Kimberli, ein gedoptes Pferd und ein Quietschentchen

Was war das für eine tierische Woche. Da war die Stute Estimate, eines der bekanntesten Rennpferde der britischen Königin Elizabeth, dem beim Dopingtest die Einnahme von Morphin nachgewiesen wurde. (Die Ausrede war übrigens ähnlich wie bei ertappten menschlichen Sportlern – es musste dem Tier etwas in die Nahrung gemischt worden sein…) Dann kam die Meldung, dass ein russischer Forschungssatellit auf die Erde stürzen könnte – inklusive fünf Geckos an Bord, die derzeit in 250 Kilometern Höhe um die Erde kreisen – was immer diese Echsen da oben überhaupt treiben. Und wenn wir schon im Weltall sind: Einige Forscher beschäftigten sich zuletzt mit der Rosetta-Raumsonde, die unterwegs zu einem Kometen mit dem hübschen Namen 67P/Tschurjumov-Gerasimenko ist und dort am 6.August ankommen soll. Was das mit Tieren zu tun hat– nun, ein Wissenschaftler hat erklärt, dass ebendieser Komet völlig anders zu sein scheint als jeder andere, den man zuvor gesehen hat. Er habe nämlich weder die Form einer Kugel noch die eines Erdapfels (Erdapfel??? Man stelle sich das als weihnachtliche Keksform für den Stern von Bethlehem vor). Nein, er bestehe aus zwei verschieden großen, miteinander verbundenen Teilen. „Die Bilder erinnern mich vage an ein Quietschentchen.“

Ja, und dann war da noch Kimberli. Sie, wurde in einer Aussendung verkündet, legte „in sensationellen neun Tagen“ als Erste von zwölf Biowiesenmilchkühen die Marathondistanz von 42,195 Kilometern zurück. Und darf sich nun als Siegerin des ersten Biowiesenmilch-Kuhmarathons(!) feiern lassen. Man stelle sich das vor, neun Tage lang wird ein Dutzend Tiere auf eine Weide gestellt. Mit Trackern wird in Echtzeit verfolgt, wie sich die Kühe bewegen. Und am Ende wird unter großem Jubel und über dem Haupt des erschöpften, aber überglücklichen Rinds eine schwarz-weiß karierte Flagge geschwenkt. Viva Kimberli! Bleibt nur zu hoffen, dass ihr nicht auch etwas in die Nahrung gemischt wurde. Oder ihr der Satellit mit den Geckos auf den Kopf fällt.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 28.07.2014)

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Wenn alle Rolltreppe fahren, werden wir nie Weltmeister

Auch das ist Wien. Wenn sich am Ende der U-Bahn-Station hunderte Menschen anstellen, um den schmalen Schlauch der Rolltreppe bergab zu fahren. Und die breite Treppe daneben leer bleibt wie das Strandbad Kritzendorf an einem frostigen Novembertag. Die Rolltreppe ist so etwas wie die Fernbedienung des städtischen Lebens, die die Bewohner gemütlich auf der Couch sitzen lässt, um sich gerade einmal gemächlich zu erheben, wenn das Bier aus oder die Blase voll ist. Natürlich, bergauf kann es schon ein wenig anstrengen, in der Station Westbahnhof die Stufen zur U6 zu erklimmen. Und, klar, wer nicht gut bei Luft oder zu Fuß ist, kann sich durch die wandelnden Treppen einiges an Mühsal ersparen. Und es ist gut so, dass all jenen, denen es schwer fällt, eine Möglichkeit geboten wird, sich in der Stadt zu bewegen. Nur kann es sein, dass mittlerweile ganz Wien nur noch aus kränkelnden und fußmaroden Einwohnern besteht? Nicht anders lässt sich erklären, warum sich regelmäßig die Masse aus den Silberpfeilen direttissimo in Richtung Rolltreppe wälzt, selbst wenn es beim Bergabgehen nicht einmal die Schwerkraft zu überwinden gilt. Und die verschreckten Gesichter, wenn mitten in der Routine klar wird, dass die Rolltreppe gar nicht fährt. Da ist diese Hoffnung, dass nicht doch irgendwo noch eine Lichtschranke ist, die das Werk in Bewegung setzt. Shine on you crazy Bequemlichkeit zieht sich wie ein Leitmotiv durch die städtische Mobilität. Was macht es da schon, dass auch mit gemächlichem Tempo so mancher Stiegenaufgang gegenüber der Rolltreppe wie eine Überholspur wirkt. So werden wir nie Weltmeister.

Wie Wien wohl aussähe, wenn es in den U-Bahn-Stationen nur Stiegenaufgänge gäbe? (Und Aufzüge für die, die sie wirklich brauchen) Keine Sorge, das ist undenkbar, wird nie passieren. Eher ließe sich die Südosttangente zur Begegnungszone umwidmen. Aber stimmt schon, genug geraunzt. Man will ja nicht durch die Welt stapfen wie Mr. Grumpy. Wobei, auch das ist Wien…

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 21.07.2014)

Bilder von Männern mit aufgerissenen Mündern

Vier Wochen lang haben wir sie jetzt ertragen. Die Bilder jener jubelnden Männer auf den Fußballplätzen Brasiliens – die zu 90 Prozent den Mund aufgerissen haben wie ein angreifender Uruk-Hai-Berserker aus einem Tolkien-Roman. Immerhin, für Studenten der Dentalmedizin gab es tiefe Einblicke, doch decken die – die Studenten, nicht die Einblicke – nur einen minimalen Teil der Gesamtpopulation ab. Der Rest musste sich fragen, was sich hinter den offenen Mündern wohl verbirgt. Wobei, das ist letztlich vor allem eine Frage der statischen Abbildung, wenn also der Aufreißmoment auf einem Bild festgehalten ist. Im Bewegtbildmodus konnten sich ja Lippenleser daran versuchen, die Aussage hinter dem Grölmund zu ergründen – sie taten das im Rahmen der WM übrigens auch. Was mit dazu führte, dass so mancher Spieler auf dem Feld nichts mehr sagte, ohne die Hand vor den Mund zu halten. Aus Angst, dass womöglich taktische Finten erkannt oder derbe Beschimpfungen öffentlich werden könnten.

Interessant übrigens, dass vergleichsweise wenige Bilder von Fußballern zu sehen sind, die in einer druckvollen Fontäne auf den Rasen speicheln. Was wiederum im Bewegtbild relativ häufig, um nicht permanent sagen zu müssen, zu sehen ist. Fast möchte der Laie meinen, die Spieler regelten ihre Körpertemperatur nicht durch die Verdunstungswärme des Schweißes, sondern führten aufgewärmtes Kühlwasser direkt und ohne Umwege über den Mund ab. Wobei aber auch die Theorie zulässig sein muss, dass analog zum Markieren des Hundes mit der Spucke das Revier abgesteckt werden soll. Dagegen spricht, dass Hunde dies nicht nur auf Rasen machen, sondern auf jeglichem Untergrund. Fußballer hingegen verspüren wie durch ein Wunder keinen Speidrang in geschlossenen Räumen. Zumindest wirkt der Boden beim Hallenfußball weitgehend trocken. Aber jetzt reicht es trotzdem eine Zeit lang mit Fußball. Und wer Sehnsucht nach spuckenden und brüllenden Orks hat, soll gefälligst den „Herrn der Ringe“ lesen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 14.07.2014)

Jetzt auch mit Anhang :)

Oft spielt das Gehirn mit uns. Beim Schreiben zum Beispiel, wenn klar wird, dass es sehr knapp wird, ein langes Wort noch in die gleiche Zeile zu bekommen – und die Finger plötzlich um einen Deut schneller auf die Tasten klopfen, in der irrigen Hoffnung, durch die Tippgeschwindigkeit den Cursor überlisten zu können, auf dass er nicht in die nächste Zeile springt. Genauso unlogisch, wenn der Mauszeiger sich in Richtung eines Buttons bewegt – und der Finger just in jenem Moment auf die Maustaste drückt, in dem der Zeiger gerade noch nicht oder nicht mehr über dem richtigen Feld steht. Dieses Phänomen mag auch mit ein Grund dafür sein, dass E-Mails zu früh abgeschickt werden. Und hinterher die wohl häufigste Phrase des E-Mail-Verkehrs nachgeschickt werden muss: „Jetzt auch mit Anhang :)“ Mit Smiley danach. Immer.

Das wiederum erinnert an den Klassiker der scherzhaften Briefliteratur – wenn am Ende der Nachricht der ewige Schenkelklopfer folgt: „Wollte noch Geld mitschicken, habe aber leider das Kuvert schon zugeklebt.“ Fällt etwa in die Kategorie von „ich schreibe langsam, weil ich weiß, dass du nicht schnell lesen kannst“. In der Telekommunikation gipfelt diese Unlogik darin, dass Telefonierer glauben, die Distanz zum Gesprächspartner durch Lautstärke überwinden zu müssen – das übrigens vorwiegend in der U-Bahn. Und womöglich wird die kommunikative Mehrwegdarbietung auch noch durch wildes Gestikulieren mit den Händen unterstützt. Was das Gegenüber ja ohnehin nicht sehen kann.

Offenbar brauchen wir das. So wie wir glauben, dass der Aufzug schneller kommt, wenn wir möglichst oft auf den Knopf drücken. Wie wir wie wild mehrmals die „Bestätigen“-Taste beim Bankomaten betätigen, damit das Geld schneller aus dem Schlitz kommt. Und annehmen, dass die Straßenbahn genau deswegen in diesem Moment in die Station einfährt, weil man sich gerade eine Zigarette angezündet hat. Apropos, wussten Sie eigentlich, dass das das Gehirn automatisch unnötige Informationen ignoriert? So wie zum Beispiel auch das zweite „das“ im obigen Satz.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 07.07.2014)