Mit Foibe, Föbe und Fibi auf den Mond

Zwischen Belustigung und Gesichtsstarre muss es in ihren Ganglien oszilliert haben, als sie der Aussprache gewärtig wurde, in der ihr Name soeben in den Äther gehaucht wurde: „Föbe“ war sie gerade aufgerufen worden. Nun wissen wir spätestens seit der Fernsehserie „Friends“, dass der Name im angloamerikanischen Raum eher als „Fibi“ ausgesprochen wird. Und auch Phoebe selbst schien in jenem Moment gar nicht so sehr zum Lachen zumute. Jener Person, die sich ihres Lapsus möglicherweise gar nicht bewusst war, aber gleich den Vorwurf der Unbildung zu machen, griffe allerdings zu kurz.

Schließlich geht der derzeit sehr beliebte weibliche Vorname auf das griechische Φοίβη zurück, was so viel wie „die Leuchtende“ bedeutet und „Foibe“ ausgesprochen wird. Bezeichnet wurde damit übrigens die Titanin „Phoibe“, Tochter des Uranos und der Gaia sowie Großmutter der Artemis – die auch als Mondgöttin bekannt und von so manchem Dichter mit dem Beinamen Phoibe versehen wurde. Ebenfalls „Phoibe“ wurde jene Diakonin genannt, die im Auftrag des Apostels Paulus dessen Brief an die Römer überbrachte, und deren Gedenktag im katholischen und orthodoxen Kalender am 3. September gefeiert wird. Dass der Name in diverser Literatur und in Lexika auch des Öfteren als „Phöbe“ zu finden ist, gibt eine Ahnung, welche Bandbreite an Aussprachen dieser Name schon hinter sich hat. Dass es im Französischen sogar Phoebé oder Phoebeoe gibt, macht die Sache auch nicht einfacher.

Doch allen Phoebes dieser Welt, die sich falsch angesprochen fühlen, sei ein Trost mitgegeben: In Israel hieß ich „Arik“, ein betrunkener Schwede auf der Fähre von Stockholm nach Helsinki lallte „Örich“ – und in frühen Jahren sagte meine Nichte „Erkel“ zu mir. Also, liebe Föbe, irgendwie sitzen wir doch im selben Boot.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 17.01.2011)

Subtiles Mobbing an der Wursttheke

Als netter Kollege geht man mittags nicht einfach nur für sich in den Supermarkt ums Eck. Man fragt höflicherweise auch seine Sitznachbarn, ob sie vielleicht etwas brauchen. Anhand der zustande gekommenen Einkaufsliste kann man ablesen, welcher Kollege noch eine Rechnung mit einem offen hat. Dabei verhält sich die Intensität jener Rechnung direkt proportional zur Komplexität der Bestellung. Eine Käsesemmel bedeutet etwa, dass das Verhältnis weitgehend ungetrübt ist. Hat es jedoch ein Kollege auf Sie abgesehen, liest sich sein Wunsch etwa wie folgt: „An der Brottheke ein Winterzeitweckerl nehmen – das gibt es nur in der Doppelpackung, also bitte dort aufmachen und neu verpacken lassen – und damit zur Wursttheke marschieren. Dort elf Deka Salami mit Peppadew (oder irgendeine andere Wurstsorte, die möglichst umständlich aus der Theke hervorgekramt und aufgeschnitten werden muss, Anm.) in das Weckerl füllen. Dazu eine Scheibe Gouda und ein Gurkerl. Und noch ein Biojoghurt aus linksdrehenden Aminosäuren und einen Smoothie mit Boysenbeerengeschmack. Das wär’s, mehr brauche ich eh nicht. Danke schön!“

Während man nun peinlich berührt an der Wursttheke die Bestellung durchgibt, darum bittet, alles  einzeln zu verpacken, und gleichzeitig den wartenden Kunden dahinter einen entschuldigenden Blick zuwirft, hat man viel Zeit, um über Revanche zu sinnieren. Vielleicht lässt sich ja sogar eine Route berechnen, bei der der Kollege das nächste Mal besonders oft quer durch den Supermarkt laufen muss. Eine Kombination aus Biokichererbsen mit mariniertem Seeteufel vielleicht. Dazu eine eisgekühlte Schwarzwälder Kirschtorte, die man an der Wursttheke aufschneiden und mit Honigkrustenschinken füllen lässt. Das wär’s, mehr brauche ich eh nicht. Danke schön!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 10.01.2011)

Monsieur Pujol, der Geldscheißer und ich

Gleich vorweg bitte um Verzeihung, denn eigentlich sollte man derartige Worte ja gar nicht in den Mund nehmen. Doch gelegentlich rutscht es dann doch raus – man wünscht sich einen Geldscheißer. Allein, durch Fäkulieren monetäre Erträge zu erwirtschaften, hat sich als Geschäftsmodell bisher nicht wirklich durchgesetzt. Doch in dem Moment, in dem diese Wahrheit demütig hingenommen wird, sei ein Mann erwähnt, der es zumindest auf ähnlichem Wege zu einem ansehnlichen Einkommen gebracht hat.

Joseph Pujol, geboren 1857 in Marseille, hat Ende des 19. Jahrhunderts im Pariser Moulin Rouge Gagen eingestreift, die sogar über jenen seiner Zeitgenossin Sarah Bernhardt lagen. Und das mit einer Tätigkeit, von der man nicht einmal annehmen würde, dass sie überhaupt existiert: Pujol war ein Kunstfurzer. Unter seinem Künstlernamen „Le Pétomane“ blies er zum Gaudium des Publikums mit seinem Darmschließmuskel die Marseillaise, imitierte Musikinstrumente wie die Tuba und inszenierte den Kanonendonner der Schlacht von Austerlitz. Seine Kunst war hoch angesehen, er spielte vor ausverkauften Häusern. Persönlichkeiten wie der britische Thronfolger Edward oder Sigmund Freud amüsierten sich königlich über Pujols Darbietungen.

Ähnlich erfolgreich war der 1966 im britischen Macclesfield geborene Paul Oldfield – er tourte als Kunstfurzer um die Welt und nahm unter seinem Pseudonym „Mr. Methane“ im Jahr 2000 sogar eine CD auf, auf der er unter anderem den Donauwalzer interpretierte. Auf diese Weise lässt sich also tatsächlich Geld verdienen. Aber bevor jetzt Analogien zur heißen Luft anderer Berufsgruppen gezogen werden, brechen wir diese Kolumne lieber ab.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 03.01.2011)

Kampf den leeren Hüllen in der „After Eight“-Packung

Ein Fehler, den alle begehen, wird irgendwann als Regel anerkannt. Das Phänomen, das wir vor allem aus der Sprache kennen, ist auch im Alltag ein ständiger Begleiter. Nun müssen wir darob zwar nicht in das reaktionäre Muster verfallen, jeglichen Wandel als Niedergang zu betrachten, doch gelegentlich sollten wir zumindest ein wenig kritisch reflektieren, welche Fehler wir vermeiden können – auf dass sie nicht zur Regel werden.

All jenen, die eine Packung „After Eight“ auf ihrem Couchtisch stehen haben, sei etwa ins Stammbuch geschrieben: Steckt die leeren Hüllen nicht wieder in die Packung! Nichts ist entwürdigender, als zwischen hunderten schwarzen Papiertäschchen nach den letzten verbliebenen Schokolade-Minz-Tafeln zu fingern. Genauso verabscheuungswürdig ist es, Christbaumbehang auszupacken und die leere Folie am Baum hängen zu lassen. Seien Sie Ihren Kindern ein Vorbild und lassen Sie das bleiben!

Ein weiterer klassischer Fehler, der dieser Tage wieder von Millionen Menschen begangen wird, hat sogar einen eigenen Namen: der Neujahrsvorsatz. Warum sollte ein charakterschwacher Mensch gerade mit Stichtag 1. Jänner sein Leben nachhaltig ändern, wenn er es schon das ganze Jahr nicht zusammengebracht hat? Wer nicht mit dem Rauchen aufhören will, sollte sich gar nicht erst einreden, dass er es im neuen Jahr machen wird. Nur in den seltensten Fällen ist das Knallen der Sektkorken die Initialzündung für den Start in ein neues Leben. Darum lassen wir diese ritualisierte Selbstverleugnung doch einfach bleiben und versuchen gar nicht, mit dem Jahreswechsel zum Spitzensportler zu werden. Lehnen Sie sich zurück, genießen Sie das Leben, nehmen Sie sich ein „After Eight“ – und dann werfen Sie die leere Hülle gefälligst in den Mistkübel.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 27.12.2010)

Das ist der Weg, wie das Keks zerbröselt

Die Geschichte des Kekses ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Zunächst einmal jenes, dass es sich bei ihm sowohl um ein Männchen als auch um ein Sächchen (sagt man so zu geschlechtsneutralen Dingen?) handeln kann. So ist er in Deutschland der Keks, während es in Österreich das Keks heißt. Abgesehen davon versteht man in den beiden Ländern völlig unterschiedliche Dinge darunter – im Norden ist damit das zackige, mürbe Gebäckstück à la Butterkeks gemeint, während hierzulande jegliche Form von Gebäck darunter verstanden wird. Vanillekipferln & Co. bezeichnet der Germane hingegen als Plätzchen, was sich aus dem Diminutiv des aus dem Lateinischen stammenden placenta (Kuchen) ableitet.

Am Keks offenbart sich aber auch eine weitere österreichische Eigenheit, nämlich die überproportionale Verwendung des Buchstaben x in der gesprochenen Sprache. Was beim Kex ja wenig Konsequenzen hat, bei Wörtern mit einer ch-s-Kombination jedoch zu Missverständnissen führen kann. So kann es durchaus passieren, dass die Zahl sechs in der Aussprache wie der Begriff für geschlechtliche Handlungen klingt. Ein Klassiker, der unter Schenkelklopfern schon einige Beliebtheit erreicht hat. Klassisch ist auch die lachse (haha) Aussprache des beliebten Speisefisches oder die Verwechslung von Deutschlands Wildtier des Jahres 2010 (ja, das gibt es wirklich) mit dem ebenso deutschen Aktienindex DAX. (Das Wildtier 2011 ist übrigens der Luchs, was wieder lustige Verwechslungen mit der Beleuchtungsstärke garantiert.)

Dumm ist nur, wenn jene wenigen Sprachpuristen, die die ch-s-Kombination korrekt aussprechen, gedankenlos einen Schritt zu weit gehen. Denn mit Sachsofonisten und Bochsern sollte man keine Fachsen machen. Von Kechsen gar nicht zu reden.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 20.12.2010)

Wenn ich dich ärgern will, halte ich dir die Tür auf

Nichts ist schöner, als hinter einem freundlich lächelnden Gesicht eine Gemeinheit zu verstecken. Jemanden anzuschreien oder ihm Beschimpfungen an den Kopf zu werfen, das hat absolut keinen Stil. Und im Streit die Hand zu heben, das ist sowieso tabu. Es gibt doch viel spannendere Methoden, Menschen zu erniedrigen – bei denen man von demjenigen auch noch Dank erwarten darf. Am besten funktioniert das, wenn Sie jemandem, der gerade noch ein bisschen zu weit entfernt ist, die Tür aufhalten. Denn der Betreffende gerät angesichts dieser freundlichen Geste in Zugzwang – schließlich will man ja den höflichen Türöffner nicht allzu lange warten lassen – und muss sein gemächliches Tempo erhöhen. Im besten Fall setzt die Person sogar zum kurzen Sprint an. Genau jener Moment, in dem die ungewollte sportliche Betätigung einsetzt, der Körper sich ein wenig nach vorne neigt und die Beine ungelenk in den Trab übergehen, ist die ultimative Erniedrigung. Chapeau!

Was aber macht man im umgekehrten Fall, wenn man schon den scheinbaren Kavalier grinsend in der geöffneten Tür stehen sieht? Dann sollte man nur ja nicht in den Reflex verfallen, den Schritt zu beschleunigen. Dazu gehört eine gewisse Überwindung, das stimmt, doch im besten Fall marschiert man einfach seelenruhig und gemächlich auf die Türe zu. Feinspitze garnieren das Defilee mit einem freundlichen Zuruf à la „Aber nein, lass nur!“ Denn steht derjenige erst einmal in der Tür, kann er gar nicht anders, als dort zu verharren. Wenn Sie ganz gemein sein wollen – und ein paar Münzen eingesteckt haben -, können Sie ihm als Gipfel der Perfidität im Vorbeigehen auch noch eine 50-Cent-Münze zuschnippen. Er wird dann vermutlich freundlich lächeln. Und Sie können sich ausrechnen, wie er es meint . . .

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 13.12.2010)

Ich liebe dich (von meinem iPhone gesendet)

Ja, sehr geehrte Damen und Herren, es lässt sich abstellen. Einstellungen – Mail, Kontakte – Signatur. Und dann einfach löschen. Allein, es macht niemand. Und so erfreuen wir uns tagtäglich an allerlei hübschen E-Mails, unter deren eigentlichem Inhalt wir in der Signatur lesen können, dass die Nachricht von einem iPhone in den digitalen Äther geschickt wurde. Klar, wenn man schon ein solches Mobiltelefon hat, möchte man die Welt daran auch Anteil nehmen lassen. Was allerdings mitunter skurrile Blüten treibt. Oder würden Sie sich freuen, wenn auf Ihrem Display folgendes Geständnis zu lesen ist: „Ich liebe dich (von meinem iPhone gesendet)“. Das ist in etwa so charmant, als würde man nach einem Candlelight-Dinner getrennte Rechnungen verlangen, oder?

So wie es aussieht, dürfte in Apples Smartphone ein gewaltiger Wurm stecken – dass nämlich für das Gerät keine Understatement-App verfügbar ist. Dagegen scheint es an einer Applikation für Ausreden nicht zu mangeln. Die Signatur sei eine Entschuldigung für Tippfehler, die auf dem kleinen Display ja viel häufiger passieren als mit einer Computertastatur. Ja, eh. Andere wiederum meinen, sie wüssten gar nicht, wo man die Signatur abstellen kann – mit dem Herunterladen diverser Spielchen aus dem Apple-Shop haben sie dagegen keine Probleme. Wenigstens ehrlich wirken jene iPhone-Nutzer, die mit großen Augen fragen: „Wie, das kann man auch abschalten?“ Was allerdings auch ein schlechtes Licht auf die Produzenten wirft, denen man immerhin zutraut, diese Werbeeinschaltung tatsächlich jedem Nutzer aufzuzwingen. Als würde das Waschmittel auf dem Pullover seinen Werbeclaim hinterlassen, um den Vergleich mit der analogen Welt zu bemühen. Aber gut, solange Apple kein iWaschmittel herstellt . . . (auf meinem Computer geschrieben).

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 06.12.2010)

You say goodbye, and I say hello!

Es ist eine jener Situationen, die sich nie befriedigend lösen lassen: Man begegnet in der Arbeit einem Kollegen, der gerade das Haus in Richtung Freizeit verlässt, zum ersten Mal an diesem Tag. Und jedes Mal stellt sich die Frage, wie man ihn denn nun jetzt begrüßen soll. Denn ein „Hallo“ oder das förmlichere „Grüß Gott“ ist bei der ersten Begegnung des Tages durchaus sinnvoll. Allerdings ist der Heimgehende mit den Gedanken längst nicht mehr beim Begrüßen, dem womöglich eine weitere soziale Interaktion folgen soll. Insofern wäre ein „Ciao“ oder das förmlichere „Auf Wiedersehen“ wohl eher angebracht. Im Widerstreit, ob nun die Begrüßung eines Gehenden oder die Verabschiedung eines noch gar nicht Gesehenen das kleinere Übel darstellt, ergibt sich dann meist eine für beide Seiten unbefriedigende Grüß-Gott-auf-Wiedersehen-Situation: „You say goodbye, and I say hello“, wie es schon die Beatles richtig erkannt haben.

Abhilfe schafft eine Grußformel, die sowohl Begrüßung als auch Verabschiedung beinhalten kann. Während ältere Semester das „Grüß Gott“ als Universalbegrüßung verstehen, klingt es für Jüngere als Abschied aber eher ungewöhnlich. Auch „Guten Abend“, das im Zweifelsfall – und zur entsprechenden Tageszeit – zur Verabschiedung tauglich sein kann, befriedigt nicht wirklich. Was also tun? Nun, unter Duzern (was für ein schönes Wort!) bietet sich in einer solchen Situation „servus“ an – eines der wenigen Wörter, das gleichzeitig als Begrüßung und als Verabschiedung verstanden werden kann. Doch unter Siezern (was für ein schönes Wort!) ist es schwierig. Im Zweifelsfall lösen Sie es einfach nonverbal – mit einer Verbeugung. Das wirkt beim Kommen und beim Gehen. Könnte zwar sein, dass man Ihnen in Zukunft aus dem Weg geht. Aber immerhin, das Grußproblem wäre damit nachhaltig gelöst.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 29.11.2010)

Die Illusion des originellen Geistesblitzes

Jede Wortmeldung nützt sich mit ihrem ständigen Gebrauch ein wenig ab. Vor allem bei jenen armen Menschen, die sie zum hundertsten Mal zu hören bekommen. Wird man etwa bereits vom zweiundzwanzigsten Kollegen darauf angesprochen, dass man einen Kaffeefleck auf dem Hemd hat, ist irgendwann der Punkt erreicht, an dem der Neuigkeitswert gegen unter null tendiert. Auch die Frage, ob man verreist, wenn ein Koffer neben dem Schreibtisch steht, ist spätestens nach dem zehnten Durchlauf nur mehr mäßig spannend zu beantworten. Noch schlimmer wird es, wenn sich die Wortmeldung als Scherz versucht. Stellen wir uns etwa einen Menschen namens Seltenreich vor, der auf jedem Amt und in jeder Vorstellungsrunde zu hören bekommt: „Selten reich, immer arm! Haha!“

Gut nachvollziehbar, dass jener arme Mensch bei jeder Nennung seines Namens schon zähneknirschend auf das ewig gleiche Wortspiel wartet. Und darauf, dass sich der Wortwitzakrobat ganz sicher ist, als erster Mensch auf der Welt diesen Genieblitz gehabt zu haben. Ähnlich ergeht es jenen zahllosen Kellnern, die bei den ewig gleichen Sprüchen der Gäste („Jeder muss an etwas glauben! Ich glaube, ich möchte noch ein Bier! Haha!“) auch noch höflich lächeln müssen. Jenen Köchinnen, die nach dem Familienessen regelmäßig den Running Gag zu hören bekommen: „War gar nicht mal so gut! Haha!“ Jenen Verkäufern, denen nach Abwicklung des Verkaufs schwungvoll verkündet wird: „Die Firma dankt! Haha!“ So ziemlich jeder Berufstätige, der im häufigen Kundenkontakt steht, hat unser aller Mitgefühl verdient. Aber nicht nur sie – es erwischt auch andere. Denn auch als Erich wird man von besonders lustigen männlichen Zeitgenossen immer wieder mit einem alten Kalauer begrüßt: „Schwuler Name! Vorne er, hinten ich!“ Genau. Haha.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 22.11.2010)

Die Simmeringer Schule der Diplomatie

„Als ich Diplomat wurde, war das erste, was ich lernen musste, den Mund zu halten – in vielen Sprachen.“ Mit diesem Satz charakterisierte die frühere israelische Premierministerin Golda Meir genau jenes Bild, das unsereins üblicherweise von Diplomatie hat. Jene Kunst, konstruktiv aneinander vorbeizureden. Oder aber auch, jemandem in so netter und charmanter Weise zu sagen, dass er zur Hölle fahren soll, dass dieser sich sogar auf die Reise freut. Kurz, es geht um die Fähigkeit, so zu tun, als täte man nicht so.

Die Aussagen des türkischen Botschafters Kadri Ecvet Tezcan von vergangener Woche heben sich ein wenig von dieser Maxime ab. Und sind vielleicht die Vorstufe für einen Paradigmenwechsel der angewandten Diplomatie, an deren Ende ein neuer Typus entsteht: Der Rüpel-Diplomat. Wer weiß, vielleicht begegnen wir schon bald in den Botschaftsvierteln dem einen oder anderen Konsul, der ohne Blick zur Seite bei Rot über die Ampeln geht – vor den fassungslosen Augen schockierter kleiner Kinder. Einen Botschafter, der die Reste seiner selbst gedrehten Zigaretten achtlos zu Boden schnippt und erleichtert daneben auf den Gehsteig rotzt. Bei Empfängen schneuzt er sich ins Tischtuch, spricht mit vollem Mund und legt am Ende des Banketts den Kopf schwungvoll zurück, um auch an den letzten Tropfen aus der Schwechater-Dose zu gelangen. Und das Rülpsen danach ist längst Teil der diplomatischen Amtssprache geworden.

Sollten Sie einem dieser Neo-Botschafter begegnen, empfiehlt es sich, ihn lieber nicht von der Seite anzureden. Denn womöglich ist er ein Absolvent der Simmeringer Schule der Diplomatie. Eine Denkrichtung, die vor allem durch einen oft gehörten Satz in der Lokalszene des elften Bezirks zu Berühmtheit gelangte: „Gemma auße! Regeln wir das diplomatisch!“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 15.11.2010)