Mit der Übergangsjacke den Winter vertreiben

Gelegentlich verhalten wir uns wie Tauben im berühmten Experiment von Burrhus Skinner.

Burrhus Frederic Skinner steckt in uns allen. Also nicht er selbst, aber ein Verhalten, das er in einem Experiment mit Tauben entdeckte. In der nach ihm benannten Skinner-Box war eine Taube eingesperrt, und in regelmäßigen Abständen von 15 Sekunden fiel ein Stück Futterkorn durch eine Öffnung. Die Vögel, die natürlich nicht wussten, nach welchen Kriterien sie das Futter bekamen, zeigten dann teils seltsame Bewegungen – nämlich genau jene, die sie gemacht hatten, bevor das erste Korn in den Käfig fiel. Die eine putzte sich mit ihrem Schnabel, die andere machte eine schleudernde Bewegung mit dem Kopf – und in der Hoffnung auf weiteres Futter wiederholten sie genau diese Tätigkeit. Diese zufällige Konditionierung zeigt, dass auch Tiere so etwas wie Aberglauben kennen. Bei uns können etwa Snackautomaten zu Skinner-Boxen werden, nur dass wir außen stehen und das Futterkorn, etwa eine Packung Schnitten, innen auf den Einwurf einer Münze wartet. Schluckt der Automat die Münze nicht, reiben wir sie am Automaten und werfen sie erneut ein. Ist zwar sinnlos, aber irgendwann hat es vielleicht einmal aus ganz anderen Gründen funktioniert. So wie auch das Klopfen auf eine Getränkedose, damit beim Öffnen die Kohlensäure nicht das lustige Geysir-Spiel macht.

Vollends zur Taube werden wir, wenn wir meinen, durch die Auswahl unserer Kleidung das Wetter beeinflussen zu können. Die Sonne scheint, also weg mit dem Wintermantel und rein in die – ja, ein furchtbares Wort – Übergangsjacke. Das geht einmal gut, doch am nächsten Tag ist es vielleicht wieder kalt. Egal, die Übergangsjacke bleibt. Und mit ihr die Hoffnung, dass der Winter das doch sehen und sein Verhalten darauf abstellen müsste. Aber leider, der Winter endet erst am 20. März. Ab dann ist Frühling und wir können endlich im T-Shirt raus auf die Straße. Oh, ein Futterkorn!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 27.02.2017)

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Der Einzugsdämpfer hat mein Leben zerstört

Dinge, deren richtigen Namen wir nicht wissen, so wie das Plastikdings von der Supermarktkasse.

Der Warentrenner ist eines davon. Ein Ding aus der Kategorie von Dingen, denen wir zwar tagtäglich begegnen, aber nicht die richtige Bezeichnung kennen. Im konkreten Fall geht es um das etwa 30 Zentimeter lange Plastikdings, das man im Supermarkt auf das Fließband legt, um nicht die Waren des nächsten Kunden mitzahlen zu müssen. Manche sagen auch Warentrennbalken oder Kassentrennstab dazu, aber mit Plastikdings ist man jedenfalls auch auf der sicheren Seite. Sollten Sie es bisher ahnungslos Brzlwzl genannt haben, können Sie sich jetzt endlich die ratlosen Blicke der Kassierin erklären, wenn Sie danach gefragt haben.

Ähnlich herumgestammelt wird auch, wenn nach dem Plastikdings gefragt wird, das dafür sorgt, dass Schubladen nicht mit einem Knall zugehen, sondern mit einem sanften Glucksen in den Kasten einrasten. Und nein, das Plastikdings aus dem Supermarkt eignet sich nicht dafür, jetzt geht es um ein anderes Plastikdings. Das hört auf den Namen Einzugsdämpfung – genau genommen hört es nicht darauf, weil Einzugsdämpfungen keine Ohren haben, sondern es wird nur so genannt. Diese Einzugsdämpfung, jedenfalls, hat mein Leben zerstört. Gut, das ist übertrieben. Aber sie hat einige selige Momente der Triebabfuhr verunmöglicht. Dieses befreiende Gefühl, in den wenigen Momenten der Wut eine Lade zuzuknallen, stellt sich nicht mehr ein. Selbst bei großer Vehemenz bleibt am Ende der erlösende Knall aus, dafür schmatzt die Einzugsdämpfung spöttisch. Und fast fühlt man sich von dem Plastikdings im Küchenregal ausgelacht. Vielleicht zu Recht, denn das Zuschmeißen von Türen und Laden macht die Situation am Ende ja doch nicht besser. Genauso wenig wie das Knallen des Telefonhörers auf die Gabel, um ein schlecht verlaufenes Gespräch zu beenden. Wobei, versuchen Sie das erst einmal auf dem Handy.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 20.02.2017)

Holt Leute nicht immer dort ab, wo sie gerade stehen

Man sollte Menschen auch dazu bewegen, sich zu bewegen. Sonst gibt es nie einen Schritt nach vorn.

Es gibt Gespräche, nach denen man das Gefühl hat, ein bisschen klüger geworden zu sein, als man zuvor war. Wenn etwa eine Phrase, die man zuvor brav nachgeplappert oder zumindest geistig abgenickt hat, dabei in ihre Einzelteile zerlegt und danach nicht mehr zusammenbaut, sondern im sprachlichen Sondermüll entsorgt. Zum Beispiel die, dass man die Menschen dort abholen soll, wo sie stehen. Klingt doch nicht schlecht, der Satz, oder? Aber denken wir ihn doch ein Stück weiter, wie es eine befreundete Lehrerin in genau einem solchen Gespräch gemacht hat. In der Bildung, zum Beispiel, bedeutet dieser Satz Stillstand. Man soll, meinte sie, die Kinder und Jugendlichen ruhig dazu bewegen, sich zu bewegen. Auch den einen oder anderen Schritt mehr zu machen, um auf Dinge zu stoßen, von denen sie vorher nicht einmal wussten, dass es sie gibt. Ja, das kann auch manchmal unbequem sein – und das soll es auch. Denn dann bringt es auch etwas, nämlich einen Fortschritt im Denken, im Wissen und im Tun.

Aber auch abseits der Schule könnte man sich von diesem scheinbaren Zwang zur Abholgenauigkeit ein wenig lösen. Indem man Menschen nicht einfach immer nur das vorbetet, von dem man meint, dass sie es hören wollen. Denn damit landet man schnell beim Hätscheln einer bequem gewordenen Gesellschaft, der es schon an Bewegung reicht, mit dem Daumen nach unten zu deuten. Was übrigens vor allem dann passiert, wenn es um andere geht. Sollen die sich doch bewegen, am besten dorthin, wo man sie nicht mehr im Sichtfeld hat.

Einigen wir uns also darauf, dass das mit dem Abholen, wo die Leute stehen, keine so gute Idee ist . . . außer vielleicht für die ÖBB oder die Wiener Linien. Bei denen hat sich das Konzept mit den Haltestellen gar nicht so schlecht bewährt. Jetzt müsste der Bus nur endlich auch hier vorbeikommen, es wird nämlich langsam kalt.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 13.02.2017)

Der kleine Stein zwischen Tür und Fliesenboden

Das winterliche akustische Äquivalent zur surrenden Gelse im sommerlichen Schlafzimmer.

Denken wir an eine Sommernacht. An den ohnehin schon unruhigen Schlaf. Und da ist auf einmal dieses Geräusch, dieses Surren. Eine Gelse, die ihre Runden scheinbar genau um das Ohr dreht. Doch so präsent das Tier akustisch auch ist, sobald das Licht an ist und das Gelsenhalali ertönt, ist es weg. Nur, um beim nächsten Einschlafversuch wieder hochtourig um das Ohr zu kreisen. Stich doch endlich zu, aber dann sei wenigstens leise, was ist schon das bisschen Jucken am Tag danach gegen diese Kakofonie der Sommernacht.

Auch der Winter kennt ein akustisches Äquivalent zu diesen Quälgeistern. Dieses Stückchen Streusplitt nämlich, das über die Schuhsohle irgendwie den Weg in die Wohnung gefunden hat. Selbst wenn man die Schuhe zehn Minuten lang über die Türmatte streifen lässt, irgendwie schlüpft es doch durch. Und taucht dann genau beim Schließen der Eingangstür auf. Als Knarzen, wenn es sich zwischen Türkante und Fliesenboden verkeilt. Ist es erst einmal da, verhält es sich wie eine Gelse. Man sieht es nicht, kann es nicht erschlagen. Man hört es nur, in welche Richtung man die Tür auch bewegt. Und spürt, wie das kleine Stück wie ein Diamant eine Furche in den Fliesenboden ritzt. Der Karton, mit dem man unter die Türe fährt, bleibt irgendwo stecken. Das Steinchen kratzt weiter. Irgendwann versucht man, die Türe ein wenig aus den Angeln zu heben. Zieht ungeschickt mit dem Fuß ein Tuch unter der Türkante durch. Und auf einmal ist es weg, das Kratzen. Das Steinchen wohl auch. Nur, dass man es nirgendwo findet, um es aufheben und wegwerfen zu können. Vermutlich versteckt es sich in einer Ecke und wartet nur darauf, bald wieder zuschlagen zu können. Am nächsten Morgen, vermutlich, wenn man es gerade besonders eilig hat – und die Tür nicht zu bekommt. Na gut, zumindest in der Nacht hat der Quälgeist Ruhe gegeben.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 05.02.2017)