Ich, mein Leben und der ganze Rest

Irgendwann kommt vermutlich jeder auf die Idee, eine Autobiografie zu verfassen. Eine Idee, die in den häufigsten Fällen daran scheitert, dass man eigentlich gar nichts zu erzählen hat. Das zweite große Hindernis besteht im Gedanken daran, wer sich überhaupt dafür interessieren könnte, was man zu erzählen hat – wenn man es überhaupt hat, wie bereits vorher erwähnt. Drittens verbinden viele eine Autobiografie mit Memoiren, und die hat man gefälligst erst gegen Ende seines Lebens preiszugeben. Gut, spätestens seit vor einigen Tagen Justin Bieber seine Autobiografie vorgestellt hat, ist dieser Punkt obsolet. Der US-Popsänger ist gerade einmal 16 Jahre alt. Aber erfolgreich, womit sich zumindest für ihn Problem Nummer vier nicht stellt – nämlich einen Verlag zu finden, der ein derartiges Kompendium herausbringen will.

Wie auch immer, irgendwann hat man alle Punkte für sich positiv abgehakt und ist bereit, seine Lebensgeschichte in die Textverarbeitung zu klopfen. Da taucht plötzlich ein gewaltiges Problem auf, an das man noch gar nicht zu denken wagte: Welchen Titel soll das Buch tragen? Klingt banal, ist aber eine entscheidende Frage, wie die Nachwelt die Schilderungen eines Lebens dereinst einordnen wird. Ein einfaches „Ich“, so wie Ricky Martin? Oder wirkt das zu wichtigtuerisch, wenn man nicht Ricky Martin ist? Vielleicht passt ja „Mein Leben“, was prägnant wäre – aber auch ziemlich langweilig. Möglicherweise bietet sich ja ein Zitat an, mit dem man assoziiert wird? Kann allerdings danebengehen, wenn es „Hey Baby, soll ich dir meine Briefmarkensammlung zeigen?“ lautet. Vielleicht „Bekenntnisse eines österreichischen Journalisten“? Nein, jetzt weiß ich es! Der Titel meiner Autobiografie wird: „Dichtung und Wahrheit“. Wow. Auf so eine geniale Idee wäre vermutlich nicht mal Goethe gekommen . . .

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 14.02.2011)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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