Die letzte Zuflucht des Versagers

Ich gestehe, ich habe eine Pflanze zu Hause. Nur eine, die ist von Ikea und nicht umzubringen. Seit fast fünf Monaten steht sie im Wohnzimmer. Und ist immer noch grün. Das ist nicht selbstverständlich, ist mein grüner Daumen doch sonst eher eine Form von aktiver Sterbehilfe. Ich erinnere mich an meinen ersten kleinen grünen Kaktus (nein, er stand nicht draußen am Balkon. Und hollari, hollari, hollaro war er schon gar nicht!), den ich Tag für Tag so liebevoll goss, bis er von innen her zu verfaulen begann.

Alle weiteren Vorstöße in die Welt der Flora lassen sich am besten mit den Worten von Samuel Beckett beschreiben: „Immer wieder versucht, immer wieder gescheitert. Nochmals versucht, besser gescheitert.“ Mit Schrecken denken manche Freunde zurück, deren Küchenkräuter ich für ein paar Tage beaufsichtigen musste – und die nachher eher an einen brennenden Dornbusch erinnerten. Fast schien sich bei mir ein alter Spruch von Homer Simpson zu bestätigen: Der Versuch ist der Beginn des Versagens.

Umso erstaunlicher ist es, dass mein Sitznachbar in der Redaktion den ansehnlichen Urwald, den er auf seinem Fensterbrett angelegt hat, während seines Urlaubs gerade mir zur Pflege anvertraut. Weiß er es nicht besser? Oder will er die wuchernden Chlorophyllschleudern nur elegant loswerden, um wieder durch das Fenster sehen zu können? Wie auch immer – Ehrgeiz ist die letzte Zuflucht des Versagers, und so werde ich Tag für Tag mit Hektolitern von Wasser durch das Ressort stampfen, Bäume und Kakteen zärtlich streicheln und sie am Abend in den Schlaf wiegen. Dass ich dabei den Brian-May-Song „Too Much Love Will Kill You“ pfeife, sollte Sie nicht beunruhigen, das hat keine tiefere Bedeutung. Bestimmt nicht.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 03.08.2009)

Das Kebab der japanischen Küche

So mancher kulinarische Exportschlager scheint nur dafür gemacht, die Würde des essenden Mitteleuropäers mit Füßen zu treten. Dazu muss man nicht einmal an ein Dürüm-Kebab denken, dessen Verzehr ohne massiven Austritt von Sauce „mit alles und scharf“ auf Boden oder Bekleidung kaum zu bewältigen ist. Nein, auch die japanische Küche kann zur Kriegserklärung werden. Speziell Maki – die gerollte Sushi-Variante, Sie wissen schon – sind gefährliche Kampfstoffe, mit denen der durchschnittlich versierte Österreicher nicht und nicht umzugehen weiß.

Es sind weniger die kleinen Reisröllchen, aus denen ein Stückchen Lachs oder Gurke blinzelt, sondern die über dimensionalen Walzen, in  denen sich vierundzwanzig Fisch- und Gemüsesorten um die Mitte drängen, und die nur ein Blatt Seetang von der Explosion abhält. Denn egal, wie man es angeht, man verliert immer. Bei Variante eins, bei der das gesamte Stück auf einmal in den Mund geschoben wird und der Esser für fünf Minuten mehr einem verzweifelt kauenden Goldhamster ähnelt denn einem Menschen. Aber auch bei der zweiten Variante, dem Versuch des Abbeißens, ist letztlich kein Land zu gewinnen. Denn kein noch so gezielter Biss durchtrennt das Seetangband – das sich in weiterer Folge löst und Reis, Fisch und Gemüse mit einer ausrollenden Bewegung der Schwerkraft übergibt.

Auf der anderen Seite montiert manche Nation auch Stützräder auf das kulinarische Rad des schlingernden Urlaubers. Dass etwa die Italiener den Österreichern und Deutschen einen Löffel in die Hand drückten, auf dass sie nicht im Gewirr aus Nudeln untergehen, muss man als Form der Entwicklungshilfe betrachten. Dumm nur, dass die Geholfenen so wohl nie lernen, Spaghetti wie richtige Italiener zu essen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 27.07.2009)

Schafe und Erbsen zählen

Als Kinder wurde uns eingebläut, zum Einschlafen einfach Schafe zu zählen. Eine romantische Vorstellung, die im ländlichen Raum zwar praktikabel scheint, der Lebensrealität des urbanen Einschlafwilligen jedoch in keinster Weise gerecht wird. Zugegeben, praktischer als das Zählen von Bären ist es allemal, handelt es sich bei Letzteren doch um keine Herdentiere, sondern um Einzelgänger, deren Zählung nur äußerst schleppend vorangehen würde. Das ändert aber nichts daran, dass Stadtmenschen das Zählen von Autos auf der Südosttangente oder von einkaufswilligen Passanten auf der samstäglichen Mariahilfer Straße um einiges näherliegen würde. Ganz abgesehen davon, dass schon 2002 im „New Scientist“ von einer Studie zu lesen war, in der Schafezählen als untaugliches Mittel zum Einschlafen bezeichnet wurde.

Lebensnah und in jeder Küche verfügbar wären dagegen Erbsen. Eine 100-Gramm-Packung Tiefkühl erbsen nach Stück zu quantifizieren hat allerdings den Nachteil, dass die auftauenden Hülsenfrüchte im Bett ihre Spuren hinterlassen würden – und wie wir von Hans Christian Andersen wissen, schläft es sich auf ihnen nicht besonders gut. Selbst wenn man keine Prinzessin ist. Linsen dagegen wurden von den Gebrüdern Grimm schon erfolgreich als Einschlafhilfe getestet – bei „die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen“ (Aschenputtel, Sie wissen schon) ist schon so manches Kind ins Reich der Träume gewandert. Andererseits – als Kind wäre ich vermutlich sogar beim Vorlesen eines Textes von Ingeborg Bachmann eingenickt, wäre er nur mit monotoner Stimme vorgelesen worden. Und selbst das Lesen von Zeitungskolumnen führt bei so manchem Zeitgenossen direkt in den Tiefschlaf . . . Hallo, sind Sie noch da?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 20.07.2009)

Und, wie stehen die Akazien?

An und Pfirsich bin ich ja Fortsetzungen gegenüber eher septisch, doch auf die Lauer kann ich den mehrfachen Punsch vieler Laser nicht illustrieren.

Also gut, beschäftigen wir uns heute mit der Zeit, als ich mit einem Open-Air-Mädchen lädiert war. Sie war Griechin und absolvierte gerade ein Auslandssilvester in Wien – ich fand sie gleich zu Beginn sehr symptomatisch. Eines Tages machten wir einen romanischen Ausflug auf den Simmering, mein mit 98 Oktaven vollgetankter Popel glitt lästig die Terpentinen hinauf. Kein Wunder, mit neuen Reifen hat man einfach mehr Grips. Wir sprachen darüber, dass ich irgendwann den Wurlitzer-Preis bekommen und dann meine Autobiologie schreiben würde, als die Inventurwetterlage plötzlich Nebel aufkommen ließ. Nicht einmal meine Haluzinogen-Scheinwerfer konnten ihn durchdringen. „Dieser Klimahandel“, schimpfte ich, „nur, weil sich keiner an das Toyota-Protokoll hält!“

„Dabei könnte man das Problem so einfach lösen, indem man Urinanreicherung nicht ständig vertäfeln würde.“ Doch mit diesem Satz hatte ich wohl gegen die Krokette verstoßen, schließlich war sie entschiedene Atemkraftgegnerin. Und durch die Bluse sagte sie mir, dass sie mit mir nicht chloroform gehen würde. In diesem Moment war mir klar, dass meine Akazien bei ihr nicht mehr wahnsinnig gut stehen.

Am Abend lag ich dementsprechend allein auf der Coach. Ich versuchte mich bei einigen Bach-Senaten zu entschlammen, doch ich wusste, dass ich bei ihr nur mehr unter ferner oliven rangierte. Wir würden wohl nie mehr gemeinsam Souflaki tanzen. Ich merkte, dass ich in eine defensive Stimmung verfiel. Wieder eine Beziehung beendet, das war echt nicht olé. Aber Tel Aviv, so ist das Leben.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 13.07.2009)

Sprachliche Zombies

Manche Dinge sind schon so ausgelutscht, dass der Hohlraum irgendwann implodiert. Dummerweise verteilen sich durch diesen Knall immer wieder neue Kolonien des ewig Gleichen in alle Richtungen und überziehen die Welt mit einer Patina jenseits jeglicher Originalität. Klassisches Beispiel ist die ewige Frage, welche drei (wahlweise fünf) Dinge man wohl auf eine Insel mitnehmen würde. Längst tot geglaubt, tauchen diese unseligen Inselrankings als Zombies der alternativen Fragestellung in Interviews und Kettenmails noch immer regelmäßig auf.

Ein solches Zombiedasein fristet auch der arme Lazarus, dessen Auferstehung immer wieder als Referenz für Comebacks auf sportlicher, politischer oder künstlerischer Bühne herhalten muss – hätte Michael Jackson seine Londoner Konzerte noch absolvieren können, wäre dieser Vergleich wohl wieder herangezogen worden. Aus bekannten Gründen wird diese Phrase in besagtem Fall wohl eher nicht mehr gebraucht werden – obwohl, sollte ein Album mit bisher unveröffentlichten Songs in den Charts ganz vorne landen, würden wohl einige Kritiker erst recht wieder diesen Vergleich bemühen.

Im Grab rotieren (zugegeben, auch schon ziemlich oft wiedergekäut. Sorry!) wird wohl Helmut Qualtinger, wenn jede Auseinandersetzung gleich in Relation zu „Simmering gegen Kapfenberg“ gesetzt wird. Gibt es denn keine anderen brutalen Schlachten, die man für einen Vergleich aus der Kredenz holen kann? Es würde unserem sprachlichen Koordinatensystem jedenfalls nicht schaden, manchen Referenzpunkt nicht bei jeder Gelegenheit anzusteuern.

Zum Abschluss – was würde ich auf die Insel mitnehmen? Nur einen nassen Fetzen. Um jeden zu traktieren, der mir diese Frage stellt.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 06.07.2009)

Aerosexuelle Fantasien

In jedem Freundeskreis finden sich auch Freaks, Menschen, die bei Treffen immer wieder ihr Lieblingsthema in die Runde werfen – ob die Runde will oder nicht. In meiner näheren Umgebung sind das vor allem wandelnde Wikipedia-Einträge zum Thema Luftfahrt – ich bezeichne sie als Aerosexuelle. Kaum erzählt man von seinen Urlaubsplänen, wissen sie schon, mit welchem Flugzeugtyp man unterwegs sein wird. Nach der Rückkehr ist die erste Frage, ob man auf flugstatistik.de schon seine Flüge aktualisiert hat. Und soziales Prestige scheint vor allem darin zu liegen, mit möglichst exotischen Flugzeugen von möglichst exotischen Flughäfen abgehoben zu haben.

Gelegentlich haben derartige Gespräche dennoch einen gewissen Witz. Dann etwa, wenn es um Flughäfen mit skurrilen Namen geht. So freut sich der Sprachverliebte über den Wagga Wagga Airport in Australien oder fragt sich, wie der Chicken Airport in den USA wohl zu seinem Namen kam. Auch der Batman Airport in der Türkei lässt die Fantasie auf Reisen gehen – ob dort wohl auch Batmobile landen? Und wie muss es sein, über dem australischen Useless Loop Airport noch eine zusätzliche Schleife zu drehen? Getoppt wird dieser Name nur noch von einem Flughafen – dem Mafia Airport in Tansania, auch wenn man den vielleicht eher auf Sizilien erwartet hätte.

Doch zu diesem Zeitpunkt haben meine aerosexuellen Freunde längst etwas Neues entdeckt – die dreistelligen IATA-Codes, mit denen die Flughäfen eindeutig abgekürzt werden. CAT, DOG oder POO kichern sie dann vor sich hin. Und insgeheim wünschen sie sich wohl, einmal den Militärflughafen im deutschen Sembach in ihre Flugstatistik aufnehmen zu können. Der wird übrigens mit SEX abgekürzt.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 29.06.2009)

Kleine Erniedrigung zum Frühstück

Eine Einladung zum Essen kann sich schnell vom Vergnügen zu einem kleinen Akt der Demütigung wandeln. Dann etwa, wenn die Gastgeberin sich als wandelnder Imperativ entpuppt und der Besucher sich nach den Worten „Herkommst!“, „Anziehst!“ und „Spargel schälst!“ plötzlich in einer Küchenschürze wiederfindet. Selbst aufmunternde Worte, wie sexy Männer damit aussähen, können nichts daran ändern, dass man sich wie ein unfreiwilliger Jamie Oliver-Klon fühlt. Fehlt nur noch die Kamera, in die man kulinarische Superlative plappern muss.

Gut, ein gewisser Hang zur kleinen Demütigung steckt ja in jedem von uns. Jede Fernreise mit dem Flugzeug etwa gerät am Flughafen zu einem Anfall gewollten Selbstmobbings – Taschen entleert, Gürtel aus den Schlaufen gezogen und statt mit Schuhen darf man mit Plastiksäcken an den Füßen durch den Metalldetektor wandeln. Längst sind diese Erniedrigungen Teil eines jeden Urlaubs. So wie auch die Auswahl des Essens im asiatischen Urlaubsort. Gekonnt werden die drei Chilischoten in der Speisekarte ignoriert, wie auch die Nachfrage des Kellners – „you know, it’s spicy!“. Wenn er das Menü wieder an sich nimmt und ein mitleidig-wissendes Grinsen aufsetzt, weiß man, dass man verloren hat, dass die Servietten am Tisch wohl nicht ausreichen werden, um die Schweißperlen beim Essen von der Stirn zu tupfen. Aber das gehört zum Spiel, die körperlich-kulinarische Demütigung als Urlaubserinnerung, die später zum Heldenmythos wird.

An Heldentaten wie diese lässt es sich vortrefflich klammern, während man in der Küchenschürze auf ein schnelles Ende hofft – und dass die Gastgeber bei einer Einladung zum Frühstück nicht auf die Idee kommen, den Gast in einen Pyjama zu stecken.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 22.06.2009)

Wasabi ist keine Nuss

Unlängst musste ich am Naschmarkt einem Gespräch lauschen, in dem doch tatsächlich jemand fragte, wo diese Wasabinüsse wachsen. Nun, vermutlich in der selben Gegend, in der skrupellose Züchter hilflos miauenden Katzen ihre Zungen herausreißen, um sie zu Süßwaren zu verarbeiten. Dort, wo übrigens auch regelmäßig der arme Kokos gemolken wird. Man stelle sich das einmal bildhaft vor: Die Bäuerin auf dem Schemel, das Euter des haarigen Gesellen fest im Griff. Ein trauriger Anblick.

Aber zurück zum Ausgangspunkt: Bei Wasabia japonica handelt es sich schlicht um eine Pflanze, deren Wurzel zu Pulver oder Paste verarbeitet und in der japanischen Küche zum Würzen eingesetzt wird. Für Sushi, zum Beispiel. Oder eben für Erdnüsse, denen auf diese Weise ein Geschmack jenseits von schnödem Salz verliehen wird.

Besonders vertrackt ist die Wasabinuss übrigens dann, wenn sie über den Ärmelkanal schwimmt – dann wird sie nämlich zur Erbse. Im Englischen verwendet man dafür den Begriff Wasabi Pea, weil das kleine, grüne Etwas anscheinend einer Erbse so ähnlich sieht. Eine ähnliche Transformation hat auch der Alaska-Seelachs hinter sich, wenn er als Fischstäbchen auf den Teller gelangt. Bevor er von einem findigen Manager der Lebensmittelindustrie umgetauft wurde, war er nämlich noch ein Speisefisch aus der Familie der Dorsche. Sein Name: Pazifischer Pollack. Ein Etikettenschwindel sondergleichen. Ähnlich erbost war ich, als ich erfahren musste, dass meine Eltern gelogen hatten – und sie die gebackenen Mäuse gar nicht im Vorratsraum gefangen hatten. Aber nach so viel Tadel auch noch ein wenig Lob: Der falsche Hase gibt wenigstens zu, dass er in Wirklichkeit nur ein faschierter Braten ist.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 08.06.2009)

Eine Konifere auf seinem Gebiet

Bevor mir die Emulsionen hochgingen, beschloss ich, mich an den Kiemen zu reißen.

Gelegentlich ist das Schreiben einer Kommune eine regelrechte Syphilisarbeit. Umso schöner ist es, einer Konifere auf diesem Gebiet zu begegnen. Und da gibt es schon einige, die mir ziemlich imprägnieren. Erst unlängst saß ich mit einer solchen bei einem Kartoffelcretin zusammen und wir plauderten ein wenig über das sinkende Nivea mancher Texte. Als mein Gesprächspartner allerdings begann, auch über mich zu lästern, fühlte ich mich ein wenig auf den Schlitz getreten. Aber ich beschloss, ruhig zu bleiben, schließlich lasse ich mich von unbedarften Aussagen sicherlich nicht produzieren. Er ließ aber nicht locker und stichelte weiter. Irgendwann reichte es mir, denn so manche Meldung meines Gegenübers war ein glatter Schlag unter die Gürteltiere. „Das verbiete ich mir“, sagte ich, „denn das ist doch keine konjunktive Kritik mehr“.

Dabei versuchte ich, so autistisch wie möglich zu agieren, immerhin wollte ich jegliche Imitation vermeiden – er sollte ja nichts in den falschen Hans bekommen. Doch währte die Diskursion nicht lange, denn mein Gesprächspartner stammelte pergament nur noch inhaltslose Phasen. Langsam bemerkte ich, wie meine Emulsionen hochgingen. Und bevor ich mich wie Hektar vor Troja zu einer Attrappe hinreißen lassen und das Duett in einem Fiaker enden würde, beschloss ich, mich an den Kiemen zu reißen und lieber von Tannen zu ziehen. Immerhin bestand die Gefahr, dass mein Resümee darunter leider könnte.

Ich muss gestehen, dieser unliebsame Verlauf des Gesprächs war eine Zensur in meinem Leben. Vielleicht habe ich ja ein bisschen übererigiert. Mittlerweile vertagen wir uns aber eh wieder. Sollte ich auf diesen Vorfall angesprochen werden, werde ich dennoch mit Sicherheit antworten: „Kein Kommissar!“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 29.05.2009)

Finnisch ist das bessere Französisch

Die Welt könnte eine bessere sein, würden Weltsprachen nicht wegen militärischer Erfolge entstehen, sondern nach dem Grad des Amüsements, das sie bereiten. Unter dieser Voraussetzung hätte es etwa Französisch nie und nimmer zur Lingua franca großer Teile der Welt geschafft. Oder ist es sonderlich amüsant, auf Französisch zu zählen? Dann sagen Sie mal zum Beispiel „97“ – quatre-vingt dix-sept, übersetzt so viel wie „vier Mal zwanzig und siebzehn“. Nicht lustig? Na eben. Und jetzt versuchen wir das Ganze einmal auf Finnisch: Yhdeksänkymmentäseitsemän. Da springt doch das Herz vor lauter Freude.

Oder nehmen wir einen lauen Sommerabend, Sie sitzen eng umschlungen mit der oder dem Angebeteten auf einer Parkbank und möchten eine innige Sympathiebekundung durchführen. „Je t’aime“ klingt da doch nur abgedroschen. Viel origineller und treffender kommt es, wenn Sie zärtlich „Minä rakastan sinua“ in das Ohr des Gegenübers hauchen. Der Erfolg sollte damit jedenfalls gesichert sein. Und selbst im Fall der Ablehnung haben Finnen mehr zu lachen, wenn beim mitfühlenden „leider“ statt eines weinerlichen „malheureusement“ ein strammes „valitettavasti“ auf den Lippen geformt wird.

Möchten Sie sagen, dass etwas „sofort“ zu geschehen hat, müssten Sie das mit „silmänräpäyksessä“ ausdrücken. Und sollten Sie je in die Situation kommen, nach einem „Feuerlöschschlauch“ fragen zu müssen, käme mit „Pikapaloposti“ eines der wohl schönsten Worte der Welt zum Einsatz. Ebenso traumhaft klingt der Komparativ von warm – „lämpimämpi“. Wer braucht da noch Französisch? Aber die Welt ist nun einmal so, wie sie ist. Und Finnisch ist keine Weltsprache. Valitettavasti . . .

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 25.05.2009)