Tipps wider das Verdrängen

Allerheiligen bringt einen Kameraden ins Spiel, dem sonst so weit wie möglich ausgewichen wird. In Wien wird er liebevoll „Gevatter“ genannt – um ihm durch Personalisierung den Schrecken zu nehmen. Nur nicht darüber reden, lautet die Devise. Auch beim pflichtschuldig erfolgenden Friedhofsbesuch, bei dem der Gedanke an den Tod durch bunte Zuckerwatte schaumgebremst wird. Wie auch immer. Ich lasse Ihnen mit ein paar Tipps für den Feiertag einfach keine Gelegenheit zum Verdrängen.

Da wäre einmal ein Besuch am Zentralfriedhof. Nein, Sie brauchen nicht rein zu gehen. Da ist ohnehin viel zu viel los. Aber gegenüber dem II. Tor (Simmeringer Hauptstr. 349) gibt es ab 7 Uhr einen Flohmarkt. Danach empfiehlt sich ein Besuch im Concordia (Simmeringer Hauptstr. 283), wo man zum Kaffee ja in einem amüsanten Buch blättern könnte: „Man stirbt nur einmal“ (Seifert, 19,90 €) enthält Anekdoten des pensionierten Bestatters Julius Müller. Um 19 Uhr dann vielleicht ein Besuch in der Sargfabrik (Goldschlagstr. 169), wo Stimmakrobat Christian Rainer eine Leseperformance über Vergänglichkeit und Älterwerden gibt. Und schließlich noch ein Fernsehtipp: Es lebe der Zentralfriedhof, eine sehenswerte Universum-Dokumentation (20.15 Uhr, ORF 2) über das Tierleben auf Europas zweitgrößtem Friedhof.

Damit genug vom Tod für heute. Ich selbst halte es bei diesem Thema übrigens mit Woody Allen: „Ich habe keine Angst vor dem Sterben. Ich möchte bloß nicht dabeisein, wenn es passiert.“
(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 31.10.2005)

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Eventhopping am Nationalfeiertag

Was wären wir ohne Handy. Verbindlich ausgemachte Treffpunkte gibt es längst nur mehr für Festnetztelefonierer. Wie altmodisch! Gerade der Nationalfeiertag ist prädestiniert für mobil unterstütztes Eventhopping. Zuerst die Militärparade (14.30 – 15.40) am Ring. Zwischen 195 Panzern, 445 Fahrzeugen und 95 Tieren – noch dazu in Tarnfarben – koordiniert man sich erst einmal mit den Freunden. „Dritter Panzer von hinten, wo seid Ihr?“ Genug davon? Gut, ein Teil der Gruppe macht einen Ortswechsel. Zu time4wine vor dem Riesenrad, wo an zehn Stationen österreichische Weine verkostet werden können (11 – 18 Uhr). Schnell vom Zweigelt nippen und am Veltliner schnuppern.

Der Rest der Gruppe marschiert ins Gasthaus Carioca (Wasnerg. 17, 1020 Wien). Um 19.30 steht dort „Figl in Gresten – Die Mostviertler Nationaloper“ auf dem Programm. Einige andere ziehen weiter in die Sargfabrik (1140 Wien, Goldschlagstraße 169). Unter dem Titel „Die andere Hymne“ werden dort inoffizielle Minderheitenhymnen (Slowenen, Roma, Homosexuelle, Behinderte etc.) präsentiert. Per SMS wird der Rest des Abends geplant: Treffpunkt 21 Uhr im Chelsea zum Konzert von Cameran. Dort steht man plötzlich alleine da. Schnell ein paar Anrufe bei den Freunden. Die sind schon müde, sagen sie. Erschöpft vom Herumgehen. Mit einem sanften Druck auf die rote Taste wird die Verbindung getrennt. Jetzt wäre ein Festnetztelefon doch schön. Dann hätte man den Hörer voller Wut so richtig auf die Gabel knallen können.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 25.10.2005)

Provinz ist, wo ich bin

Fährt der Wiener mit dem Zug aus der Hauptstadt, regt sich beim Betrachten der Orte, in denen immer wieder Halt gemacht wird, allzu leicht der urbane Großkotz. Bei Ortsnamen wie Absdorf-Hippersdorf oder Groß Schweinbarth fragt sich der gelernte Großstädter mit wohligem Schaudern, welches Provinznest sich denn wohl hinter dem Bahnhofsgebäude verstecken möge. Nun, dabei wissen wir schon seit längerem, dass Provinz keine Frage der Geografie, sondern vielmehr der inneren Einstellung ist. Und so tut es richtiggehend gut, sich das eine oder andere Mal jenen Dingen zu widmen, die auf den ersten Blick furchtbar provinziell erscheinen.

Ohne schlechtes Gewissen Bon Jovi-Lieder mitzusingen, zum Beispiel. Man glaubt gar nicht, wie befreiend es sein kann, bei der Woodman-Party, dem Fest für Waldviertler und Freunde in der Wiener Arena, lauthals „Livin‘ on a Prayer“ mitzugrölen – im Szenelokal üblicherweise undenkbar. Undenkbar ist für viele auch, auf der Straße leben zu müssen. Für einige Menschen ist das allerdings traurige Realität. Auch für die Mitglieder des Obdachlosengesangsvereins Stimmgewitter, der heute seinen fünften Geburtstag feiert (19.30 im Carioca, Wasnerg. 17, 1200 Wien).

Gefeiert wird übrigens auch im Schikaneder, nämlich die Präsentation von Austrofreds neuer DVD „Giving Gas“, einem Road Movie, in dem das Freddie Mercury-Double im blauen Opel durch das Land gondelt (19.30, 21.00 und 22.30, Tel.: 01/58 52 867). Frei nach dem Motto: Provinz ist, wo ich bin.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 13.10.2005)

Erfindungen, die es schon gibt

Die bittere Erkenntnis schlägt immer und überall zu. Auch im Zusammenhang mit Süßem soll sie schon beobachtet worden sein. Wie etwa damals, als ein Genießer im Haas und Haas am Stephansplatz bei einer Tasse Kakao mit Bananengeschmack über neue kulinarische Genüsse sinnierte. Von der Kombination aus cremigem Kakao und Bananenmark angetan, hatte er den Geistesblitz, dass es doch schön wäre, diesen Geschmack als Riegel mit nach Hause nehmen zu können. Geistig war er schon auf dem Weg zum Patentamt, als die Erkenntnis wie ein Blitz einschlug: Er hatte gerade die Schokobanane erfunden. Nur dummerweise gibt es die schon.

Schade eigentlich. Mit der Idee wäre eine Firmengründung nahe gelegen. Und beim Jungunternehmertag im Austria Center Vienna (9 bis 18 Uhr) hätte man sich dafür wertvolle Tipps holen können. Ein echter Erfinder ist übrigens Carl Djerassi. Von ihm stammt die Idee der Anti-Baby-Pille. Heute spricht er mit Wiens Bürgermeister Michael Häupl im Rahmen einer Podiumsdiskussion zum Thema „Was lockt die Forschung?“ im Marx Palast (3., Maria-Jacobi-G. 1; 19 Uhr, Anmeldung unter 01/79701/4400).

Eine bittere Erkenntnis für viele Musikfreunde war, dass es für die Session von Element of Crime im Radiokulturhaus nicht unendlich viele Karten gab. Aber es bleibt ein Trost. Ausschnitte vom Gig der zu Musik gewordenen Herbstdepression sind heute Abend von 19 bis 22 Uhr auf FM4 zu hören. Dazu vielleicht ein Kakao mit . . . ach, vergessen wir das.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 05.10.2005)