Der Orgasmus des Kapitalismus

Der Advent hat die erste Halbzeit hinter sich. Und wir mit ihm. Noch ein paar Tage durch halten, dann ist es vorbei mit weihnachtlichen Kampfgesängen in gut gelaunten Radioprogrammen, überfüllten Bekleidungsgeschäften und vollgepferchten Aufzügen in Einkaufszentren. Weihnachten ist ja gewissermaßen der jährliche Orgasmus des Kapitalismus. Glücklich sind jene, die ihre Umsätze in die Höhe treiben können. Am Ende haben sich weniger die Herzen mit Freude als vielmehr die Mülleimer mit zerknülltem Geschenkpapier gefüllt. Der immer wieder vorgetragene Wunsch nach besinnlichen Weihnachten wirkt da direkt zynisch. Ja, erwischt, ich mag Weihnachten nicht. Geht es noch jemandem so?

Gut, für genau jene Zielgruppe habe ich einige Tipps, wie dem Weihnachtstreiben entkommen werden kann: Kaffee, Kakao und Tequila sind nur einige der Genussmittel aus den Tropen, die Bettina Fähnrich bei einem Vortrag in der VHS Floridsdorf (21, Angerer Str. 14, 18:30 Uhr) vorstellt. Schokoweihnachtsmänner müssen draußen bleiben. Ebenfalls wenig weihnachtlich geht es im Konzerthaus (3, Lothringerstr. 20, 20 Uhr) zu, wenn Wolfgang Ambros Lieder von Hans Moser singt. Und auch die Strandbar Herrmann (1, Urania) ist täglich bis Mitternacht weihnachtsfreie Zone: Punsch und Glühwein ohne „Last Christmas“ und „Little Drummer Boy“. Aber bleiben Sie bitte nicht zu lange, sonst brummt am nächsten Tag der Kopf. Und da macht das Einkaufen von Weihnachtsgeschenken gleich noch viel weniger Spaß.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 12.12.2005)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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