Geld stinkt nicht, aber es klebt an den Fingern

Wenn Essen auf den Boden fällt, hat man drei Sekunden Zeit, um es wieder aufzuheben und zu verspeisen – denn innerhalb dieser kurzen Zeit können sich keine Bakterien darauf niederlassen. Die sogenannte Drei-Sekunden-Regel ist zwar kompletter Humbug, kursiert aber dennoch in zahlreichen Internetforen und lässt sich auch aus vielen Hinterköpfen nicht und nicht vertreiben. Aber gut, sollen die Anhänger dieser Regel ruhig weiter an ihrem Kaugummi mümmeln, nachdem er ihnen – eh nur für zweieinhalb Sekunden – auf den Schuhabstreifer oder ins Katzenkisterl gefallen ist. Weitgehend unbedenklich ist es hingegen, Münzen vom Boden aufzuheben – egal, wie lange sie dort schon gelegen sind. Zwar tummeln sich auch auf ihnen Schmutz und Keime, doch ist die Versuchung, das Zahlungsmittel in Verbindung mit Lippen und Mundschleimhaut zu bringen, in der Regel nur schwach ausgeprägt.

Dennoch ist eine gewisse Vorsicht angeraten, sollte auf dem Gehsteig ein Euro in der Sonne glänzen. Vor allem dann, wenn sich rund um ihn noch Reste einer Flüssigkeit erkennen lassen. Statt dem ersten Impuls nachzugeben, empfiehlt es sich, die Münze erst mit der Schuhspitze aus der Flüssigkeit zu bugsieren und sie dann aufzuheben. Fühlen sich die Finger in diesem Moment ein wenig klebrig an, empfiehlt es sich, die Finger zu spreizen – denn sonst besteht die Gefahr, dass sie nicht mehr auseinandergehen. Und diesen Triumph will man den Komikern, die den Euro mit Superkleber auf dem Boden festgemacht haben – der aber noch nicht eingetrocknet ist – schließlich nicht gönnen. Einfach weitergehen und daheim nach Nagellackentferner suchen oder lange rubbeln. Und falls die Komiker diese Szene mitgefilmt haben sollten, bitte ich um Zusendung des Links für das YouTube-Video. Aber eines ist klar: Den Euro kriegt ihr nicht mehr. Der lag schließlich schon länger als drei Sekunden.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 30.04.2012)

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Postprandiales Vigilanzsuppressionssyndrom

Reiz-Reaktions-Modelle haben dank einer leicht nachvollziehbaren Systematik ihren Reiz. Wenn A eintritt, passiert B – so einfach ist es. Warum das genau so passiert, ist eine andere Frage, die gefälligst die Wissenschaft klären soll – im Alltag genügt es, einfach darüber zu spekulieren. Etwa darüber, warum man immer unmittelbar nach dem Frühstückskaffee einen starken Zug zur Toilette verspürt. Warum sich die Zähne nach dem Genuss von Blattspinat so stumpf anfühlen. Und vor allem, warum man nach dem Essen plötzlich in so eine unglaubliche Müdigkeit verfällt. Letzteren Effekt kennt man auch unter den Begriffen Fressstarre, Futternarkose oder auch Suppenkoma. Müsste man es einem Mediziner erklären, böte sich als Bezeichnung Postprandiales Vigilanzsuppressionssyndrom an. Der Arzt würde dann vermutlich Somnus meridianus als Therapievorschlag anregen.

Womit wir bei einem weiteren interessanten Themenfeld wären, nämlich dem Spiel mit Fremdwörtern. Das beherrschen nämlich vor allem Ärzte besonders gut, die es in ihrem Fachchinesisch einfach nicht zustande bringen (wollen), dass Nichtmediziner auch nur im Ansatz verstehen, wo nun das Problem liegt. In diesem Fall kann der Versuch lohnend sein, sie mit ihren eigenen Waffen zu schlagen – und zu fragen, ob sie denn auch ein Fremdwort für Fremdwort kennen. Das ist nämlich gar nicht so einfach und mündet zunächst einmal in langes Grübeln, ehe mit viel Kreativität Neologismen wie Xenologismus aus dem Hut gezaubert werden. Eine Möglichkeit wäre übrigens Xenismus, das den Weg in den Duden allerdings noch nicht geschafft hat, sondern noch den Status eines schillernden Terminus hat, dessen Bedeutung noch nicht klar definiert ist. Sollte der Mediziner diese Prüfung geschafft haben, legen Sie nach – fragen Sie ihn nach einem Synonym für Synonym. Und dann widmen Sie sich wieder dem Suppenkoma. Gute Nacht!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 23.04.2012)

Bitte zurückbleiben, Zug nach St. Pölten fährt ab

Ja, vielleicht war sie ein bisschen zerstreut, als sie am Westbahnhof ankam. Und so fiel ihr erst Minuten nach der Ankunft, auf der Rolltreppe ein, dass sie die Blumen im Zug vergessen hatte. „Die müssen wir holen“, sprach sie. Und gemeinsam mit der Tochter, zu der sie auf Besuch nach Wien gekommen war, sprintete sie zurück zum Bahnsteig. „Darf ich noch rein? Wir haben etwas vergessen“, fragte die Tochter den Mann in der gelben Warnweste, der vor der Zugtür Wache hielt. Und stürmte an ihm vorbei, los in den Zug, von Waggon zu Waggon – die Mutter lief außen mit, dirigierte die Tochter mit wilden Gesten, sie sei ja viel weiter hinten gesessen. Endlich im letzten Waggon, vier Männer vom Putztrupp mit Mistsack und Besen blickten kurz von der Arbeit auf, als plötzlich eine Frau atemlos hereinstürzte. Wo liegen die Blumen? Auf einmal ein Ruckeln. Der Zug fuhr los. Die schockierten Blicke von Mutter und Tochter trafen einander noch kurz durchs Zugfenster.

Außen zog die Silhouette von Rudolfsheim-Fünfhaus vorbei. Innen nahmen die Männer vom Putztrupp auf einer Viererbank Platz. Einer packte eine Wurstsemmel aus, ein anderer zog eine Zeitung hervor und schlug sie auf: „So, jetzt haben wir ja Zeit, bis wir in St. Pölten sind.“ St. Pölten. Die Mutter vom Land allein am Bahnsteig. Und kein Handy dabei. So setzte sich die Tochter und vergrub das Gesicht in ihren Händen. Alles nur wegen der blöden Blumen.

Wenige Minuten später hielt der Zug an. Schon St. Pölten? Die vier Männer vom Putztrupp grinsten. Westbahnhof. Es war nur eine Verschubfahrt zu einem anderen Bahnsteig. Verarscht. Durchs Fenster war die Mutter von hinten zu sehen. Sie hatte in ihrer Ratlosigkeit beschlossen, einfach nichts zu tun. Und starrte immer noch verdutzt auf die Schienen, wo bis vor ein paar Minuten noch der Zug mit der Tochter gestanden war. Die Blumen waren übrigens in ihrer Tasche.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 16.04.2012)

Nichts reimt sich im Deutschen auf Mensch

Der Endreim ist der VW Käfer der deutschen Sprache: volksnah, billig, auch vom Laien leicht zu bedienen – und nicht mehr ganz auf der Höhe der Zeit. Große Verbreitung findet er demnach vor allem im Volkstümlichen, seien das jetzt Musikantenstadl oder Schlagerparade, in schenkelklopfender Lyrik auf Geburtstagspartys („Der August der wird vierzig Jahr, drum singen wir jetzt tralala!“), die des Endreims willen gelegentlich die Satzstellung durcheinanderwirbelt, und in Wahlkampfslogans. Mit dem Reimpaket „Heimatliebe statt Marokkaner-Diebe“ verlieh zuletzt die Innsbrucker FPÖ offensichtlich ihrer Sorge Ausdruck, dass in der Tiroler Landeshauptstadt auffällig viele Nordafrikaner entwendet werden.

Traurig stimmt es da allerdings, dass sich manche Wörter einer Nutzung als Endreim besonders hartnäckig entziehen. Noch dazu, wenn es sich um solche handelt, die sowohl in der volkstümlichen Musik als auch in der Politik einen gewissen Stellenwert haben sollten. So gibt es etwa im Deutschen keinen Reim auf das Wort Mensch. (Und nein, Eigennamen gelten nicht!) Auch Löffel, Apfel, Schaffner oder fünf gehen in der Endreimpartnerbörse leer aus. So wie übrigens auch der Hanf – der hat dafür in seiner weiterverarbeiteten Form und leicht berauschenden Funktion einige Synonyme bekommen, vom schwarzen Afghanen über den roten Libanesen bis zum grünen Marokkaner. Fast schon verständlich, dass ein blauer Tiroler ob solcher multiethnischer Vielfalt ein wenig überfordert wirkt und lieber im großen Braunen umrührt.

Genug gerührt hat indes Wolf Martin. Der Endreimguru der „Kronen Zeitung“ zog sich vergangene Woche vom Schreiben endgültig zurück. Ob das das endgültige Ende des Endreims ist, sei allerdings dahingestellt. Denn die Verlockung, den buckligen Volkswagen anzustarten, ist wohl größer als die, sich auf moderne und umweltschonende Gefährte einzulassen.

(“Die Presse”, Print-Ausgabe, 02.04.2012)

Eine kleine Kulturgeschichte des 1. April

Er hat eine lange Tradition, doch über seinen Ursprung gibt es nur Spekulationen: Der Aprilscherz hat sich vom 16. Jahrhundert bis heute gehalten – auch wenn er etwas in der Krise steckt.

Der Aprilscherz hat so viel Tradition, dass man gar nicht mehr weiß, worauf sie eigentlich gründet. Wer sich auf die Suche nach den Wurzeln macht, wird, wie so oft im Brauchtum, gleich auf mehrere Erklärungen stoßen, die allesamt plausibel klingen. Da wäre etwa die religiöse Auslegung, dass Jesus Christus am Tag seiner Verurteilung, der ein 1. April gewesen sein soll, „von Pontius zu Pilatus“ geschickt wurde. Eine andere Variante ist die, dass an jenem Tag Judas Ischariot, der Jesus verraten hat, seinen Geburts- oder Sterbetag hatte – und dem wurde eben mit Schabernack gedacht. Häufig wird auch der Reichstag zu Augsburg genannt, der im Jahr 1530 für den 1. April einen Münztag festlegte, auf den spekuliert wurde – als der Münztag dann doch nicht stattfand, verloren die Spekulanten ihr Geld und wurden dafür auch noch verspottet.

Auch der französische König Heinrich IV. (1553-1610) könnte unfreiwillig den Anstoß für den Aprilscherz gegeben haben – er soll von einem jungen Mädchen um ein heimliches Rendezvous gebeten worden sein. Als er zum vereinbarten Treffpunkt erschien, wurde er dort von seiner Gattin Maria de Medici und dem gesamten Hofstaat begrüßt.

Vielleicht war der erste Aprilnarr aber auch Fernando Álvarez de Toledo, der spanische Statthalter in den heutigen Niederlanden. Als er am 1. April 1572 von den Holländern vertrieben wurde, zeigte man ihm die lange Nase. Und schließlich wird auch der französische König Karl IX. immer wieder genannt: Er verlegte 1564 mit einer umfangreichen Kalenderreform den offiziellen Jahresanfang auf den 1. Januar. Die Menschen, die in einigen Regionen den Jahresanfang weiter Ende März feierten, könnten die ersten Aprilnarren gewesen sein. Vielleicht war es aber auch gar keine bestimmte Person, vielleicht war der Aprilscherz ursprünglich einfach ein Frühlingsbrauch und damit ein letztes Relikt des Winters, der noch den einen oder anderen überraschenden Auftritt hatte.

Den Narren übertölpeln. Woher die Tradition kommt, ist also nicht zweifelsfrei zu klären und damit Objekt von Spekulation. Erstmals belegt ist der Brauch in Bayern im Jahr 1618, in der Literatur tauchte der „Aprilnarr“ im 18. Jahrhundert auf – der Begriff „Aprilscherz“ folgte erst im 19. Jahrhundert. Der Narr selbst zeichnet sich in der Tradition dadurch aus, dass er seine Rolle nicht freiwillig einnimmt – wie das etwa die Fastnachtsnarren tun -, sondern sich übertölpeln lässt.

Das wiederum kann auf vielerlei Arten geschehen. Der deutsche Theologe Manfred Becker-Huberti, der sich mit dem Thema intensiv auseinandergesetzt hat, spricht in seiner Typologie des Aprilscherzes von zehn verschiedenen Kategorien. Dazu gehört etwa das Anstarren eines imaginären Objekts – und alle, die sich zum Mitbetrachten verleiten lassen, werden ausgelacht. Auch präparierte Lebensmittel, etwa mit Senf gefüllte Pralinen, haben eine gewisse Tradition. So wie auch Ekliges – etwa Hundehaufen aus Plastik und dergleichen – gerne zum Gaudium eingesetzt wird. Und dann gibt es natürlich noch den Klassiker, das „In-den-April-Schicken“. Hier werden Menschen mit unsinnigen Aufträgen losgeschickt – etwa um Gewichte für die Wasserwaage zu holen -, bis sie schließlich irgendwann erkennen, dass sie hereingelegt wurden.

Allerdings hat das In-den-April-schicken, wie es lange auch unter Erwachsenen üblich war, in den letzten Jahren deutlich abgenommen. Schon seit einigen Jahren wähnen Volkskundler den Aprilscherz sogar in der Krise. Einen möglichen Grund dafür orten sie unter anderem in einer Reizüberflutung durch zahllose TV-Komiker, mit denen man im echten Leben kaum mithalten kann. Darum lasse man es lieber gleich bleiben.

Und noch ein weiteres Phänomen trägt zum Vergessen des Brauches bei – bisher ist es nämlich nicht gelungen, die Tradition des Aprilscherzes zu kommerzialisieren. Damit fällt ein Impuls weg, der bei vielen anderen Bräuchen zu einem regelrechten Boom geführt hat – man nehme etwa den Muttertag, der vor allem vom Blumenhandel stark vermarktet wird. Aber auch Halloween wäre im deutschsprachigen Raum ohne intensives Marketing durch die Süßwarenindustrie wohl nie so groß geworden, wie es heute ist.

Übrig bleiben zwei große Gruppen, die den 1. April noch hochhalten. Das sind zum einen Kinder, die großen Gefallen daran finden. Und zum anderen haben im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit die Medien die Federführung in der Verwertung des Aprilscherzes übernommen. Kaum eine Zeitung oder ein TV-Sender, der am 1. April nicht versucht, das Publikum mit einer – manchmal mehr, manchmal weniger offensichtlichen – Falschmeldung in die Irre zu führen. So erklärte etwa 1976 ein Astronom in der BBC, dass um 9.47 Uhr der Pluto exakt hinter dem Jupiter stünde – und die Erdanziehung in diesem Moment stark sinken würde. Wer dann hochspringe, könne für einige Momente schweben. Tatsächlich meldeten sich später hunderte Anrufer, die den Erfolg des Experiments bestätigten. Die Welle ebbte erst ab, als man explizit auf das Datum der Sendung verwies.

Auch aus österreichischen Medien sind unzählige Aprilscherze dokumentiert. Ein Klassiker ist etwa die Meldung, dass auf der Wiener Ringstraße ein Formel-1-Rennen ausgetragen werden soll. Und 2009 meldete die Kleine Zeitung, dass das ehemalige Arnold-Schwarzenegger-Stadion in Graz nach dem Schriftsteller Leopold von Sacher-Masoch benannt werden soll – auf ihn geht der Begriff „Masochismus“ zurück. All das sind Meldungen, die schnell als Scherze erkennbar sind.

Manche Scherze ziehen allerdings tatsächliche Reaktionen nach sich. Als etwa die Austria Presse Agentur (APA) am 1. April 2008 vermeldete, dass eine ungarische Ölfirma unter dem Neusiedler See Öl entdeckt habe und eine Bohrinsel errichten wolle, reagierte der Umweltsprecher der FPÖ mit einer Aussendung, in der er vor „erheblichen Risken für die Natur“ warnte. Zu diesem Zeitpunkt hatte die APA allerdings längst bekannt gegeben, dass es sich um einen Aprilscherz gehandelt habe.

Warnung vor dem Scherz. Leser von Zeitungen, Fernseher und Radiohörer seien also gewarnt. Nicht alles, was am 1. April scheinbar ganz seriös vermeldet wird, hat auch eine reale Grundlage. Wobei, bei manchen Meldungen der vergangenen Wochen und Monate hätte man sich fast gewünscht, es wäre nur ein Aprilscherz gewesen.

LEXIKON

April
Der Name des Monats geht vermutlich auf das lateinische „aperire“ zurück, das sich auf die sich öffnenden Knospen im Frühling bezieht. Eine weitere Deutung sieht „apricus“ (sonnig) als Ursprung.

Aprilscherz
Über den Ursprung des Brauchs, am 1. April Menschen hineinzulegen, gibt es mehrere Theorien. Neben religiösen und geschichtlichen Varianten könnte es sich um einen alten Frühlingsbrauch handeln – das unbeständige Wetter könnte als letzter Schabernack des vergehenden Winters interpretiert werden.

(“Die Presse”, Print-Ausgabe, 01.04.2012)