Wahlrechtsreform, aber richtig!

Ganz ehrlich, verspüren Sie nach dem gestrigen Wahltag auch nur irgendein Gefühl der Befriedigung? Wohl kaum – ganz unabhängig davon, welcher Partei Sie Ihre Stimme gegeben haben. Die Zeiten, als man noch ehrfürchtig das Wahllokal betrat und voller Überzeugung sein Kreuz machte, sind längst vorbei. Letztlich bleibt nur ein schaler Nachgeschmack, wenn eine mit viel Zweifel und Bauchweh gegebene Stimme danach vollmundig als große Zustimmung für den eigenen Kurs gewertet wird. Bleibt das dumpfe Gefühl, dass auch die nächste Koalition nicht viel können wird.

Der eine oder andere mag nun ein Mehrheitswahlrecht fordern, um zumindest die leidige Kompromissfindungsrallye abzuwenden. Doch würde das an dem schalen Gefühl irgendetwas ändern? Wohl kaum. Hier braucht es neue, moderne Lösungen. Eine Fernsehsendung, vielleicht. So etwas wie „Austria’s next Bundeskanzler“. Zu sehen sind dann die Aufnahmetests, bei denen sich potenzielle Kanzlerkandidaten in einem schäbigen Bezirkslokal vor der Jury (Peter Filzmaier, Alfons Haider und Dieter Bohlen) zum Affen machen. Die Besten landen dann bei „Kanzler Stars“ am Küniglberg, wo das Publikum nach weiteren Erniedrigungen der Kandidaten die schlimmsten Figuren per SMS (50 Cent) gnadenlos zurück in die politische Bedeutungslosigkeit voten kann. Am Ende, wenn nur noch zwei Kandidaten übrig sind, darf Moderatorin Mirjam Weichselbraun den Namen des Siegers aus einem Kuvert fischen und – nach 30 Sekunden gespannten Schweigens – den Namen des neuen Kanzlers verkünden. Jawohl, das gefällt dem Wahlvolk.

Übrigens, finden Sie nicht auch, dass Dorian Steidl und Werner Faymann eine gewisse Ähnlichkeit haben?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 29.09.2008)

Advertisements

Protestwählen, aber richtig

So schwierig wie diesmal war es noch nie, meinen Viele, am Sonntag seine Stimme guten Gewissens einer Partei zu geben. Zu groß ist die Gefahr, sich zu verwählen. Eine Stimmung, die geradezu aufmuntert, diesmal eine Proteststimme anzubringen. Wie das geht? Nun, zum Beispiel indem man die 300 Meter ins Wahllokal mit dem Auto zurücklegt, seine Stimme für die Grünen abgibt, um danach mit durchdrehenden Reifen wieder den Heimweg anzutreten. Ähnlich könnte man seinen Protest ausdrücken, indem man in der Wahlkabine lauthals die Internationale jauchzt, während der Kugelschreiber zum Kreuz beim Liberalen Forum geführt wird. Spannend wäre natürlich auch die Variante, mit der Kronen Zeitung unter der Achsel das Wahllokal zu betreten – und dann Wilhelm Molterer mit seiner Stimme zu beglücken.

Mit ein paar Spuren von Safran um die Mundwinkel und eine Auster schlürfend die SPÖ zu wählen, hat auch etwas ganz Perfides. „Denen habe ich es aber gegeben“, denkt der Protestwähler da, während er sich noch ein kleines Trüffelkonfekt zum Dessert genehmigt. Dieser Logik folgend, könnte man sich ja als BZÖ-Wähler outen, indem man mit dem Schriftzug „Freiheit für Nordslowenien“ am T-Shirt das Wahllokal betritt. Ziemlich klar ist der Fall, wenn Sie die Wahlkabine gen Mekka drehen und vor der Stimmabgabe noch schnell den Gebetsteppich ausrollen. Strache-Wähler, was sonst. Obwohl, so klar ist das dann doch wieder nicht – Sie könnten dann ja auch protestierend für die Christen gestimmt haben.

Ein wenig schwierig könnte es auch bei der Liste Fritz werden – für oder gegen welches Programm sollte man da protestieren? Und kommen Sie mir jetzt nicht damit, dass der Protest schon darin besteht, nicht selbst Fritz Dinkhauser zu sein.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 22.09.2008)

Kein Wahlrecht für Rolltreppenfahrer!

Irgendwo am Eingang zur Wiener U-Bahn muss ein Mechanismus versteckt sein, mit dem bei einzelnen Fahrgästen jegliche Form sozialer Intelligenz ausgeknipst wird. Wie sonst ist es zu erklären, dass einige Spezialisten noch immer nicht behirnt haben, dass auf der Rolltreppe die linke Spur nicht zum Stehen gedacht ist? Obwohl schon jede Kindergartentante ihrer Gruppe das zweispurige System eintrichtert, obwohl es bei jeder Rolltreppe angeschrieben steht – rechts stehen, links gehen -, stößt man beim gehetzten Aufstieg in wunderbarer Regelmäßigkeit an zumindest einen massiven Rücken, gefolgt von einem Blick zwischen Ratlosigkeit, Überraschung und Verwunderung, sobald man die verbale Lichthupe betätigt und freien Durchgang für freie Rolltreppenfahrer verlangt. Nicht selten geht der Anblick jenes Rückens nahtlos in das Bild zweier sich entfernender roter Punkte am Heck der U-Bahn über. Vielen Dank, sagt man da.

Ähnlich verhält es sich mit jenen Unbelehrbaren, die sich wie eine Schar pubertierender Mädchen beim Robbie Williams-Konzert vor die Tür des einfahrenden Waggons drängen, um aussteigenden Passagieren auch ja möglichst wenig Chancen zu geben, aus der Tür zu kommen. Auch hier denken wir an all die Kindergärtnerinnen und Volksschullehrer, die das Mantra vom „zuerst aussteigen lassen“ in fast schon buddhistischer Leidensfähigkeit rezitieren. Viel Erfolg dürfte dieser Repetitionspädagogik dennoch nicht beschieden sein, wie wir täglich aufs Neue erleben.

Das Traurige an Linksstehern und Türblockierern ist, dass sie nicht nur unbelehrbar und nervtötend sind. Nein, die dürfen auch wählen! Ein bisschen lässt einen der Gedanke dann schon erschauern, dass irgendwo beim Eingang zu den Wahllokalen auch ein geheimer Mechanismus angebracht sein könnte.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 15.09.2008)

Gut, dass das mein Chef nicht sieht . . .

Die schönste Karriere kann den Bach hinuntergehen, wenn unangenehme Dinge aus der Vergangenheit oder dem Privatleben an die Öffentlichkeit dringen. Man kann sich richtig vorstellen, wie sich die amerikanisch-prüde Gesellschaft gierig auf die republikanische Kandidatin für das Vizepräsidentenamt, Sarah Palin, stürzte, als ruchbar wurde, dass ausgerechnet die Tochter der „Kein-Sex-vor-der-Ehe“-Verfechterin schwanger ist. Und ledig.

Ebenso unangenehm muss es auf demokratischer Seite für Barack Obama gewesen sein, als plötzlich Fotos auftauchten, die ihn in der Kleidung somalischer Muslime zeigte – gerade in Zeiten islamophober Panikmache kommt das beim Wahlvolk nicht ganz so gut. Und auch Heinz-Christian Strache soll es gar nicht so lustig gefunden haben, als in den Medien Bilder auftauchten, die ihn beim Sport im Wald zeigten – da half auch die Adjustierung im Tarngewand nichts.

Damit es mir nicht einmal genauso ergeht und ich mich auf einmal mit verwerflichen Fotos aus meiner Vergangenheit konfrontiert sehe, habe ich mein Archiv durchforstet. Und tatsächlich stieß ich bei meiner Recherche auf brisantes Material – eine Jugendsünde, die an jenem Tag entstand, an dem Sozialminister Erwin Buchinger seinen Schnauzer für ein paar Tausend Euro dem Rasiermesser opferte. Ein Bild, das mich als Antipode zu jenem Mann zeigte, der seine proletarischen Haarwurzeln mit Füßen trat, indem er sie dem schnöden Mammon opferte. Sie können sich vorstellen, dass dieses brisante Foto nun wie ein Damoklesschwert über meinem Arbeitsplatz schwebt. Man weiß gar nicht, ob man lieber die Hände zum Beten falten oder eher über dem Kopf zusammenschlagen sollte. Gut, dass mein Chef dieses Foto niemals sehen wird . . .

Nun stellen Sie sich einmal vor, ein Foto wie dieses würde an die Öffentlichkeit gelangen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 08.09.2008)

Lieber Hardrock als Altersvorsorge

Züge haben eher ein biederes Image. Man verbindet mit ihnen vor allem müde Pendler, die frühmorgens am Zugfenster – oder am Sitznachbarn – lehnend noch ein wenig weiterträumen oder Krawattenträger, die nur Augen für das Excel-Sheet auf ihrem Laptop haben. Ähnlich bieder sind auch die Namen, auf die Inter-, Euro-City & Co meist getauft werden: Vorarlberg, Mozart und dergleichen.

Immerhin, seit einigen Jahren versuchen die ÖBB, ein bisschen Spannung in die Namensgebung der Züge zu bringen: Firmen, Institutionen oder Privatpersonen dürfen Garnituren gegen Gebühr einen Namen geben. Und so fahren nun eben der ÖBB InterCity „Magic Christian“, der InterCityExpress „118899.comAllesAuskunft“ oder – mein Favorit – der EC 760 „betriebliche-altersvorsorge.at“ durch das Land. Versprüht auch nicht gerade besonders viel Elan, oder? Und kommt einmal ein wirklich spannender Vorschlag – 2004 beantragte die „Homosexuellen Initiative“ eine Zugpatronanz – bekommen die Verantwortlichen Muffensausen und blocken ab.

Dass man doch nicht ganz so bieder ist, könnten die ÖBB bei der nächsten Namensvergabe beweisen: Dieser Tage erscheint das neue Album der australischen Hardrock-Veteranen AC/DC – inklusive der Single „Rock ’n‘ Roll Train“. Und in irgendeiner Schublade der Plattenfirma soll schon das Konzept einer Patenschaft liegen. Schon haben wir die Vision, wie der müde Pendler headbangend in den Waggon steigt, wo der Krawattenträger plötzlich eine Schuluniform trägt und im Mittelgang die Luftgitarre würgt. Während der Lokführer den Kragen seiner Lederjacke aufstellt, ertönt aus dem Lautsprecher Chris Lohners Stimme: „Sehr geehrte Fahrgäste, Intercity Rock’n’Roll Train in Richtung Highway to Hell fährt Bahnsteig 666 ab. Bitte Vorsicht.“ Aber dafür sind die ÖBB sicher auch wieder zu bieder. Wetten?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 01.09.2008)