Die Einsamkeit des Käufers vor der Supermarktkassa

Ein bisschen peinlich ist es ja schon immer, wenn man da so allein vor der Kassa steht. Der Deostick, die Zahnpasta und die Taschentücher liegen längst auf dem Fließband, die Bankomatkarte ist gezückt und der Rucksack geöffnet, um gleich alles einräumen zu können. Nur von der Kassafrau ist nichts zu sehen – interessant übrigens, dass sich der Begriff Kassamann nie durchgesetzt hat, obwohl es ihn ja durchaus auch gibt. Im Grunde ist es in diesem Moment aber völlig egal, wer die Waren letztendlich über den Scanner zieht, solange es nur irgendjemand endlich tut. Üblicherweise dauert die Phase, in der man – mit ratlos schweifendem Blick quer durch das Geschäftslokal – darauf hofft, ein Angestellter möge von selbst bemerken, dass jemand wartet, eine knappe Minute. Dann setzt der Moment ein, in dem der Leidensdruck der Isolation das Schamgefühl rechts überholt und sich in den Worten „Kassa, bitte!“ den Weg in die Außenwelt bahnt.

Zugegeben, das erinnert von der Penetranz her an die Klingel, mit der man an der Hotelrezeption den Portier zu jeder Tages- und Nachtzeit nerven kann. Doch was wären die Alternativen, um die Aufmerksamkeit des Kassenpersonals zu erheischen? Ein Fünf-Liter-Gurkenglas zu Boden krachen lassen? Das müsste man dann wohl zahlen, also nein. Die Kassa besetzen, ein Transparent entrollen, von einem massiven Polizeiaufgebot umstellt und mit Wasserwerfern bedroht werden – und die Besetzung erst dann beenden, wenn die Kassenkraft hinter einem Regal hervorschlurft? Auch ein wenig drastisch. Oder lieber die harmlose Variante – einfach darauf warten, dass ein anderer Kunde seinen Einkauf beenden möchte. Und während man ihn dann schulterzuckend anblickt, braucht man nur noch darauf zu warten, dass er die penetranten Worte in den Mund nimmt: „Kassa, bitte!“ Mein Gott, dass die Leute immer so ungeduldig sein müssen . . .

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 26.09.2011)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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