Der Schrei als Verkaufsargument

Es ist gar nicht so leicht, seine Waren anzubringen, wenn rundherum dieselbe Ware von mehreren anderen auch angeboten wird. Um also den Kunden zu überzeugen, nicht bei den anderen einzukaufen, ist eine gewisse Überzeugungsarbeit notwendig. Das nennt sich denn freier Markt und ist ja auch ok. Aber: Vor allem dann, wenn sich das Produkt in Preis und Qualität nicht merklich unterscheidet, kann das für den potenziellen Kunden lästig werden. Denn dann gilt das Gesetz der Lautstärke – zumindest glauben das die Händler. Das endet etwa bei einem Besuch am Naschmarkt mit Stakkatobeschallung in Stereosound: „Kebab, Kebab, Kebab!“ von der einen, „Billig, billig, billig!“ von der anderen Seite.

Rein von der Logik her sollte sich der mündige Kunde durch derlei Marktgeschrei nicht in seiner Entscheidung beeinflussen lassen. Allein, er tut es trotzdem. Und schon ist der Plastiksack mit Oliven gefüllt, die man eigentlich gar nicht haben wollte. „Die Stimme des Intellekts ist leise“, sagte einst Sigmund Freud. Nun gut, wenn der Bauch die Entscheidungen trifft, geht es eben etwas lauter zu. Soll so sein. Aber zumindest beim Bücherflohmarkt im Literaturhaus Wien (7, Seidengasse 13; Mi. 9 bis 15 Uhr) sollte das Stöbern nicht durch Schreie wie „Tolstoi, Tolstoi, Tolstoi!“ & Co gestört werden. Und im Übrigen bleibt zu hoffen, dass nicht auch Anker, Mann, Ströck & Co auf die Idee kommen, ihren Konkurrenzkampf in Zukunft über die Lautstärke auszutragen. „Salzstangerl, Salzstangerl, Salzstangerl!“, Sie wissen schon.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 25.10.2006)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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