz zur Endung passt. Das weiß man dann halt aus Erfahrung – und man kann sich über die Auswärtigen amüsieren, die meinen, dass man in der Klosterneuburg sein Dasein fristen muss, dass man im Altlengbach sitzen kann oder im Altaussee auf bessere Zeiten hofft. Aber das besprechen wir am besten bei Gelegenheit einmal im Floridsdorf. Oder am Simmering – wo immer dieses Simme auch sein soll.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 23.05.2016)

Leute, die in der Toilette noch Bücher liegen haben

111 Bücher, die man am stillen Ort gelesen haben muss – dank Smartphones leider ausgestorben.

Vermutlich gibt es sie sogar schon, eine Dissertation, die sich der Frage widmet, wie sehr sich die Aufenthaltsdauer auf öffentlichen Toiletten seit Einführung des Smartphones geändert hat. Ganz ohne Statistik, nur auf anekdotischem Wissen aufgebaut, ist die Hypothese, dass die Dauer des Stuhlgangs sich direkt proportional zur Länge des Artikels verhält, der gerade auf dem Display angezeigt wird. Klar, oft sind es gar keine längeren Texte, sondern Katzenfotos oder kurze Videos von kleinen Hamstern, die kleine Tacos essen. Aber erstens ist das nicht so wichtig und zweitens na und. Der Kern der Botschaft ist nämlich, dass das Gerät die eigentliche Dauer des Besuchs in der Kabine in jedem Fall verlängert. Besonders verräterisch dabei sind jene Zeitgenossen, die noch Tastentöne verwenden – lustige Idee, eigentlich, auf einem glatten Display, aber soll so sein. Und auch, wenn auf einer Website ein Video automatisch startet und die wartende Schlange vor der Tür mitzusingen beginnt, sollte man sich ertappt fühlen.

Die „Früher war alles besser“-Fraktion braucht nun allerdings nicht ihren Sermon anzustimmen. Zugegeben, weniger auf öffentlichen Toiletten, aber in der heimischen Nasszelle lag doch früher so ziemlich alles von Gartenkatalog bis Wochenmagazin. Gelegentlich auch Comics oder diese Bücher mit sehr kurzen Kapiteln – Toilet Literature, das Gegenteil von Coffee Table Book. Gerade, dass es in Buchhandlungen nicht eine eigene Abteilung dafür gab – 111 Bücher, die Sie am Klo gelesen haben müssen, oder so. Heute ist das Toilettenbuch allerdings in Vergessenheit geraten. Schade, eigentlich. Bei Besuchen in anderen Wohnungen konnte man so viel darüber lernen, womit die Gastgeber ihre stillen Momente verbringen. Oder wie sehr sie dabei bluffen – denn ganz ehrlich, Tolstois „Krieg und Frieden“ neben dem Klobesen ist schon ein bisschen übertrieben.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 09.05.2016)

Niemand hat die Absicht, einen Flughafen zu errichten

Im Juni 2012 hätte in Berlin der neue Flughafen offiziell eröffnen sollen. Seit damals wurde der Termin mehrfach verschoben. Auch die geplante Inbetriebnahme Ende 2017 wackelt.

„Euer Flughafen, auf dem wir heute gelandet sind, ist ein bisschen alt. Vielleicht solltet ihr einen neuen bauen!“ Die Pointe saß. Und das Publikum im Berliner BKA-Theater, das zum Auftritt des Wiener Duos Christoph & Lollo gekommen war, lachte an der dafür vorgesehenen Stelle. Warum auch nicht, denn längst gehört der Flughafen Berlin-Brandenburg (BER), der noch immer nicht eröffnet wurde, zur Berliner Identität. Sogar ein eigenes Witzgenre gibt es – etwa auf Postkarten mit dem abgewandelten Mauer-Zitat von Walter Ulbricht: „Niemand hat die Absicht, einen Flughafen zu errichten.“

„Es ist immer noch möglich, 2016 den Bau zu beenden und 2017 zu fliegen“, sagte Berlins Regierender Bürgermeister, Michael Müller, vor rund zwei Wochen nach einer Sitzung des BER-Aufsichtsrats. Mit der Einschränkung, dass er sicher nicht um vier Wochen streiten werde. Eine Hintertür, um auch einen Eröffnungstermin 2018 schon einmal vorsichtig anzudeuten. Doch, so hieß es, man wolle den Druck im Kessel lassen. Oder eine weitere Blamage noch ein wenig hinauszögern. Dass die dazu für 13 Uhr angesetzte Pressekonferenz erst kurz vor halb vier begann, passte da gut ins Bild.
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Brandschutzanlage. Es hätte so schön werden können am 3. Juni 2012. Viele Reisende hatten bereits ihre Tickets für den Tag, an dem sie als Erste den neuen Flughafen im Echtbetrieb ansteuern wollten. Seit Monaten waren Komparsen auf dem Gelände unterwegs gewesen, hatten den Flughafen im Probebetrieb getestet. Koffer wurden aufgegeben, Boardingkarten ausgestellt und Sicherheitschecks durchgeführt. Nur geflogen wurde noch nicht. In Zeitungen wurden schon freudige Ausblicke auf die Eröffnung gebracht. Doch dann kam Dienstag, der 8. Mai.

Da verkündete die Betreibergesellschaft auf einer Pressekonferenz, dass sich der Termin nicht halten lasse. Die Sicherheitsanlagen für den Brandschutz, so hieß es, hätten noch nicht den Reifegrad gehabt, der eine Abnahme erlaubt hätte. Von mehreren Wochen Verspätung war die Rede, später von August oder September.

Es war nicht das erste Mal, dass die Eröffnung nach hinten verlegt worden war. Nur war man vorher noch nie so nahe am offiziellen Start gewesen. 2002 hatte man einen Beginn im Jahr 2008 vorgesehen. Als 2003 die private Finanzierung der Arbeiten scheiterte, wurde das Projekt von öffentlicher Hand weitergeführt. 2006 erfolgte schließlich der Spatenstich, im November 2011 sollte eröffnet werden. Doch die Pleite einer Planungsfirma und verschärfte Sicherheitsbedingungen sorgten im Juni 2010 dafür, dass man diesen Termin nicht halten konnte und nun der 3. Juni 2012 angepeilt wurde.

Auf dieses Datum war schließlich alles ausgerichtet. Der bisherige Hauptflughafen in Tegel sollte obsolet werden, der Flughafen Schönefeld sollte im neuen BER aufgehen. Den alten Flughafen in Tempelhof hatte man schon im Oktober 2008 geschlossen. Zwei Flughäfen, die 2012 bereits hätten eingemottet werden sollen, tragen also seit vier Jahren die gesamte Last, die eigentlich der neue Flughafen tragen sollte. Der Luftverkehr in der deutschen Hauptstadt wächst noch dazu seit 13 Jahren in Folge rasant an, vergangenes Jahr verzeichnete man in Berlin 29,53 Millionen Passagiere, 2016 sollen es mehr als 30 Millionen sein.

Während also die Fluggäste durch die altersschwachen Terminals von Tegel und Schönefeld gelotst werden, wird am BER weitergebaut. Wobei es zunächst erst einmal darum ging, das komplette Ausmaß der Probleme zu erheben. Und das war größer, als es die Verantwortlichen rund um die Absage der Eröffnung absehen konnten. Da kam etwa heraus, dass manche Rolltreppen zu kurz waren, in der unterirdischen Betankungsanlage teilweise Rohrstücke nicht ineinanderpassten, die Gepäcksanlage nicht funktionierte, die Kühlaggregate der IT zu schwach waren, in einigen Treppenhäusern die Treppengeländer unvollständig montiert waren, die Notstromversorgung nicht funktionierte – und dann war da eben auch noch der Brandschutz.

16.000 Brandmelder, mehr als 50.000 Sprinklerköpfe, 3400 Klappen in kilometerlangen Zu- und Abluftkanälen, 81 Ventilatoren – es ist ein komplexes System, das in dem Terminal mit 320.000 m Bruttogeschoßfläche installiert wurde. Nur funktionierte es nicht. Manche Teile waren etwa ohne Zulassung des TÜV verbaut worden. Als dann im April 2012 klar wurde, dass die Entrauchungsanlage bis zum Eröffnungstermin nicht bewilligt werden würde, erwog man sogar, 700 Hilfsarbeiter zu engagieren, die im Notfall die Türen händisch öffnen sollten. Eineinhalb Jahre nach der geplatzten Eröffnung war schließlich klar, dass die gesamte Anlage fehlerhaft geplant war. Unter anderem sollte bei Bränden Rauch nach unten abgepumpt werden – wider die Regeln der Physik, nach der heiße Gase aufsteigen.

Kein Ingenieur. Als wäre das nicht genug, kamen dazu Korruptionsvorwürfe, Personalwechsel und weitere überraschende Erkenntnisse – so stellte sich etwa bei einem Explaner heraus, dass er gar kein Ingenieur war, sondern nur technischer Zeichner. Die Politik schob Verantwortungen hin und her – der damals Regierende Berliner Bürgermeister, Klaus Wowereit, legte 2013 sein Mandat als Aufsichtsratsvorsitzender zurück, nahm es nach dem Rückzug seines Nachfolgers, Matthias Platzeck, aber wieder an, ehe er Ende 2014 komplett zurücktrat.

Wäre es mittlerweile nicht einfacher, Berlin komplett abzubauen und neben einem funktionierenden Flughafen wieder aufzubauen? Scherze wie diese tauchten auf, nachdem der geplante Eröffnungstermin immer wieder nach hinten verlegt wurde. Der wahre Kern hinter dem Scherz: Es ist leichter, etwas von Grund auf neu zu bauen, als bei solch einem großen Projekt noch nachträglich massive Änderungen einzuarbeiten. Dass die Komplexität immer wieder unterschätzt wurde, zeigt sich daran, welche Eröffnungstermine im Lauf der Jahre kolportiert wurden. 2013, 2014, 2015, möglicherweise erst 2016 – der aktuelle Stand ist nach wie vor 2017 mit Option auf 2018.

Doch selbst daran gibt es mittlerweile Zweifel. In deutschen Medien wird gern Dieter Faulenbach da Costa als Experte zitiert – der ehemalige Flughafenplaner nannte im April als realistischen Eröffnungszeitpunkt das Jahr 2019, zuletzt bezweifelte er sogar, dass der BER überhaupt jemals eröffnen wird. Weil mit den Umbauten in die Systemarchitektur eingegriffen wurde, sei die Anlage funktionsunfähig. Und zuletzt tauchte ein weiteres Problem auf – dass nämlich das Terminal und der dazugehörige unterirdische Bahnhof nicht voneinander getrennt entraucht werden können. Genau das muss aber möglich sein. Mit zwei zusätzlichen Glastürmen, die eine Verbindung nach außen schaffen, soll dieses Problem gelöst werden. Nun beginnt das Warten, ob diese Lösung auch genehmigt wird.

Trennung nach Ehrlichkeit. Es hakt aber längst nicht nur an der Technik – auch die Kommunikation nach außen wirkt alles andere als souverän. So trennte man sich im April von Pressesprecher Daniel Abbou, nachdem der in einem Interview sehr offen über die Versäumnisse am Bau gesprochen hatte: „Kein Politiker, kein Flughafendirektor und kein Mensch, der nicht medikamentenabhängig ist, gibt Ihnen feste Garantien für diesen Flughafen“, hatte er unter anderem gesagt.

Sollte der Flughafen 2017 eröffnen, hätte er nach derzeitigem Stand drei Flughafenmanager und drei Aufsichtsratsvorsitzende verschlissen. Die Kosten stiegen – einschließlich zwischendurch beschlossener Erweiterungen – seit dem Spatenstich von zwei auf 5,4 Milliarden Euro. Und ganz abgesehen davon – ein prestigeträchtiges Rennen hat man in jedem Fall schon verloren: Die Hamburger Elbphilharmonie, das zweite deutsche Endlosprojekt, das mit massiven Verzögerungen und Baukostenüberschreitungen kämpfte, feiert im Jänner 2017 ihre Eröffnung.


Chronologie:

  • 1996 fassen Berlin und Brandenburg den Entschluss, einen neuen Flughafen in Berlin-Schönefeld zu bauen.
  • 2002 wird die Grundsatzvereinbarung unterzeichnet, geplanter Start ist 2008.
  • 2006 folgt der Spatenstich, im Juli 2008 wird der Bau des Terminals begonnen.
  • 2010 wird die geplante Eröffnung wegen der Pleite einer Planungsfirma von November 2011 auf den 3. Juni 2012 verschoben.
  • 2012 kommt vier Wochen vor der geplanten Eröffnung der Stopp – im Mai wird März 2013 zur Eröffnung angepeilt. Im September verschiebt man auf Oktober 2013.
  • 2013 gibt es im Jänner eine weitere Verschiebung – frühstens 2014, eventuell erst 2015.
  • 2014 gilt eine Eröffnung vor Herbst 2016 als unrealistisch. Im November tauchen Unterlagen auf, in denen von Mitte 2017 die Rede ist.
  • 2015 tritt der neue Flughafenchef Karsten Mühlenfeld mit dem Auftrag an, bis Herbst 2017 zu eröffnen
  • 2016 legt sich der Aufsichtsrat im April fest, dass man eine Eröffnung Ende 2017 weiter schaffen will.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 08.05.2016)

Mit Fettglasur lässt sich kein Punschkrapfen bewerben

Manche Begriffe eignen sich nicht dazu, sie als verkaufsförderndes Argument einzusetzen.

Nicht jedes Adjektiv wird von einer verkaufsfördernden Aura umweht. Zumindest nicht bei jedem Produkt. Bei Ärzteseife mag es ja plausibel klingen, wenn man sie als „überfettet“ anpreist. Bei Lebensmitteln sind die Zeiten, in denen der Begriff „fett“ positiv besetzt war, vorbei. Eine möglichst hohe Anzahl an Fettaugen galt früher noch als Qualitätsmerkmal, heute mag man die Suppe lieber blind. In der Küche wirft man das Fleisch auch nicht mehr ins heiße Fett, sondern maximal ins Öl. Und selbst das hat einen reduzierten Fettgehalt, der auch gern offensiv angepriesen wird. Spannend, wie man mit weniger von etwas ein Mehr suggerieren kann. Aber gut, es gibt ja sogar ein Gesetz, das das absolute Fehlen von allem als wünschenswerten Zustand festschreibt – das 1999 beschlossene Bundesverfassungsgesetz für ein atomfreies Österreich. Sprachlich ist das ein ähnlicher Murks wie ein Label auf Lebensmitteln, das sie als genfrei anpreist. Das ist maximal noch hirnlos.

Aber zurück zum Fett. Und damit zu einem wichtigen Kapitel der österreichischen Dessertgeschichte, dem Punschkrapfen. Derer gibt es nämlich verschiedene. Das Original wird mit Zuckerglasur gemacht. Manche günstige Variante, oft im Mehrfachpack, wird dagegen mit einer Fettglasur überzogen. Der Unterschied ist, wenn schon nicht beim Namen und mit freiem Auge, spätestens beim Anbeißen erkennbar. Die Zuckerglasur gibt unter den Zähnen mit einem weichen „fffd“ nach. Die Fettglasur dagegen bricht mit einem Geräusch, das am ehesten nach „kchrk“ klingt, so wie die Schokohülle beim Eis. Das wird in der Bewerbung auch recht lasziv dargestellt, mit Nahaufnahme von Schmollmund und Zähnen, unter denen die Schokohülle aufknackt wie der Bodenbelag der Westautobahn nach einem Frostschaden. Shine on, you crazy Fettglasur! Komisch, dass den Slogan noch nie jemand verwendet hat.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 02.05.2016)