Da muss der Mehlspeistiger noch viele Knödel essen

Irgendwo in längst vergessen geglaubten Regionen der Konversation stößt man gelegentlich auf alte Bekannte. Etwa auf Phrasen, wie sie einst die Großeltern verwendeten, um die Enkel zu intensiverer Nahrungsaufnahme zu bewegen. „Da musst du noch viele Knödel essen“, hörte man etwa, wenn man als kleines Kind daran scheiterte, einen Stein aus dem Weg zu räumen. Die auch für Kinder leicht verständliche Phrase transportierte dabei die Weisheit, dass eine kohlenhydratreiche Kost wichtig für den Aufbau von Muskelmasse ist. Dass die vielen Knödel nicht als Bizeps wiedergeboren, sondern eher um die Hüftgegend reinkarniert wurden, lassen wir jetzt einfach mal dahingestellt. Dafür können die Großeltern nun wirklich nichts. Zumindest nicht mit dieser Aussage.

Da sollte man schon eher ein Tier an den Pranger stellen, das frühere Generationen in Zusammenhang mit genüsslicher Nahrungszufuhr gerne aus dem Käfig zauberten: den Mehlspeistiger. Nun weiß man ja, dass jene in Asien verbreitete Großkatze mit den Streifen auf dem Fell so ziemlich alles appetitlicher findet als Mehlspeisen. Aber in der großelterlichen Logik wurde einfach die Gier der exotischen Raubkatze auf näherliegende Objekte übertragen. Nur sollte man sich dann nicht darauf ausreden, dass es die Streifen sind, die dick machen – das sind schon die Mehlspeisen, die man in sich hineinschaufelt. Daran ändert sich auch nichts, wenn man die Katze aus dem indischen Dschungel domestiziert und als Naschkatze hält.

Immerhin, diese großelterlichen Tiere haben ein sympathisches Antlitz. Ganz im Gegensatz zu anderen Tiermetaphern, die heute ihr Unwesen treiben. Da wird man im Angesicht des Pleitegeiers zum Angsthasen und fühlt sich von lauter Kredithaien umgeben zunehmend als Opferlamm. Aber nicht verzweifeln – auch Lämmer können sich wehren. Nur müssen sie halt noch viele Knödel essen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 10.10.2011)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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