Wenn die Geldtasche auf die Wirbelsäule drückt

„Sitzen Sie auf Ihrer Geldtasche?“ Erwischt! Woher wusste das der Orthopäde, der zuvor gerade einmal die Röntgenbilder der Lendenwirbelsäule betrachtet hatte? Aber warum auch immer, dem Mediziner zufolge haben Karten, Münzen und Papiere, die in Leder gepackt die rechte Gesäßhälfte auch im täglichen Sitzmodus permanent begleitet und um rund eineinhalb Zentimeter erhöht haben, auch ihren Anteil an einer über die Jahre erworbenen und gelegentlich sehr schmerzhaften Beckenschiefstellung. Dass eine Stärkung der Rückenmuskulatur und weniger Sitzen am Schreibtisch nun unumgänglich sind, leuchtet ein. Dass aber auch die Geldtasche, die seit Jahrzehnten die hintere rechte Tasche der Levi’s 501 (natürlich nicht immer derselben) bewohnt hat, sich nun eine andere Unterkunft suchen muss, ist eine absolute Erschütterung eintrainierter Gewohnheit.

Schmerzhaft ist dabei vor allem die Suche nach Alternativen. Eine Herrenhandtasche fällt jedenfalls aus – derart am Sand ist man schließlich auch wieder nicht. Auch ein Bauchgürtel à la Pauschalstädtetourist wäre ein Abschied vom würdevollen Leben. Bliebe die Variante, statt T-Shirt und Kapuzenpulli Hemd und Sakko zu tragen. Das könnte man auch als Zeichen der neuen Ernsthaftigkeit verkaufen, die man ab einem gewissen Alter eigentlich zur Schau stellen sollte – ein Alter, das man mit dem Auftauchen chronischer Rückenschmerzen jedenfalls erreicht hat. Und dann wäre da auch noch die Möglichkeit, auf eine Abschaffung des Bargelds zu hoffen. Und auf eine gleichzeitige Verdrängung aller Kreditkarten, Ausweise und sonstiger Blödheiten, die üblicherweise in der Geldtasche stecken. Die neuesten Smartphones können ja ohnehin immer mehr, vermutlich werden sie auch diese Aufgaben schon bald übernehmen. Bleibt nur mehr die Frage, welcher Arzt dann irgendwann kritisch fragen wird: „Tragen Sie Ihr Handy in der Hosentasche?“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 05.03.2012)

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Du hast die ersten grauen Haare

Endlich! Die erste physikalische Therapie. Die längste Zeit habe ich mich nur mehr als halber Mensch gefühlt, weil ich jenseits der 30 noch immer kein chronisches Leiden vorzuweisen hatte. Wie soll man da im Gespräch mit Kollegen bestehen, die schon Platzkarten beim Chiropraktiker haben und den Schwefelgeruch schon aus der Therme und nicht nur aus dem Chemie-Unterricht in der Schule kennen? Apropos Schule: Der Beginn der Ferien zeigt besonders drastisch, dass man sich bereits mitten auf dem Weg zum alten Eisen befindet – in Richtung Rost. Der neidvolle Blick auf das leere Schulgebäude am Arbeitsweg verrät, dass man selbst auch noch gerne auf Maturareise oder in einem Feriencamp wäre.

Um das Leid meiner Generation zu lindern, habe ich einige Tipps, die den Gang zum Physiotherapeuten oder das Vorbeigehen am Freibad erträglicher machen. Oberste Maxime: Verdrängen. Ein MP3-Player mit Kopfhörern kann Wunder wirken. „Ich zähle täglich meine Sorgen“ von Peter Alexander (80) übertönt selbst lautes Kinderlachen. Und „Liebes Kind, du hast die ersten grauen Haare“ von Heinz Conrads (+ 92) bringt die tröstliche Erkenntnis, dass auch das Altern seine schönen Seiten hat. Schöne Seiten kann man auch dem Fußball abgewinnen, vor allem wenn Klaus Eckel (32) und Pepi Hopf (35) mit Döbling gegen Simmering den Kampf der Kulturen (11, Zeltpalast beim Gasometer; 20.30 Uhr – Heimvorteil Simmering) anfachen. Übrigens, alt werden ist natürlich kein Vergnügen, aber denken wir mal an die einzige Alternative . . .

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 03.07.2006)