Konfuzius sagt: Rede keinen Blödsinn!

Der größte Unsinn kann plötzlich sehr plausibel klingen, wenn man ihn richtig verpackt. So kann man sein Gegenüber mit jedem beliebigen Satz in Verlegenheit bringen, indem man jene offenkundige Weisheit einfach einer moralischen Autorität zuordnet. „Konfuzius sagt . . .“ ist die wohl mit Abstand bekannteste Variante. Und so gut wie immer ein Treffer, schließlich haben sich die wenigsten jemals mit den Lehren des chinesischen Philosophen beschäftigt. Wobei, ein bisschen raffiniert sollte die Weisheit schon klingen, denn „Konfuzius sagt, kannst du mir bitte mal die Butter reichen“ wird Ihnen nicht einmal der dümmste Gesprächspartner abnehmen.

Sollten Sie nicht gerade mit einem Bibelforscher parlieren, bietet sich auch ein „Schon in der Bibel steht geschrieben . . .“ an, um in einem Dialog eine Legitimation vorzutäuschen. So wie man auch nahezu jeden Unsinn glaubhaft loswerden kann, wenn man ihn einfach Kant, Nietzsche oder Hegel zuschreibt. Besteht Ihr Freundeskreis nicht aus Philosophiestudenten, geht das ziemlich sicher durch. Ansonsten leiten Sie einfach ein mit: „Britische Forscher haben herausgefunden, dass . . .“ Damit verleihen Sie Ihren Worten den nötigen Hauch von Seriosität, bleiben aber unbestimmt genug, um nicht festgenagelt werden zu können. Den gleichen Effekt erreicht man, indem man am Ende seiner Ausführungen ein „Das ist wissenschaftlich bewiesen“ hängt. Mit derartigen Tricks kann man sich übrigens auch argumentativ verteidigen, wenn Ihnen jemand mit den Ergebnissen einer Studie kommt. Dann antworten Sie einfach: „Laut einer amerikanischen Studie sind 67,3 Prozent aller Studien gefälscht!“

Und noch eine Weisheit darf ich Ihnen am Ende dieser Kolumne mitgeben: Konfuzius sagt, wer alles glaubt, was er liest, sollte besser aufhören zu lesen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 25.10.2010)

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Bitte nach dem Aussteigen stehen bleiben

Was macht ein Mensch, der aus der U-Bahn aussteigt? Nun, in der Regel geht er zum Ausgang der Station oder steigt in eine andere Linie um. Fast überall auf der Welt ist das so. Nicht in Wien. Hier bleibt man zunächst einmal stehen. Und es sind beileibe nicht nur Touristen, die nach Orientierung heischend ihre Blicke auf die Suche nach Wegweisern schicken. Auch ganz normale Wiener scheint unmittelbar nach dem Ausstieg für ein bis zwei Sekunden ein Blitz der Erstarrung zu treffen. Die Folge sind brenzlige Ausweichmanöver oder abrupter Körperkontakt mit dem Rücken des stehenden Hindernisses. Und dann haben wir auch noch jene Spezies, die genau vor der Tür des gerade eingefahrenen Zuges innehält – der Effekt ist ein ähnlicher, nämlich überraschender Körperkontakt.

Der kurze Moment des Zögerns ist beileibe nicht das einzige Problem, das den Weg durch die U-Bahn zum Hindernislauf macht. Aber seien wir uns ehrlich, über die Linkssteher auf der Rolltreppe zahlt es sich nicht aus, auch nur ein weiteres Wort zu verlieren – außer vielleicht, dass sie fast ausschließlich männlich, mittleren Alters und in Begleitung einer Frau sind, die dem monolithischen Block mit Ziehen am Ärmel klarzumachen versucht, dass hinter ihm gerade jemand auf Durchlass hofft. Und auch der Blick im Moment des Erkennens der eigenen Fehlstellung ist immer der glei che – Mund halb geöffnet, die Augen panisch auf die rechte Seite der Rolltreppe gerichtet, um einen Platz zum Ausweichen zu finden.

Immerhin, die Wiener Linien muss man in all diesen Fällen wohl von jeglicher Schuld entlasten. Denn die stehenden Hindernisse gab es schon immer. Zumindest lange, bevor es durch die Lautsprecher der U-Bahn-Stationen hallte: „Bitte zurückbleiben!“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 18.10.2010)

Lassen Sie mich zuerst meinen Wählern danken!

Können wir uns bitte auf ein paar Sätze einigen, die wir bei jedem Gespräch voraussetzen, ohne dass sie explizit ausgesprochen werden müssen? Gerade nach einer geschlagenen Wahl könnte man so viel an sinnvollerer Gesprächszeit retten, würde nicht jeder Interviewpartner auf eine Frage des Moderators diese unerträgliche Phrase anstimmen: „Lassen Sie mich mich zuerst bei allen Wählerinnen und Wählern für ihr Vertrauen bedanken!“ Ja, ist schon recht, aber können wir bitte endlich zum Punkt kommen! Ähnlich verhält es sich bei Gesprächen mit Spitzenköchen, die man nach dem Geheimnis ihrer Kochkunst fragt – da interessiert es einfach nicht, zum hundertsten Mal zu hören, dass es besonders „auf beste Zutaten“, womöglich „saisonal“ und „aus regionalem Anbau“ ankommt. Und  liebe Fußballspieler und -trainer: Wir nehmen zur Kenntnis, dass jedes Spiel ein, wenn schon nicht korrekt „schwieriges“, so doch ein „schweres“ ist. Es erübrigt sich somit dieser Hinweis vor jeder Partie. Bitte.

Aber zurück zur Politik. Die Feststellung, dass es „mündige Bürger“ waren, die da zur Wahl geschritten sind, setzen wir als bekannt voraus. Demnach wollen wir ab sofort zu diesem Thema nur noch etwas hören, wenn jemand das Gegenteil behauptet. Auch, dass jedes Wahlergebnis als „Auftrag der Wähler“ verstanden wird, nehmen wir als Wahrheit hin – ob es nun stimmt oder nicht. „Wir werden in den zuständigen Gremien darüber beraten“ sollte sofort mit einer Verwarnung für den Funktionär sanktioniert werden, der sich bei der Frage nach den Konsequenzen des Ergebnisses hinter dieser Hohlphrase versteckt. Besonders, wenn darauf ein „Wir werden zu einer guten Lösung kommen“ folgt. Gut, und bevor ich diese Kolumne beende, möchte ich noch gern meinen Leserinnen und Lesern danken.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 11.10.2010)