Essen in der U-Bahn

Fast alle sind dagegen, viele wollen sogar ein Verbot: Essen in der U-Bahn an sich ist aber gar kein Problem – solange man es mit Stil macht. Ein Plädoyer für Messer und Gabel.

Verbote sind typisch für Österreich. Kein Wunder also, wenn sich in einer Umfra ge der Wiener Linien 70 Prozent der über 40-Jährigen für ein Essverbot in den öf fentlichen Verkehrsmitteln aussprechen. Dabei ist die Zufuhr von Nahrung in der U-Bahn gar nicht das wirkliche Problem. Die eigentliche Krux liegt darin, dass der Wiener einfach keinen Stil hat und diesen Mangel bei der Nahrungsaufnahme auch deutlich zur Schau stellt.

Das beginnt bei olfaktorischen Merkwürdigkeiten wie dem klassischen Lehrlingsmenü (Leberkäsesemmel mit Red Bull) und endet bei entwürdigenden Szenen, in denen sich ganze Weckerlinhalte beim Hineinbeißen über den Fahrgast oder das Interieur des Waggons verteilen. Fairerweise muss man anmerken, dass die Wiener Linien nicht wahnsinnig viel tun, um den Menschen eine etwas stilvollere Nahrungsaufnahme zu ermöglichen.

Würden sie sich nämlich dazu entschließen, ihre Garnituren endlich so aufzurüsten, dass die Fahrgäste ihren Mittagssnack mit Messer und Gabel essen, ihren Eistee aus einem echten Glas trinken könnten, würde sich wohl so mancher besinnen. Derzeit, und hier beginnt der eigentliche Selbstversuch, ist es jedenfalls mit einigen Mühen verbunden, gepflegt im U-Bahn-Waggon zu speisen. Wo soll man etwa sein Tischchen aufbauen? Gottlob finden sich schnell zwei leere Plätze, auf einem davon wird gedeckt – Tischtuch, Teller, Besteck, so viel Zeit muss sein. Auf dem Speiseplan steht Rindergeschnetzeltes mit Artischocken und Fettuccine, gegessen wird mit Besteck.

Wackelige Angelegenheit. Die langen Nudeln waren rückblickend vermutlich keine so gute Idee, denn das Aufwickeln fällt im wackeligen Waggon etwas schwer. Das Glas mit dem Eistee schwankt  einige Male bedrohlich, wenn der Zug abrupt bremst. Und auch die Sitzposition – schräg zum linken Platz geneigt – ist nicht ganz so bequem wie ein Sitz am Tisch. Aber eine größere Sauerei als ein sich selbst zerlegender Kebab ist es auch wieder nicht.

Da sitze ich nun, der kulinarische Robin Hood urbaner Fortbewegungsmittel, und warte auf empörte Blicke, den Ruf nach Verboten oder Schlimmerem. Doch die Fahrgäste dürften nicht zu jenen gehören, die in der Umfrage der Wiener Linien die Mehrheit stellten. Im Gegenteil. Freundlich lächelnd und sehr interessiert mustert die Dame schräg gegenüber die Szenerie; ein Ehepaar betont, dass es sich nicht belästigt fühlt. Und schließlich fragt ein junger Fahrgast sogar, ob er mit seinem Handy ein Foto machen darf. Das wiederum beweist: Stilvolles Essen in Öffis stört niemanden. Würden also mehr Menschen gesittet mit Messer und Gabel in der U-Bahn speisen, könnten wir uns die Debatte über Verbote sparen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 05.07.2009)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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