Unbequeme Wahrheiten, die niemand hören will

Sagen Sie niemals Beere zu einer Erdbeere. Sie ist nämlich eigentlich eine, sagen wir, Erdnuss.

Sich die Ohren demonstrativ zuzuhalten und „La la la, ich kann gar nichts hören“ zu singen, ist eine beliebte Kommunikationsstrategie. Und sie mag verständlich sein, wenn jemand eine komplexe Debatte mit plumpen Argumenten in einen Niveaulimbo zu verwandeln droht. Es gibt aber auch die unbequemen Wahrheiten, die manche einfach nicht wahrhaben wollen – die man aber endlich einmal aussprechen muss. Dass Walfische keine Fische sind, hat man ja schon akzeptiert. Aber dass die Spitzmaus keine Maus sein soll? Genau. Sie ist kein Nagetier, sondern gehört zur Gruppe der Insektenfresser, in der auch Igel und Maulwürfe zu finden sind. Der Koalabär ist auch kein Bär. Er gehört zu den Beuteltieren, so wie das Känguru. Dagegen zählen Biologen den Ameisenbären (erwischt, wieder kein Bär) zur Art der Zahnarmen. Aber stimmt schon, Ameisenzahnarmer klingt nicht annähernd so attraktiv.

Im nahenden Sommer bietet sich der besserwisseristische Small Talk etwa beim Picknick an. „Wusstest du“, sagt man dann mit arrogantem Augenaufschlag, „dass die Erdbeere gar keine Beere ist, sondern eine Nuss?“ Das Gegenüber hebt schon die Hände zu den Ohren und setzt zum „La la la“ an. „Die ist aus botanischer Sicht nämlich eine Sammelnussfrucht. Genau, die eigentlichen Früchte sind die kleinen gelb-grünen Punkte an der Oberfläche – das sind die Nüsse. Das rote Fruchtfleisch ist nur der hochgewölbte Blütenboden. Daher sprechen Biologen von einer Scheinfrucht. Also ist die Erdbeere eigentlich eine Erdnuss. Praktisch, dass die echte Erdnuss in Wirklichkeit auch keine Nuss ist, sondern eine Hülsenfrucht wie Erbsen oder Bohnen . . .“
Dann war die Picknickbegleitung plötzlich weg. Was haben Sie gesagt, mit Besserwisserismus sammelt man bei anderen Menschen eher keine Sympathiepunkte? Hm . . . la la la, ich kann gar nichts hören!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 11.06.2018)

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Geht’s dem Wortschaft gut, geht’s uns allen gut

Vermutlich lesen Sie über Zweitstaatenlösung einfach drüber, ohne das allzu komisch zu finden.

Streichen Sie gelegentlich Wörter aus Ihrem aktiven Wortschaft? Wortschaft, zum Beispiel. Der taucht nämlich regelmäßig beim Versuch auf, Wortschatz zu schreiben. Man fühlt sich dann regelrecht als Wortschuft. Aber das kommt vor, blättern wir einmal im Handtuch der Vertipper nach. Fast jeder Kundengrippe ist es schon einmal passiert, dass sie in Wein ein Glas Wien getrunken hat. Oder die falsche Domian in den Browser getippt, wenn man den Kieferstatus bei Amazon (oder auch einem anderen Webship) prüfen oder die Zahlungswiese ändern wollte. Bestimmt haben Sie auch schon den einen oder anderen Screenshit solcher Peinlichkeiten gesehen. Und wahrscheinlich ist schon in so mancher Zeitung von der Zweitstaatenlösung die Rede gewesen – die umso interessanter geworden ist, seit die Balkonroute geschlossen ist. Vermutlich eine Alterspanne. Nur wenn dann jemand darüber klagt, wer kommt dann für die Gesichtskosten auf? Waldimir (hihi) Putin vermutlich nicht. Immerhin, so fällt man zumindest nicht negativ auf, wenn man schreibt, dass man gerade auf der Toilette schießen war. Sollte Ihnen jemand mitteilen, dass Sie Elefant sind, können Sie in der Regel davon ausgehen, dass es als Kompliment für Ihr gepflegtes Erscheinungsbild gedacht war. Bekommen Sie eine Nachricht geschickt, dass jemand gerade im Badezimmer seine Brüste sucht, war er wohl auch ein Opfer der Autokorrektur. Und sagt jemand einen Termin ab, weil noch eine Nacktschicht ansteht, wird er die wohl trotzdem bekleidet machen.

Aber es muss gar keine Bedeutung hinter jedem Vertipper versteckt sein, finden Sie nciht? Manchmal entstehen auf diese Weise auch wunderschöne Begriffe, die halt einfach nichts heißen. Geümse, zum Beispiel. Oder eben der eingangs erwähnte Wortschatz – verdammt, jetzt ist es genau umgekehrt passiert . . .

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 04.06.2018)

Haben Sie jemals einen Baum pressen gesehen?

Von Melk an der Donau bis nach Kotzgraben: Auf der Suche nach Ortsnamen in Befehlsform.

Die bekanntesten Kalauer kennt man ja schon. Melk an der Donau, zum Beispiel, wurde schon ziemlich häufig als Ortsname mit Befehlsform verwendet. Hans Weigel hat mit seiner Imperativstapelei unter anderem auch Grein an der Donau, Schwa(t)z in Tirol, Gurgl im Ötztal und Reit‘ im Winkl zum Sprachspielen verwendet – konjugieren („Ich melk an der Donau, du melkst an der Donau . . .“) inklusive. Besonders schön ist es aber, wenn man bei einer Wanderung plötzlich zufällig in einem Ortsschild einen Befehl erkennt. Pressbaum, zum Beispiel. Und schon sitzt vor dem geistigen Auge eine alte Eiche, die mit zusammengekniffenen Augen und verzerrtem Mund alles gibt. Was einem erst bei einem Besuch im steirischen Kotzgraben (Gemeinde Bruck an der Mur) einfallen muss. Oder bei einer Fahrt durch das rheinland-pfälzische Haßloch (ja eh, neue Rechtschreibung ist das nicht). Bei Taufkirchen (davon gibt es mehrere) fragt man sich, ob man Kirchen überhaupt taufen muss. Und ob man Vöslau wirklich schroff zum Baden auffordern sollte? Stunden könnte man auch damit verbringen, einen Berg zu einer Tätigkeit aufzufordern. Spielberg, sagt man dann. Oder Wartberg! Allein, die Reaktion bleibt aus.

Gelegentlich wird ein Befehl ja im Infinitiv gegeben, um ihn besonders deutlich zu machen. Essen, zum Beispiel. Baden! Oder, falls Sie gerade in der Gegend sind, Laufen an der Salzach! Entledigt man sich komplett der korrekten Schreibweise und geht nur auf das Gehörte, gibt es noch ein paar Erfolgserlebnisse. Villach, zum Beispiel – gut, es holpert, aber man lacht danach schon viel. (Verstanden?) Auch in Graz kann man einen schlampigen Befehl entdecken – Sie kratzen sich ratlos am Kopf? Dann haben Sie den Befehl schon ausgeführt. Oje, ist Ihnen das alles zu blöd? Dann sollten Sie besser nicht hier bleiben. In diesem Sinne: Rennweg!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 28.05.2018)

Warum wird beim Tennis so komisch gezählt?

15, 30, 40 – ist halt so. Aber das hat einen Grund. Nur was hat Thomas Alva Edison damit zu tun?

Alva ist ein Vorname für beide Geschlechter. Der für Frauen ist im Schwedischen die weibliche Form von Alvar, zusammengesetzt aus dem althochdeutschen „alf“ (Elfe oder Naturgeist) und „heri“ (Kriegsschar). Heißen Männer so, leitet sich der Name vom hebräischen „Alvah“ ab, was etwa „seine Hoheit“ bedeutet. Falls Sie also auf der Suche nach einem Vornamen für den Nachwuchs sind, können Sie in jedem Fall zuschlagen. So wie einst die Eltern von Thomas Alva Edison (zumindest als Zweitname). Sie wissen schon, das ist der Unternehmer, dem die Erfindung der Glühbirne zugeschrieben wurde. (Er hat sie patentiert, erfunden haben sie andere.) Edison soll aber auch ein extrem schlechter Angler gewesen sein. Und, so die Legende, irgendwann fragte ihn ein Freund, ob er das Angeln nicht lieber aufgeben sollte. Edison soll geantwortet haben, dass er ohne Köder angelt, denn dann würden ihn weder die Fische noch die Menschen um ihn herum belästigen – und er könne nachdenken und reflektieren.
Nur manchmal hilft Nachdenken nicht – da muss man nachschlagen. Warum, zum Beispiel, werden die Punkte beim Tennis so komisch gezählt? Nun, eine Erklärung ist die, dass das auf Spielwetten im Frankreich des 14. Jahrhunderts zurückgeht. Da wurde eine Münze gesetzt, die einen Wert von 15 Denier (Pfennige) hatte. So kam es zu Einsätzen von 15, 30, 45 und 60. Angeblich aus Bequemlichkeit bei der Aussprache wurde 45 zu 40. Eine zweite Erklärung bezieht sich auf das mittelalterliche Jeu de Paume, ein Vorläuferspiel des Tennis. Dort bewegte man sich nach jedem gewonnenen Punkt näher zur Mitte des Feldes – von der 0-Zoll-Linie zu den Linien von 15, 30 und 45 Zoll. Da die 45-Zoll-Linie aber zu nahe am Netz war, wurde sie auf 40 Zoll zurückversetzt.
Jetzt ist uns also ein Licht aufgegangen, oder? Nur Thomas Alva Edison kann in diesem Fall nichts dafür.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 14.05.2018)

Würden Sie Ihre Kinder Tupu, Hupu & Lupu nennen?

Warum werden Namen in anderen Sprachen so anders ausgesprochen oder völlig verändert?

Das polyglotte Glaubensbekenntnis beinhaltet auch die Klausel, dass man sich bei anderssprachigen Gesprächspartnern anderssprachig vorstellt – nicht nur per Grußformel, sondern auch mit dem Namen. Da wird aus einem Georg schnell ein George, aus einer Susanne eine Susanne (die englisch ausgesprochen natürlich anders klingt, aber ich wollte jetzt nicht mit Lautschrift anfangen), und man selbst macht sich eben zum Eric (der in Israel Arik gerufen wurde). Was umgekehrt auch immer wieder vorkommt, dass man Namen aus anderen Sprachwelten falsch betont oder so falsch ausspricht, dass sich die Bezeichneten davon nicht angesprochen fühlen. Und nein, das passiert nicht nur bei gälischen Namen wie Saoirse (ausgesprochen etwa Sirscha), die zwischen Schreibweise und Aussprache einen besonders großen Unterschied aufweisen.

Immerhin, in der Regel lässt sich die internationale Aussprache eines Namens nachvollziehen. Auch wenn es für die eigenen Ohren komisch klingen mag. Bei literarischen Figuren wird es aber manchmal komplizierter. Nehmen wir etwa Troubadix, den Barden aus den „Asterix“-Heften. Der heißt im französischen Original nämlich Assurancetourix, was von Assurance tous risques kommt – also Vollkaskoversicherung bedeutet. In Großbritannien kennt man ihn als Cacofonix, in den USA als Malacoustix. Tick, Trick & Track, die drei Neffen von Donald Duck, heißen im Englischen Huey, Dewey and Louie. In Frankreich kennt man sie als Riri, Fifi et Loulou, in Italien als Qui, Quo & Qua, in den Niederlanden als Kwik, Kwek en Kwak. Und die Finnen sagen Tupu, Hupu ja Lupu zu ihnen. Im Grunde nicht so schlimm, weil die Namen in der jeweiligen Sprache so wohl einfach besser funktionieren. Aber manchmal kann es doch etwas befremdlich sein. Wussten Sie etwa, dass Batman in Schweden früher Läderlappen genannt wurde?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 07.05.2018)

Ich und du, Müllers Kuh, Buridans Esel, das bin ich

Wenn wir schon dabei sind: Hatte Schrödinger eigentlich ein Haustier? Ja und nein, vermutlich.

Pawlow’scher Hund – klingelt’s da bei Ihnen? Ihr erster Gedanke ist wohl, dass hier statt eines Genitiv-s eine Adjektivendung an Iwan Petrowitsch Pawlows Namen hängt. Klar, es geht ja nicht um Pawlows Haustier Struppi, sondern um ein Phänomen, das der russische Forscher bei Experimenten mit Hunden entdeckt hat. Sie wissen schon, wenn Futter und Glockenläuten immer gemeinsam auftauchen, speichelt der Hund irgendwann nur mehr beim Hören der Glocke. Aber müsste es dann nicht konsequenterweise Schrödinger’sche Katze heißen? Auch hier war es nicht dem Schrödinger seine Katze, die in einer Kiste mit Gift und einem von zerfallenden Atomen angetriebenen Hammer gleichzeitig lebendig und tot war. Hatte Schrödinger überhaupt ein Haustier? Ja und nein, vermutlich.

„Wenn ich mit meiner Katze spiele – wer weiß, ob ich nicht mehr ihr zum Zeitvertreib diene als sie mir?“, mag sich Schrödinger gefragt haben. Wobei das erstens eine seltsame Art ist, mit Katzen zu spielen. Und es zweitens eigentlich Michel de Montaignes Katze ist. Der Philosoph argumentierte mit diesem Satz, dass jedes Lebewesen eine eigene Wahrnehmung hat.

Montaignes Katze hat übrigens nichts mit Müllers Kuh zu tun, die es weder in Quantenphysik noch Philosophie zu Berühmtheit brachte, sondern nur in einem Auszählreim für Kinder. Neben Müllers Esel – der ja hätte bekannt werden können, hätte er dem Philosophen Johannes Buridan gehört. Nach dem ist nämlich das Gleichnis vom Esel benannt, der zwischen zwei gleich großen, gleich weit entfernten Heuhaufen steht – und verhungert, weil er sich nicht entscheiden kann. Das ist so, als würde man an einem heißen Tag schwanken, ob man ins Strandbad Alte Donau oder zum Gänsehäufel fahren soll – und am Abend draufkommt, dass man stundenlang daheim Kolumne geschrieben hat. Kocinas Esel, in dem Fall.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 30.04.2018)

Danke dir sehr viel! Du bist willkommen!

Nothing for ungood, aber warum muss man Kegel einpacken, wenn man mit Kindern wegfährt?

Nobody can reach me the water, behaupten Kollegen, wenn es darum geht, schlechte Übersetzungen englischer Redewendungen in den Alltagsgebrauch zu integrieren. Manche werden gar foxdevilswild dabei und behaupten, I had not all cups in the cupboard. Nothing for ungood, but Life ist halt einmal no sugarlicking. Bevor Sie jetzt allerdings only trainstation understand, scratch I better the curve, bevor wieder jemand the offended Liversausage spielt. Man will ja niemandem on the cookie go. Und abgesehen davon lässt sich das Spiel auch umgekehrt aufziehen. Sieh dich später, Alligator, zum Beispiel. Danke dir sehr viel! Du bist willkommen! Das schmerzverzerrte Gesicht der Kollegen ist es wert. Oder ist das nicht ihre Tasse Tee?

Manchmal scheitert es aber schon daran, dass man bei Redewendungen in der eigenen Sprache gar nicht weiß, warum man sie so verwendet und woher sie kommen. Mit Kind und Kegel, zum Beispiel. Oder wissen Sie, warum man einen in einer Spitze auslaufenden geometrischen Körper mit einer Kreisscheibe als Basis gemeinsam mit dem Spross zum Aufbruch einpacken soll? Nun, um wieder in den Erklärbärmodus zu kommen, das kommt von einer weiteren Bedeutung, die Kegel früher hatte – nämlich als Bezeichnung für ein uneheliches Kind. Woher dieser Begriff kommt, ist nicht ganz klar – möglicherweise vom mittelhochdeutschen Kegel als Knüppel oder Stock, das ähnlich wie Bengel (Stock, Prügel) geringschätzig für ein Kind eingesetzt wurde. Übrigens ist die englische Entsprechung von Kind und Kegel nicht with kid and cone (höhö), sondern with kith and kin (echt jetzt!). Wobei kith für Freund oder Bekannter steht, während kin im weitesten Sinn die Familie bezeichnet. Statt Kind und Kegel packt man dann halt Freunde und Familie zusammen. Again what learned, hm? That makes me nobody so fast after.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 23.04.2018)