Im Bademantel in die Arbeit

Manche Dinge sind nicht dafür gemacht, außerhalb der eigenen vier Wände eingesetzt zu werden. Aber wie fühlt es sich an, wenn man im Bademantel in die Arbeit fährt?

(c) Michaela Bruckberger (Die Presse)

Einige Dinge sind einfach nicht dazu gedacht, außerhalb der eigenen vier Wände zum Einsatz zu kommen. Trainingsanzüge, zum Beispiel, eignen sich nur be dingt für den Sonntagsspaziergang – es sei denn, man ist Sportler und das Spazieren erfolgt im Laufschritt. In den meisten Fällen wird der Jogginganzug jedoch mitnichten zum Joggen übergestreift, sondern zum Ausführen des Hundes oder zum Einsammeln der Sonntagszeitungen missbraucht.

Bei einem anderen Kleidungsstück ist diese natürliche Schamgrenze offenbar noch nicht gefallen. Oder kennen Sie jemanden, der das Haus im Bademantel verlässt? Und, nein, das Öffnen der Haustüre, um die abonnierte Sonntagszeitung von der Matte zu holen, zählt natürlich nicht.

Zeit also, den Grenzgang zu wagen – und mit dem Bademantel in die Arbeit zu fahren. Ein Unterfangen, das mit einem kleinen Kribbeln beginnt, nachdem die Wohnungstür ins Schloss gefallen ist – verbunden mit der Hoffnung, dass nicht gerade ein anderer Hausbewohner auch den Aufzug nach unten nimmt. „Ein Experiment . . . für die Arbeit“, würde man dann stammeln. Nein, bei allem Forschungsdrang – zumindest im eigenen Haus will man sich nicht unbedingt zum Trottel machen.

Schamgefühl verfliegt. Einmal auf der Straße, weicht das Schamgefühl der Neugierde. Die entgegenkommenden Passanten beobachten, Blickkontakt suchen, auf eine Reaktion warten. Allein, die Leute benehmen sich nicht sonderlich auffällig. Die einen schauen vorbei, ein paar verschämt zu Boden. Wahrscheinlich wäre es zu viel verlangt, auf den Frotteemantel angesprochen zu werden, doch wenigstens ein verdutzt-freundliches Lächeln oder ein verschämtes Grinsen wäre schon schön. Hallo, hier geht jemand mit dem Bademantel durch die Neustiftgasse! Findet da niemand etwas dabei?

Bleibt die Hoffnung auf die U-Bahn. Und endlich, am Bahnsteig tuschelt ein Pärchen hinter vorgehaltenen Händen. Juhu! Endlich bemerkt mich jemand. Als die U-Bahn einfährt und sich die Türen öffnen, strömen die Fahrgäste aber wieder mit Tunnelblick aus dem Waggon und registrieren mich nicht. Na gut, Sitzplatz suchen und das Gegenüber beobachten. Die ältere Dame ist sichtlich bemüht, möglichst nirgendwo hinzuschauen. Im Grunde nicht anders als sonst – Blickkontakt in öffentlichen Verkehrsmitteln ist in Wien ja ohnehin tabu.

Resümee: Als Bademantelträger erregt man in Wien kein sonderliches Aufsehen. Vielleicht, weil die Wiener lieber wegschauen und hinterher heimlich flüstern? Vielleicht, weil man sich an derartige Erscheinungen schon gewöhnt hat? Vermutlich, weil hier ein derart offenes Klima herrscht – und Menschen, die man früher als Dorftrottel bezeichnet hätte, heute nur mehr als Exzentriker gelten.

(c) Michaela Bruckberger (Die Presse)

Der Bademantel an sich wurde nicht dafür gemacht, um damit in die Arbeit zu fahren. Dennoch bleibt das öffentliche Aufsehen verhältnismäßig gering.

(c) Michaela Bruckberger (Die Presse)

Die U-Bahn-Fahrt verläuft nicht anders als sonst, kein einziger Fahrgast spricht mich an, es wird nicht gelächelt - und Blickkontakt ist sowieso tabu.

(c) Michaela Bruckberger (Die Presse)

Allzu oft kommt es nicht vor, dass Redakteure im Schlafrock das Gebäude der "Presse" betreten. Aber den Versuch war es wert.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 24.05.2009)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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