Leute, die das Salz vom Salzstangerl kratzen

Gerade das bisschen Zuviel ist es doch, das den eigentlichen Genuss ausmacht.

Wer keine Rosinen mag, wird keine Rosinenbrötchen kaufen. Wer eine Fischallergie hat, wird sich keine Fischsuppe bestellen. Und wer mit Weihnachten ein Problem hat, wird keine Weihnachtskekse backen. So weit, so logisch. Warum gibt es dann aber Menschen, die ein Salzstangerl kaufen, nur um das Salz wieder herunterzukratzen? „Weil ich schon ein bisschen Salz will. Aber nicht zu viel eben.“ Live life to the max, Bussibär! Und als Nächstes löffeln wir eine Schicht aus der Cremeschnitte zur Seite? Weil ein bisschen süß und fett will man es schon, aber nicht zu viel eben? Gerade das bisschen Zuviel ist ja das, was es ausmacht. Die beste Stimmung im Lokal ist immer kurz nach der eigentlichen Sperrstunde. Wer aus dem Prater geht, ohne dass der im Karussell angeworfene Drehwurm Langos, Pommes und Zuckerwatte im Magen zu einer flauen Mischung schaukelt, hätte auch gleich daheim bleiben können. Und erst der Zuckerschock beim Anblick der verbliebenen Brösel in der Keksdose – ohne den wäre Weihnachten doch nicht einmal annähernd so klingelingeling.

Aber gut, der Kunde hat immer recht. Also muss der Fehler bei der Salzstangerlindustrie liegen. Und irgendwo sitzt ein externes Beratungsteam bereits über einem Konzept für custom-made Salzstangerln. Bei denen kann der Kunde beim Kauf angeben, wie viele Körner er nun auf dem Gebäck haben möchte. Noch wird darüber gebrütet, ob die Körnung in Zehnerschritten verändert wird, oder ob man sich tatsächlich darauf einlässt, punktgenau jedes einzelne Salzkorn zu zählen. In Diskussion sind auch Stufen, von salzlos über salzarm bis zu Salzburg – und für besonders Wagemutige (ab 18 Jahren und mit Warnung) gibt es Salar de Uyuni, eine Stange aus Salz mit ein paar Weißgebäckkrümeln drauf. Die kann man ja im Notfall immer noch runterpfriemeln. So wie die Vanille von den Kipferln. Viel Spaß dabei.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 19.12.2016)

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Wenn der Bohrturm des kleinen Mannes sprudelt

Als noch geschneuzt werden durfte, fiel das Schnäuzen auch nicht viel leichter.

Der erhobene Zeigefinger verliert seine Bedeutung, wenn er in der Nase steckt. Lassen wir ihn also im Bohrturm des kleinen Mannes verharren und warten weiter unten, bis der Briefträger kommt: „Wenn du oben angekommen bist, schreib mir eine Karte!“ Es lässt sich nämlich einiges Interessantes von dort herausholen, sprachlich gesehen. Dass man sich etwa bis vor rund 20 Jahren noch schneuzen durfte, was mittlerweile falsch ist. Heute wird geschnäuzt, weil das Befreien der Nase von Ausscheidungen durch kräftiges Ausstoßen von Luft mit der Schnauze verwandt sein soll.

Allerdings gibt es an dieser Version Zweifel, weil es sich um eine Weiterbildung des mittelhochdeutschen „sniuzen“ handeln dürfte. Das wiederum kommt vom Snuz, dem mittelhochdeutschen Begriff für Nasenschleim. Schnüffeln wir in diese Richtung weiter, entdecken wir, dass es einige Begriffe gibt, die wohl lautmalerisch rund um das Ein- und Ausatmen von Luft in den verschiedensten Ausprägungen entstanden sind. Vom Schniefen, Schnauben, Schnaufen, Schnarchen und Schnüffeln bis zum Schnupfen. Auch das Nasensekret selbst wird in Teilen der deutschsprachigen Welt gern derb als Schnodder oder Schnuddel bezeichnet. Nur mit Schnee hat das ganze nichts zu tun, da müsste man schon ein bisschen konstruieren, um einen Zusammenhang zu schnitzen.

Dass ein Schnupfen ohne Behandlung sieben Tage dauert, mit Behandlung hingegen eine Woche, darf als bekannt vorausgesetzt werden. Trost ist das allerdings keiner, wenn sich wegen des intensiven Kontakts mit Taschentüchern auf der Nasenspitze schon ein Schorf gebildet hat. Immerhin hat man aber jetzt im Hinterkopf, dass man den Rotz mit einem ä aus den Nasenlöchern jagen muss, sonst wird es mit Rotstift angezeichnet. Damit senkt sich der Zeigefinger auch schon wieder, vielen Dank für die Aufmerksamkeit und bleiben Sie gesund.

(Print-Ausgabe, 12.12.2016)

Hallihallo, Krampus und Nikolo, wo sitzt ihr gerade?

Hätten wir als Kinder §188 StGB gekannt, hätten wir manche Lieder wohl eher nicht gesungen.

„Seid ihr auch immer schön brav gewesen“, fragte der Nikolo. Nein, Almöhi, ich hab es ziemlich wild getrieben. Wenn du wüsstest, wie wir über dich geredet haben! Gut, diese Härte hatte man im Kindergarten nicht. Verschüchtert saß man da, nickte pflichtschuldig, wenn man an der Reihe war und nahm die Schokolade entgegen. Obwohl der Alte offenbar wirklich keine Ahnung hatte. Noch ein paar Tage davor hatte man ihn lächerlich gemacht, unter kollektivem Gelächter das Spottlied angestimmt. „Hallihallo, wer sitzt am Klo? Der Krampus und der Nikolo! Sie warten schon von drei bis vier auf eine Rolle Klopapier.“ Hihi! So wie „Hänschen klein“ gehörte das zum Kanon der bedeutendsten Gesänge, wenn es auch einen apokryphen Status hatte. Die offizielle Aufnahme in das Buch der schönsten Kinderlieder hat es jedenfalls nicht geschafft. Was uns kindliche Outlaws aber nicht störte – breaking the law!

Den §188 des Strafgesetzbuches belächelten wir milde, immerhin waren wir weder strafmündig noch wussten wir überhaupt, dass es eine Herabwürdigung religiöser Lehren gibt. Abgesehen davon war der Bärtige mit dem Spitzhut ohnehin nur eine von vielen Variablen in den kindlichen Spottgesängen. Hauptsache, es reimt sich lustig. „Ich kenn an Witz vom Onkel Fritz, der hat ein Auto ohne Sitz.“ Hihi. Natürlich gab es auch davon eine Variante, die auf der Toilette spielt. Doppelhihi. Shine on you crazy Tabubruch! Und nicht einmal vor dem Versenken von Tieren schreckten wir zurück. „Alle meine Entchen schwimmen im Klosett, lasst der Kreisky runter, sind sie alle weg.“ Gut, was der damalige Bundeskanzler damit zu tun hatte, war niemandem klar. Von dem wusste man nichts. Außer, dass er nie mit Nüssen und Schokokreiskys in den Kindergarten kam. Immerhin hat er aber auch nie gefragt, ob wir immer schön brav gewesen sind. In diesem Sinne, merry Kreisky!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 05.12.2016)