Was das Beisl vom Haberer mit Bethlehem zu tun hat

Eine kleine Gaststätte hat in Österreich völlig andere Wurzeln als in Deutschland.

Dazulernen ist schön. Dass etwa der Haberer sich nicht von der Berufsbezeichnung des Haferbauern ableitet, ist ein Erkenntnisfortschritt. Der – der Haberer, nicht der Erkenntnisfortschritt – hat nämlich jüdische Wurzeln. „Haver“ oder „chaver“ steht im Hebräischen für den Freund, Gefährten oder Genossen und machte über das Jiddische seinen Weg zum Kumpel. Möglicherweise ging aus dem ostösterreichischen Hawara (Übersetzung für Nichtwiener: Haberer) irgendwann auch der Habschi (Freund in vielerlei Variationen, vom abwertenden Kerl bis zum Geliebten) hervor. Wie auch immer, sollten Sie mit einem Haberer oder Habschi demnächst im Beisl sitzen, können Sie ja mit diesem Hintergrundwissen ein nettes Gespräch starten. Apropos Beisl, vermutlich haben Sie sich auch schon häufig die quälende Frage gestellt, wo denn dieser Begriff für eine Gaststätte herkommt. Nun, auch das besungene Objekt in Peter Alexanders berühmtem Schlager „Das kleine Beisl“ hat seinen Ursprung im Hebräischen. Dort steht Bajit für das Haus, das sich über das westjiddische Bajis irgendwann zum Beisl mauserte. (Dann können Sie einwerfen, es ist ja bald Weihnachten, dass das Beisl sprachlich mit Bethlehem verwandt ist: Beth als Haus, Lechem als Brot – die „Stadt des Brotes“, also.)

Nun werden die bundesdeutschen Peter-Alexander-Fans einwerfen, dass es ja auch die Version „Die kleine Kneipe“ gibt. Stimmt, dieser Begriff hat allerdings keine Wurzeln im Nahen Osten. Er kommt ganz profan von der Kneipschenke – und vermutlich steckt dahinter das Kneipen, das mittlerweile zum Kneifen wurde und so etwas wie zusammendrücken bedeutet. Es ist also eine Schenke gemeint, in der man eng zusammengedrückt sitzen muss. Vielleicht sagt man in Wien zu manch kleinem Lokal ja auch deswegen Quetschen. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 13.11.2017)

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So lange atzen, bis wir beim Katzenjammer landen

Früher Vogel fängt den Wurm − und atzt damit den Nachwuchs. Nur was hat das mit Alkohol zu tun?

Bei Kopfschmerzen nach Alkoholkonsum an eine männliche Katze zu denken, ist nicht logisch. Und tatsächlich, mein kleiner pelziger Freund, es liegt nicht an dir. Die Überlieferung sagt, dass dahinter eine Verballhornung des Katarrhs steckt, auch wenn die Symptome nach einer durchzechten Nacht nichts mit einer Entzündung der Schleimhäute gemein haben. Und beim Katzenjammer kursiert eine Variante, dass der Begriff sich vom Kotzenjammer ableitet – auch wenn der Duden die an Wehklagen erinnernden Laute der Katzen in der Paarungszeit als Ursprung nennt. Wie auch immer, dahinter steckt, dass man wohl ein Alzerl zu viel getrunken hat – apropos Alzerl, ein Leser wies darauf hin, dass sich dieser Begriff vom Verb „atzen“ entwickelt haben könnte. Sie wissen schon – ich musste es ja erst nachschlagen –, das ist der Vorgang, bei dem Vogeleltern ihre Jungen füttern. Und weil dabei nur sehr kleine Portionen von Schnabel zu Schnabel wandern, so die Vermutung, komme man auf das Alzerl.

Über welche Wege das Füttern eines Vogels im Berlinerischen zur Bezeichnung eines Kumpels wurde, ist dann wieder eine andere Geschichte. Hierzulande sagt man ja statt Atze eher Haberer. Und der stammt wohl von der Berufsbezeichnung des Haferbauern. Hat also mit Würmern, die von Schnabel zu Schnabel wandern, nichts zu tun. Aber wir schweifen ab – das etymologische Wörterbuch sieht bei Atzung (das machen Vögel, wenn sie atzen!) eine Verbindung zu „äsen“ und auch zum „Aas“. Und spätestens beim Gedanken an einen stinkenden Kadaver, an dem sich ein paar Geier abarbeiten, wird auch der Katzenjammer wieder akut. Als Unbeteiligter gerät man dann in Versuchung, ein bisschen zu ätzen. Das kommt sprachgeschichtlich auch vom Füttern – die Säure frisst sich ja gleichsam in Metall hinein. Aber das geht jetzt schon ein Alzerl zu weit.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 06.11.2017)

Vor dem Alzerl ist nach dem Alzerl, aber nur um ein Alzerl

Wer ein Äutzerl in den Mund nimmt, weiß meist gar nicht, wo es vorher schon überall gesteckt hat.

Die Alz ist der Abfluss des Chiemsees. Sie mündet nach 63 km bei der Alzspitze, etwa 2,5 km nordwestlich von Marktl, in den Inn. Sollte dieses bayerische Fließgewässer einmal nur wenig Wasser führen, könnte man doch das Diminutiv auspacken und ein Alzerl daraus machen. Ha, das Wort kennt man als Ostösterreicher! Allein, diese Assoziation ist ein etymologischer Trugschluss. Zurück zum Start. Denn vor dem Ratespiel ist nach dem Ratespiel. Das ist übrigens auch so eine Redewendung, die man eigentlich bleiben lassen könnte – in die eine wie in die andere Richtung. Nach dem Klo ist vor dem Klo, oder so. Bevor man diese abgegriffene Phrase auspackt, sollte man vielleicht ein Alzerl länger über eine Alternative nachdenken. Oh, da war es schon wieder. Also gut, woher kommt das Wort? Nun, in Wien sagt man ja eigentlich Äutzerl, also wäre der erste Schritt, sich einen Autz vorzustellen, den man dann verkleinern kann. Allein, der steht seit geraumer Zeit mit grimmigem Blick vor der Tür und weigert sich, in die Denkstube zu kommen. „Es gibt mich gar nicht“, jammert er. Und auch Eitz und Eutz schütteln bedauernd den Kopf – die bildet man sich nämlich auch nur ein.

Also landet man am Ende doch wieder beim Alz. Der hat es sich gerade auf einem Schuhleisten bequem gemacht und beginnt, mit italienischem Akzent zu sprechen. Er heiße eigentlich Alzo, erzählt er, und sei ein Stück Leder, das den Schuh ausfüllt. Als sprachlicher Einwanderer habe er es im Deutschen zum Alz gebracht, einer Lederauflage auf den Schuhleisten. Und da er so klein sei, habe man eben das Alzerl aus ihm gemacht. O dio mio! Zwar verwende ihn jeder, klagt er, doch will er einmal einen Tisch reservieren, steht auf dem Kärtchen dann immer „Äultzerl“, „Eitzerl“ oder ähnlicher Unfug. Apropos Unfug, diese Geschichte stimmt wirklich. Na ja, zumindest steckt ein Alzerl Wahrheit drin . . .

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 30.10.2017)

Wenn etwas einen Nasenrammel kostet

Noch etwas Geld flüssig zu haben ist nicht bei jeder Zahlungseinheit ein schöner Gedanke.

Alle reden über Bitcoin. Aber können Sie auf Anhieb sagen, wie viel Bitcoin ein Viertelkilo Butter kostet? Wenn es nach Angebot und Nachfrage geht, vermutlich mehr als in den frühen 1980er-Jahren, als die landwirtschaftliche Überproduktion Begriffe wie Butterberg und Milchsee hervorbrachte. Nur dass es damals halt noch keine Kryptowährung gab. Dafür kannte man andere Währungseinheiten, die im digitalen Zeitalter aber offenbar an Attraktivität eingebüßt haben. Den Nasenrammel, zum Beispiel. Dieser Dialektbegriff für getrocknetes Nasensekret war vor der Einführung des Euro noch ein beliebtes Zahlungsmittel. Und stabil war er auch noch, immerhin kostete – Inflation hin oder her – über Jahrzehnte hinweg alles immer nur einen Nasenrammel. Zwei Nasenrammel fünfzig oder dergleichen tauchten im Gespräch mit dem Verkaufspersonal nie als Preisauskunft auf. Dafür bekam man aber auch nie Wechselgeld. Detail am Rande: Interessanterweise verliert der Gedanke, Geld flüssig zu haben, bei dieser Zahlungseinheit massiv an Attraktivität. Da können Sie noch so viel Rotz und Wasser heulen. Und – Spoiler, einmal wird es noch grauslich – die alte indianische Weisheit, dass man Geld nicht essen kann, bewahrheitet sich hier auch nicht. Wenn Sie mir nicht glauben, googlen Sie doch einmal den Begriff Mukophagie.

Vermutlich leitet sich von diesem Zahlungsmittel für besonders preiswerte Dinge ja auch der Spruch ab, dass man einen guten Riecher für Geld hat. Oder auch, dass Geld nicht stinkt. Verständlich, dass man da beim Nasenbohren gelegentlich in eine regelrechte Goldgräberstimmung verfällt. Aber, um dieses Missverständnis gleich zu beseitigen: „Ich habe die Nase voll“ bedeutet mitnichten, dass man reich ist. Falls Ihnen das jemand erzählt haben sollte, hat er sie vermutlich einfach nur an der Nase herumgeführt.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 23.10.2017)

Die Walking Dead von Simmering und Kapfenberg

Warum wird immer wieder ein Fußballspiel zur Beschreibung aktueller Ereignisse ausgegraben?

Unsterblichkeit kann mit der Zeit ein bisschen langweilig werden. Besonders, wenn es um unsterbliche Redewendungen geht. Sie wissen schon, wer das erste Mal Herz auf Schmerz gereimt hat, war ein Genie. Spätestens, wenn die Wortkombination allerdings auf Zierpölster gestickt oder als geflügeltes Wort in Schlagertexten auftaucht, sind wir bei den sprachlichen Walking Dead angelangt. Ein solcher Zombie schleicht auch regelmäßig zwischen dem Südosten Wiens und dem Gerichtsbezirk Bruck an der Mur herum – und sabbert jedesmal glücklich, wenn irgendwo jemand eine besonders harte Auseinandersetzung mit dem Fußballmatch Simmering gegen Kapfenberg („Das nenn‘ ich Brutalität!“) beschreibt. Dieses Spiel der Staatsliga A vom 27. Oktober 1956, das Helmut Qualtinger in seiner Rolle als Travnicek in den Rang des geflügelten Worts erheben sollte, gehört zur Grundausstattung des österreichischen Zitatenschatzes – etwa in einer Liga mit „Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut“. Kann man schon verwenden, nur ist es halt ein bisschen dings.

Nicht ganz so historisch, aber mittlerweile auch schon auf dem Weg in das sprachliche Reich der lebenden Toten, ist das erstaunte „Kannst du nicht erfinden“, um eine skurrile Auflösung eines wahnwitzigen Sachverhalts zu kommentieren. Immerhin, das vor einigen Jahren so aktive „Wie geil ist das denn?“ hat sich offenbar seiner Sterblichkeit besonnen und verhält sich ruhig. So wie auch „das größte Comeback seit Lazarus“. Sehr präsent im Wahlkampf war zuletzt dagegen „House of Cards für Arme“. Da war (liebe Zitatenjäger, stimmt das?) wohl Christian Kern schon 2016 rund um die Ablöse Werner Faymanns als Kanzler der kreative Wortschöpfer. Ob sich das auch so lange halten wird wie die Brutalität der Simmeringer und Kapfenberger Fußballer? Nun, die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 09.10.2017)

Womit zeichnet man ein Kloster? Mit einem Stift

Der runde Tisch kann auch eckig und der grüne Tisch muss nicht einmal ein Tisch sein.

Wenn man bei einem Kamingespräch sitzt und vergeblich nach dem Kamin sucht, kann man schon ein wenig ins Grübeln kommen. Tatsächlich muss sich die beschauliche Runde, an die man da denkt, nicht vor einer Feuerstelle versammeln. Gemeint ist vielmehr ein informelles Treffen in persönlicher Atmosphäre, bei dem der Eindruck von Hierarchie vermieden werden soll, also alle Teilnehmer quasi gleichrangig sind. Wobei die Herkunft des Begriffs auch damit nur wenig zu tun hat, leitet er sich doch von 30 Radioansprachen von US-Präsident Franklin D. Roosevelt ab, die als „Fireside Chats“ bekannt wurden. In diesen Reden erklärte er unter anderem Japan den Krieg. Gut, der Präsident, der übers Radio ein paar Millionen Amerikanern etwas erzählt, da kann man schon von einem kleinen Kreis sprechen. Apropos rund, ist Ihnen aufgefallen, dass der runde Tisch auch eckig sein kann? Gerade bei größeren Verhandlungsrunden muss man eckige Tische zum Rechteck zusammenstellen, um eine symbolische Sitzordnung ohne Hierarchiestufen zusammenzubekommen.

Wenn wir schon dabei sind, auch der grüne Tisch, an dem immer wieder bürokratische Entscheidungen gefällt werden – etwa die Strafverifizierung eines Fußballspiels – muss nicht grün sein. Weil Verhandlungstische oft mit grünem Tuch oder Leder bezogen waren, hält sich der Begriff aber bis heute. Egal, welche Farbe der Tisch wirklich hat. Und auch unabhängig davon, ob die Entscheidung tatsächlich an einem Tisch gefällt wurde oder zwischen Tür und Angel. Bevor wir uns jetzt aber überlegen, ob man an einem Frühstückstisch auch andere Mahlzeiten einnehmen kann, schalten wir lieber einen Gang zurück. Überschriftenleser haben den Kalauer ja ohnehin schon entdeckt: Also, womit zeichnet man ein Kloster? Mit einem Stift. Ja, auch da kann man schon ein wenig ins Grübeln kommen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 04.09.2017)

Dinge, an denen man merkt, dass man erwachsen ist

Wenn man im Radio jedes Lied auf Anhieb erkennt und dann merkt, dass gerade ein Oldiesender läuft.

Wenn das eigene Handy läutet und die junge Kollegin sagt, dass sie die falsche Nummer gewählt hat, ist das nicht schlimm. Wenn sie dann allerdings ergänzt, dass sie eigentlich gerade ihren Großvater anrufen wollte, dann ist es wohl an der Zeit, sich Gedanken zu machen. Darüber, zum Beispiel, dass man im Radio beinahe jedes Lied an den ersten Takten erkennt – und plötzlich merkt, dass das ein Oldiesender ist, der da gerade eingestellt ist. Und dass man sogar bei den Backstreet Boys, die man damals ganz furchtbar fand, plötzlich mitsingen könnte – oder es tatsächlich macht. Weil es etwas Vertrautes ist. Und ähnlich jederzeit abrufbar wie die Titelmelodie von „Am Dam Des“ auf FS1 – und dann dieser verständnislose Blick auf der Gegenseite, was das nun wieder sein soll. Also die Sendung. Und FS1 eigentlich auch. Diese malle press, diese malle Pumperness, am dam des, möchte man ihr am liebsten entgegenschleudern. Aber vermutlich würde sie danach gleich wieder ihren Großvater anrufen wollen.

Dass man mittlerweile erwachsen geworden ist, merkt man aber auch an Dingen abseits von Kindheitserinnerungen und Popkultur. Bevor man auf Urlaub fährt, muss man doppelt so viel arbeiten. Und danach auch. Man hat eine Lebensversicherung abgeschlossen. Man geht öfter vor Mitternacht ins Bett – und das auch noch gerne. Wacht aber zwischendurch immer wieder auf, weil man Sorgen hat. Die Rollenverteilung, dass man von den Eltern etwas erklärt bekommt, hat sich gedreht – vor allem bei der Technik. Und man ist sich bewusst, dass man jetzt in der Generation steckt, die gerade Verantwortung trägt. Ganz schön wehmütig, oder? Gut, dann halt noch einen Alterskalauer zum Abschluss: Nein, meine Haut ist nicht schlaff geworden. Das sind alternative Falten. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, die junge Kollegin ruft gerade an. . .

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 28.08.2017)