Mein Körper geht mir auf den Geist

Es gibt Tage, an denen einem der Körper so richtig auf den Geist geht. Wenn beim Aufstehen der Rücken schmerzt, nach dem Duschen immer ein paar Haare in der Wanne herumliegen müssen oder man einen Sessel braucht, um ein Buch von ganz oben aus dem Regal zu holen. Oder wenn nach einem Sportunfall der Arm mit einem Gips ruhiggestellt wird – zugegeben, ein Armbruch ist noch lange kein Beinbruch, aber so manche alltägliche Verrichtung entwickelt sich damit zu einem Zauberkunststück à la Houdini. Ähnlich unangenehm ist jener Augenblick im Kino, in dem die  Erkenntnis massiven Druck macht, dass man den halben Liter Cola nicht gleich zu  Beginn der Vorstellung hätte austrinken sollen.

In Momenten wie diesen ziehe ich mich immer tief in Gedanken zurück und sinniere darüber, wie man es wohl nennt, wenn man sieht, dass ein Bus kommt, und man vor ihm herläuft, um rechtzeitig die Station zu erreichen. Läuft man dem Bus da nach? Ist es sinnvoll, für Frieden zu kämpfen oder nach Ruhe zu schreien? Ist ein Waschbär waschbar? Und wie kann man sich eigentlich die Konsistenz von Flüssigwaschpulver vorstellen?

Fragen über Fragen, die sich so stellen, wenn man sich von der Körperlichkeit löst und sich völlig auf die Ratio reduziert. Kein Hunger mehr, kein Japsen nach Luft beim Joggen auf die Gloriette, keine wunden Fingerkuppen nach dem Gitarrespielen . . . Das hätte schon seinen Reiz, oder? Fragt sich nur, wie ich in meiner gänzlich entkörperten Existenz all diese bewegenden Gedanken zu Papier bringen könnte. Aber da werde ich mir schon noch etwas einfallen lassen, denn eines ist klar: Ich kann mir eine Welt ohne Fantasie nicht vorstellen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 07.09.2009)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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