Wenn es wieder einmal Spitz auf Kopf steht

Wer auf dem Holzweg ist, hat keine Bretter unter den Füßen. Aber das ist uns doch schnuppe.

Der Holzweg ist gar nicht aus Holz. Über einen gezimmerten Steg Richtung Wasser zu gehen, kann also sehr wohl zielführend sein. Die metaphorische Redewendung für einen Irrweg leitet sich von Schneisen ab, die in den Wald geschlagen wurden – etwa, um gefällte Bäume zu transportieren. Auf ihnen landet man dort, wo ein Baum geschlagen wurde, nicht aber auf der anderen Seite des Waldes. Das ist mir schnuppe, könnte man denken und weitermarschieren, nur würde man dann den Gedanken nicht mehr los, woher nun diese Redewendung wieder kommt. Hinter der Schnuppe steckt das verkohlte, glühend abstehende Dochtende einer brennenden Kerze. Das damit wertlos geworden ist – und somit als abwertende Bezeichnung für etwas, was einem egal ist, metaphorisch eine neue Daseinsberechtigung bekam. (Und ja, die Sternschnuppe als Bezeichnung für einen am Nachthimmel aufglühenden Meteor kommt auch vom glühenden Dochtende.)

Gerade bei Redensarten, deren Herkunft nicht jedem geläufig ist, schleichen sich gelegentlich Fehler ein. Auf Messers Scheide, zum Beispiel. Wer hier ein n vermisst, liegt richtig. Immerhin, dass eine Situation auf dem geschärften Teil einer Klinge ungewiss ist, kann man sich noch vorstellen. Wenn es in einer ähnlichen Lage Spitz auf Knopf (nein, nicht Spitz auf Kopf!) steht, ist die erste Assoziation aber schon nicht mehr ganz so einfach. Knöpfe annähen mit einer spitzen Nadel oder so? Nun, fast. Am Ende landen wir wieder beim Schwert – das hat eine Spitze und einen Knauf, auch Knopf genannt. Mit der Spitze sticht man den Feind, mit dem entgegengehaltenen Knopf besiegelt man Frieden. Prügeln wir uns weiter oder simma wieder gut, kurz gesagt. Es empfiehlt sich also ein Blick zurück auf den Ursprung, um solche Redensarten nicht falsch zu verwenden. Sie wissen schon, das erheitert den Horizont.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 12.06.2017)

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Wer die Richtung nicht weiß, der hat schmutzige Hände

Wenn man von Eselsbrücken verfolgt wird, geht eine alte Dame heute einkaufen – ups, verkehrt.

Im besten Fall bewegen sich die Lippen nicht mit, wenn man beim Beschreiben eines Weges die richtige Himmelsrichtung sucht. Das Gegenüber könnte sonst, abgesehen von den nach oben rechts gerichteten Augen, auch vier Worte erkennen, die der Mund ansatzweise bildet: Nie ohne Seife waschen! Und wenn man noch so reich an Lebenserfahrung und geografischer Expertise ist, diesen Merkspruch wird man nicht und nicht los. Er hat sich tief in unsere Synapsen gebohrt und wartet dort mit anderen Kumpanen darauf, in der richtigen Situation laut „Hier! Hier!“ schreien zu dürfen. Eine alte Dame geht heute einkaufen, zum Beispiel. Sie als Gitarrenspieler kennen natürlich diese Eselsbrücke für die Reihenfolge der Gitarrensaiten. Genauso wie Sie beim Gedanken an die Schlacht von Issos das 333 nicht einfach ignorieren können, das vor Ihren Augen wild auf und ab springt und „Keilerei“ schreit. Das ist übrigens dasselbe Jahr, in dem der Sage nach Rom gegründet wurde. *FEHLER* Aber gut, zumindest so ähnlich, irgendwas mit 3 am Ende, jedenfalls, das kann man schon durcheinanderbringen. (753 schlüpft Rom aus dem Ei, ist übrigens die korrekte Eselsbrücke. Und: 476, mit Rom ist es ex – der Vollständigkeit halber.)

Nimm diese Regel mit ins Bett – nach ei, au, eu steht nie tz. Aber erklären Sie das den Einwohnern von Eitzendorf, Bautzen oder Scheutz! Und natürlich der Klassiker: Mein Vater erklärt mir jeden Sonntag unsere neun Planeten. Das wären Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus, Neptun und Pluto. Dumm nur, dass Pluto der Planetenstatus mittlerweile aberkannt wurde. Dann eben nur unseren Nachthimmel! Immerhin, ein Merkspruch hat noch immer Bestand: Bier auf Wein, das lass sein, Wein auf Bier, das rat ich dir. Oder war es Bier auf Wein, schenke ein, Wein auf Bier, nicht mit mir? Na ja, Hauptsache, die Hände sind sauber.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 29.05.2017)

Da müssen wir auch einmal im Sommer herkommen

Auf der Suche nach dem wohl am häufigsten verwendeten Satz von Nebensaisonurlaubern.

Der Friese sagt „Moin“ zu jeder Tageszeit. Beim Einkauf um vier Uhr nachmittags ist das beim ersten Mal ein wenig verwirrend. Ja, ebenfalls guten Morgen, wie war die Nacht? Nur ist der vermeintliche Morgengruß offenbar gar keiner. Der Duden etwa sieht seinen Ursprung im mittelniederdeutschen „moi“, was für schön, angenehm und gut steht. Also eigentlich „guten!“ Und das häufig verwendete „moin moin“ lässt sich dann wohl wahlweise als „guten Guten“ oder „guten Morgen“ verstehen. Je nach Uhrzeit. Soll noch einer sagen, dass Reisen nicht bildet. Wobei, wenn wir schon beim Reisen sind, widmen wir uns doch dem vermutlich am häufigsten verwendeten Satz aller Nebensaisonurlauber. „Da müssen wir auch einmal im Sommer herkommen.“ Ob dick eingemummt im Strandkorb mit Blick auf die Nordsee, einsam auf der winterlich leeren Schinkenstraße an der Platja de Palma oder als einziger Gast im Tauchressort mit einem frustrierten Schweizer Tauchlehrer als Gesprächspartner. Irgendwann stellt sich dieses Gefühl ein, dass die Hauptsaison wohl aus einem bestimmten Grund Hauptsaison genannt wird.

Aber ob Haupt- oder Nebensaison, eigentlich beginnt der Urlaub ja erst, wenn man nachher davon erzählen darf. Vom herben Charme des Nordfriesen, der auf die Frage nach dem nächsten Supermarkt antwortet: „Edeka, schweineteuer!“ Von einem Mischgetränk aus Kakao und Rum, das unter dem Namen „Tote Tante“ angeboten wird. Oder von einer Robbe namens Willi, die in einem Hafenbecken auf Futter von den Touristen wartet – und der Fischhändler selbstverständlich „Heringe für die Robbe“ zu 1,50 Euro pro Stück anbietet. Und ja, die Menschen nützen das Angebot und werfen Fisch um Fisch ins Becken. Zum Glück sind es nicht so viele, dass sich die Robbe überfressen könnte. Dafür müsste man vermutlich einmal im Sommer herkommen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 22.05.2017)

Wer die Wahl hat, den bestraft das Leben

In Sprichwörtern steckt viel Weisheit. Denn kleine Schläge auf den Hinterkopf sagen mehr als Worte.

Wenn zwei sich streiten, sind alle Menschen gleich. Das ist das Wesen der repräsentativen Demokratie, nicht? Allein, zuletzt hatte man den Eindruck, kleine Schläge auf den Hinterkopf sagen mehr als Worte. Und wer anderen eine Grube gräbt, macht einen stärker. Klar, kann man sagen, wo gehobelt wird, nährt sich das Eichhörnchen. Aber wer A sagt, ist den Taler nicht wert. Und auch ein blindes Huhn muss einmal B sagen. Doch findet wirklich, wer den Pfennig nicht ehrt, auch einmal ein Korn? Momentan scheint jedenfalls die Devise zu gelten, wer die Wahl hat, den bestraft das Leben. Aber deswegen die Wahl gleich abschaffen? Eine mögliche Lösung wäre ja: Wer schön sein will, regiert die Welt. Nachher ist dann halt vielleicht der Einäugige König. Kann man schon machen, denn lieber ein Ende mit Schrecken als einen krummen Buckel vom Arbeiten. Eine Krähe wäscht die andere, Sie verstehen.

Eines haben wir ja mittlerweile gelernt, die Suppe, die man sich einbrockt, kommt von oben. Und alles Gute muss man auch auslöffeln. Aber was du nicht willst, das man dir tut, das verschiebe nicht auf morgen. Denn ist der Ruf erst ruiniert, kommen die Leute zusammen. In diesem Fall geht es vor allem um einen starken Auftritt: Wer nicht wagt, stinkt vom Kopf her. Und wer nichts wird, isst mit dem Teufel aus der gleichen Schüssel. Denn bellende Hunde sind tief und stille Wasser beißen nicht. Wer hingegen gegen den Wind pisst, kann Berge versetzen, möchte man meinen. Allein, der Glaube bekommt dann eben nasse Hosen. Und wer mit Hunden ins Bett geht, ist auch gestorben. Am Ende gilt jedenfalls, dass Angst dicker ist als Wasser. Und steter Tropfen fängt den Wurm. Denn wo nichts ist, sind alle Katzen grau. In diesem Sinne, machen wir uns auf spannende Zeiten gefasst. Quasi nach dem Motto: Die Axt im Haus, Glück in der Liebe.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 15.05.2017)

Kann man schon so machen, aber wird dann halt schlecht

Wie Sie sicher wissen, wirken manche Stilmittel, die wir einsetzen, gelegentlich etwas oberlehrerhaft.

Es muss eh jeder selbst wissen, aber manche Stilmittel, die wir einsetzen, haben schon etwas Oberlehrerhaftes. Kann man machen, zum Beispiel, angehängt an einen Satz, in dem etwas beschrieben wird, mit dem man nicht einverstanden ist. Bei Regen mit Filzpantoffeln wandern gehen? Kann man schon machen. Eh, nur dass im Hintergrund Lehrer Lämpel schon vorwurfsvoll den Zeigefinger hebt. Kann man schon machen ist quasi das im Vorhinein ausgesprochene Ich habe es dir doch gesagt. Wie Sie sicher wissen, ist ein Wie Sie sicher wissen vor einem Satz eine ähnliche Überhöhung der eigenen Position. Kommt doch das gönnerhafte Zugeständnis besonders gern dann, wenn der Angesprochene mit ziemlicher Sicherheit keine Ahnung hat, was da gerade erzählt wird. Aber das wissen Sie sicher ohnehin viel besser als ich. Apropos, das funktioniert auch umgekehrt, wenn auch weniger subtil. Sie haben ja gar keine Ahnung! Haben Sie überhaupt schon einmal erlebt, was ich durchgemacht habe? Sie wissen ja gar nicht, was (beliebiges Wort einfügen) ist!

Apropos, das wissen Sie dagegen sicher viel besser als ich: Warum schaut man eigentlich immer wieder seine Fingernägel an? Bei einem langweiligen Gespräch, zum Beispiel, oder zwischendurch daheim. Zu den unsinnigsten Gelegenheiten deutet man dann eine lockere Faust an, dreht die Hand nach innen und blickt gelangweilt die Ränder der Nagelplatte an. Weder sind die besonders spannend, noch bringt einen das Betrachten irgendwie weiter. Möglicherweise will man damit aber auch nur einen peinlichen Moment schnell vorbeigehen lassen – Sie wissen schon, nach einem schlechten Witz, zum Beispiel. „Ein Scherz über die Apokalypse? Vermutlich ein Weltuntergag.“ Höhö. Kann man schon machen, oder? Na ja, muss im Endeffekt jeder selbst wissen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 08.05.2017)

Sind wir so weit, Frau Adelheid?

Wenn man für kleine Königstiger muss und Cola besser schmeckt als aus der Dose. Alles klärchen?

Wenn man zweimal den gleichen Schmäh auspackt, spricht man auch von einem müden Aufguss. Aber wenn wir schon bei der Sauna sind, wo die Gäste um mehr Hitze flehen, weil wir kriegen ja schon Frostbeulen, packen wir halt noch einmal die Sprüchekiste aus. Sorry, aber das Leben ist kein Wunschkonzert, lieber Freund und Zwetschkenröster. Jawohl, Tirol? Also, sind wir so weit, Frau Adelheid? Einmal geht’s noch. Was kann ich gegen Sie tun? „A Eitrige mit an Buckel und a Sechzehner-Hülsn, aber Jennifer“, zum Beispiel, der Oachkatzlschwoaf der Wiener, nur verwendet, um Anderssprachige zu verwirren. „Lass die Luft aus dem Glas“ hört man dagegen tatsächlich manchmal. So wie auch „Ich will dem Außenminister die Hand geben“, wenn man mal für kleine Königstiger muss. Aber keine Panik auf der Titanic, denn lieber ein Haar in der Suppe als Suppe im Haar. Darf ich zahlen, bitte? Na, das hoffe ich doch! Aber das ist natürlich etwas völlig Andreas. Sie wissen schon, Ladies first, James Last.

Wo gibt’s denn Sofas, fragen Sie sich? Ich sag’s gleich, ich war’s nicht! Also null Problemo. Die Firma dankt! Aber bevor wir winke, winke machen und bis baldrian sagen dürfen, müssen wir noch ein paar Dinge klären. Erstens, nachts ist es kälter als draußen. Zweitens, Cola schmeckt besser als aus der Dose. Und drittens, das Pferd ist vorn hinten als höher. Obwohl bergauf eigentlich näher ist als zu Fuß. Ist der Papst eigentlich katholisch? Aber he, was ist mit du? Falls Sie mir jetzt Hilfe antragen wollen – nein, danke, es ist allein schon schwer genug. Damit alles klärchen? Können wir dann lotzker vom Hotzker langsam tschau Kakao sagen? (Tschüss mit ü ist ja schon so 1987!) Holla, die Waldfee, wir sind schon fast am Ende. In diesem Sinne, see you later, Attentäter. Es war mir ein Volksfest. Ich sage nur noch ein Wort: Vielen Dank!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 24.04.2017)

Alles roger in Kambodscha, Freund der Blasmusik?

Grüß Gott, Herr Kompott! Guten Tag, Frau Salat! Als Kind dachte man, dass Witze so funktionieren.

Habe ich gerade wirklich passta schutta gesagt? Sie wissen schon, wie zum Bleistift in diesen auf lustig synchronisierten US-Fernsehserien aus den 70ern, wo es dann tschüssikowski oder Hallöchen Popöchen heißt. Mein lieber Herr Gesangsverein, da sollte man rutzk zutzk in sich gehen und über sein Sprachverhalten nachdenken. Alles glatt in Islamabad, aber hierzulande kann man doch bitte nicht so reden. D’accordeon, wie der Franzose sagt? Das kann ja eiter werden.

Als Kind dachte man noch, dass genau so Witze funktionieren. Grüß Gott, Herr Kompott. Guten Tag, Frau Salat. Und Bruhaha. Doch erstens kommt es anders, zweitens als man denkt. Also stück mal ein Rück, denn es ist definitiv nicht alles fit in Madrid. Natürlich könnte man einfach sagen Sellerie, so ist das Leben. Aber das bringt den heißen Stein an und Pfirsich halt auch nicht zum Überlaufen. Schwuppdiwupp, Nudelsupp, steht man dann da und überlegt, wo das alles herkommt. Herzlichen Glühstrumpf, was man da alles im Schlepptop findet. Wo hat man sich das eingefangen? Muss ein Virus gewesen sein. Aber da muss man durch als Lurch.

Na wonderbra, aber kann man diesen Floskelwahnsinn nicht einfach abdrehen? Ende aus, Micky Maus! Vermutlich schon, doch kaum denkt man daran, ist einem an der Eingangstür schon wieder ein Alter vor Schönheit herausgerutscht. Danke für die Mitarbeit, Bussibär. Und beim Anstoßen am Abend wird sicher wieder Prostata gerufen. Alles klar in Katar, ja ja. Und borgt man etwas her, kommt ganz reflexhaft Wiedersehen macht Freude, Freund der Blasmusik. Mach’s gut, mach’s besser, ganz genua. Sind damit alle Klarheiten beseitigt? Ja? Schittebön, Schankedön! Dann können wir jetzt endlich wieder ganz normal sprechen. Nicht schlecht, Herr Specht. Aber ich hätte da noch eine furze Krage, nämlich Wayne interessiert das?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 10.04.2017)