House Running

Was Germany’s next Topmodels können, kann ich doch auch. Der Gang über den „Vertical Catwalk“, auch House Running genannt, könnte mein Einstieg ins Modelbusiness werden.

Was gehört dazu, ein Supermodel zu sein? Seit „Germany’s next Topmodel“ wissen wir, dass eine Voraussetzung dafür ist, auf einer senkrechten Hauswand herumzuspazieren. Nun habe ich weder Modelmaße noch die jugendliche Strahlkraft, die mich auf dem Catwalk in die Herzen der Haute-Couture-Afiçionados katapultieren würde, doch das mit dem Wandern bekomme ich hin.

Als Laufsteg bietet sich das Airo Hotel in Wien-Oberlaa an, wo es einmal im Monat (nächster Termin: Sa., 17. Mai, Infos: www.jochen-schweizer.at) die Gelegenheit gibt, eine Wanderung über die Fassade zu unternehmen. 50 Meter abwärts. Eine gute Gelegenheit also, um sich und die neuesten Errungenschaften der Bekleidungsindustrie der staunenden Öffentlichkeit zu präsentieren. Dumm nur, dass die Organisatoren auf das Tragen von Helm, Handschuhen und Klettergurt bestehen, was die blaue Levi’s 501 und das rote T-Shirt mit dem kirgisischen Wappen am Rücken etwas aus dem Blickfeld drängt. Aber gut, man kann nicht alles haben.

Oben am Dach ist man ohnehin ein wenig abgelenkt. Weniger vom Oberlaaer Panorama als vom Gedanken, gleich über die Kante des Hauses steigen zu müssen. Für jemanden, der schon in geringerer Höhe unruhig wird, wenn es kein zumindest hüfthohes Geländer gibt – ja, das werde ich -, ein seltsamer Gedanke. Immerhin, beim Abstieg ist man mit einem Seil gesichert. Das beruhigt.

Es geht bergab. Dann die letzten Sekunden vor dem Auftritt. Stehen an der Kante. Blick hinunter. Wie in einen Babysitz setzt man sich in den Klettergurt. Und lehnt sich nach vorne. In diesem Moment wirkt alles unlogisch. Und da das Nach-vorne-Lehnen in einer Art Hockstellung erfolgt, ist auch die ästhetische Komponente eher eine Niederlage. Sekunden später hängt man in der Waagrechten. Jetzt Beine durchstrecken. Der erste Schritt. Ein bisschen wackelig, als müsste man erst gehen lernen. Und etwas ruckelig ist es, denn zu Beginn muss man sich an einem Seil in Richtung Boden ziehen. Nach und nach werden die Schritte lockerer, geht es flott bergab. Angst? Woher denn, ist ja ein Spaziergang. Nur eben in der Vertikalen. Endlich kommt auch das Modelfeeling auf. Elegant einen Fuß vor den anderen setzen, in die Menge lächeln, die von unten ungläubig heraufblickt. Endlich reich und berühmt.

Minuten später ist es vorbei. Auf einer Matte endet der Laufsteg, die Perspektive dreht sich wieder um 90 Grad. Heidi Klum würde jetzt sagen, wie tapfer ich war – würde sie das? Vielleicht ein wenig an meinem Laufstil herummäkeln. Kann schon sein, ein bisschen zittern die Knie ja doch. Aber in der leicht adrenalingeschwängerten Euphorie ist das so nebensächlich. Gedankennotiz: Bei der nächsten Staffel des Model-Castings anmelden.

(c) Clemens Fabry (Die Presse)

Ein Topmodel macht auch im Klettergurt eine gute Figur. Ich nicht ganz so. Aber daran denkt man kurz vor dem 50-Meter-Abstieg ohnehin nicht wirklich.

(c) Clemens Fabry (Die Presse)

Der härteste Moment: Das Vorbeugen über die Kante und der erste Schritt auf die Hausmauer. Der zweite ist auch noch hart, dann kommt die Sicherheit.

(c) Clemens Fabry (Die Presse)

Hängt man in der Wand, ist es ein Spaziergang. Hallo Schwerkraft, ich komme! Jetzt weiß ich, was eine steile Karriere ist.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 26.04.2009)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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