Von Namenszeilen und Danksagungen

Journalisten gelten gelegentlich als etwas selbstverliebte Geschöpfe. Dass darin ein Körnchen Wahrheit stecken könnte, lässt sich im redaktionellen Alltag daran beobachten, dass bei einem neuen Artikel häufig als Allererstes die Namenszeile eingetippt wird. Erst danach folgen kleine Beiläufigkeiten wie Titel, Vorspann und Fließtext. Nun muss man das aber nicht zwangsläufig als Akt des gelebten Narzissmus betrachten, es gäbe ja auch noch die Erklärung, dass man am besten mit dem Einfachsten anfängt. Und den eigenen Namen hat man im Normalfall relativ schnell in die Tasten geklopft, auch ist dafür im Regelfall keine ausgedehnte Recherche notwendig.

Im wissenschaftlichen Betrieb gibt es ein ähnliches Verhalten. Mit dem Unterschied, dass es nicht um die Nennung des Namens geht, sondern um die Danksagung. Auch die ist um einiges schneller erledigt als das mühsame Erstellen einer Forschungsfrage, das Aufstellen von Hypothesen oder empirische Arbeit. Natürlich, eine gewisse Konzentration ist trotz allem nötig, schließlich darf keine relevante Person vergessen werden – aber im Reigen von Eltern, Partnern, Freunden, Betreuern und Mithelfern ist die Recherche weitgehend überschaubar.

Allerdings sollte man darauf achten, dass Danksagungen nicht inflationär auftreten. Schließlich ist eine Proseminararbeit eher nicht das Lebenswerk, das man unter Tränen jemandem widmen muss. Bei Diplomarbeiten, Dissertationen oder ähnlich aufwendigen Werken sei der kleine Akt des Dankes aber ausdrücklich erlaubt – egal, ob man ihn am Ende des Arbeitsprozesses durchführt oder das Schreiben mit der entsprechenden Seite beginnt. Aus der Danksagung lässt sich aber möglicherweise auch einiges über die persönliche Einschätzung der Relevanz seines Werks durch den Autor herauslesen. Etwa dann, wenn sie nur aus zwei Wörtern besteht: „Für Hugo“.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 14.11.2011)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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