Bitte nach dem Aussteigen stehen bleiben

Was macht ein Mensch, der aus der U-Bahn aussteigt? Nun, in der Regel geht er zum Ausgang der Station oder steigt in eine andere Linie um. Fast überall auf der Welt ist das so. Nicht in Wien. Hier bleibt man zunächst einmal stehen. Und es sind beileibe nicht nur Touristen, die nach Orientierung heischend ihre Blicke auf die Suche nach Wegweisern schicken. Auch ganz normale Wiener scheint unmittelbar nach dem Ausstieg für ein bis zwei Sekunden ein Blitz der Erstarrung zu treffen. Die Folge sind brenzlige Ausweichmanöver oder abrupter Körperkontakt mit dem Rücken des stehenden Hindernisses. Und dann haben wir auch noch jene Spezies, die genau vor der Tür des gerade eingefahrenen Zuges innehält – der Effekt ist ein ähnlicher, nämlich überraschender Körperkontakt.

Der kurze Moment des Zögerns ist beileibe nicht das einzige Problem, das den Weg durch die U-Bahn zum Hindernislauf macht. Aber seien wir uns ehrlich, über die Linkssteher auf der Rolltreppe zahlt es sich nicht aus, auch nur ein weiteres Wort zu verlieren – außer vielleicht, dass sie fast ausschließlich männlich, mittleren Alters und in Begleitung einer Frau sind, die dem monolithischen Block mit Ziehen am Ärmel klarzumachen versucht, dass hinter ihm gerade jemand auf Durchlass hofft. Und auch der Blick im Moment des Erkennens der eigenen Fehlstellung ist immer der glei che – Mund halb geöffnet, die Augen panisch auf die rechte Seite der Rolltreppe gerichtet, um einen Platz zum Ausweichen zu finden.

Immerhin, die Wiener Linien muss man in all diesen Fällen wohl von jeglicher Schuld entlasten. Denn die stehenden Hindernisse gab es schon immer. Zumindest lange, bevor es durch die Lautsprecher der U-Bahn-Stationen hallte: „Bitte zurückbleiben!“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 18.10.2010)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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