Kleine Erniedrigung für Urlauber

Als Bewohner eines Landes, das zu einem Gutteil von Tourismus lebt, sollte man ausländische Gäste ja nicht vergraulen. Umgekehrt erwartet man aber auch, dass sich die Besucher so manche kleine Spitze sparen. Wird man etwa von einer kleinen Gruppe von Italienern angesprochen, die auf Englisch nach dem Weg radebrecht – und man kramt stolz aus dem Gedächtnis die schon in der Volksschule gelernten Wegbeschreibungen -, dann will man nach der langen Litanei, wie man denn nun zum Schloss Schönbrunn komme, genau einen Satz nicht hören: „Do you speak English?“

Fast bereut man in so einem Moment, dass man der Gruppe den richtigen Weg nach Hietzing gewiesen und sie nicht mit der U1 zur  Station Aderklaaer Straße geschickt hat. Einen viel öderen Ort in Wien gibt es bekanntlich nicht. Wobei, Gemeinheiten wie diese sollen gar nicht so selten sein. Zumindest geht das Gerücht, dass manche Gruppe von Pauschalreisenden, die Wien per Bus erkundet, gar nicht zum größten Wahrzeichen selbst vordringt, sondern kurz vor der Votivkirche abgeladen wird – um dort den berühmten Stephansdom zu fotografieren. Sieht doch nicht viel anders aus als auf dem Packerl Manner Schnitten. Mokieren sich dann doch ein paar Aufmüpfige, dass der Dom laut Reiseführer nur einen Turm hat, kann man sie ja auf einen Sprung beim Rathaus vorbeiführen. So, ein Turm. Noch was? Im Supermarkt besorgen wir dann Semmeln, gefüllt mit zehn Deka Polnischer – die preisen wir als das wundervolle Wiener Schnitzel an. Und am Ende schicken wir die Gruppe in ein Konzert, bei dem Musikstudenten in barocken Kostümen ein bisschen Mozart spielen, und verkaufen sie als Philharmoniker. So, und jetzt soll noch einer fragen, ob ich Englisch spreche.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 02.08.2010)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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