Vom Supermarkt in den vegetarischen Gnadenhof

Es gibt zwei verschiedene Zugänge, im Supermarkt Gemüse einzukaufen. Da wäre der eine, das knackigste, frischeste und hübscheste Stück aus dem Regal zu fingern, quasi das Supermodel unter den Gemüsen. Und dann gibt es die etwas weniger oberflächliche Variante, nicht nach dem Hochglanz polierter Schale zu stieren – schließlich will man mit der Frucht nur kochen und keinen Schönheitswettbewerb gewinnen. Häufig bleibt ja ohnehin nur die zweite Variante übrig, wenn einer aus der ersten Kategorie bereits alle verfügbaren Früchte in seinem vegetarischen Beauty Contest auf ihre Festigkeit geprüft und dabei unschöne Druckstellen hinterlassen hat.

Gelegentlich begegnet man abseits dieser Dualität aber auch noch einer dritten Ausprägung der Gemüseauswahl – oberstes Kriterium ist hier das Mitleid. Wenn da einsam und verlassen eine Melanzani in einer Kiste vor sich hinrunzelt, man sogar ein leichtes Zittern zu spüren vermeint und nur noch zwei traurige Augen fehlen, um das Kindchenschema komplett zu machen – dann wird das Herz weich, und man will nichts mehr, als diese arme, geschundene Frucht in den Arm zu nehmen und ein wenig zu liebkosen. Und so rettet man das arme Ding, bettet es in die wohlig weiche Einkaufstasche und nimmt es mit nach Hause. Auf dass das kleine Runzelgewächs sein Dasein nicht in einer Holzkiste und unter Neonröhren fristen müsse.

Solange sich ein derartiges Verhalten nur gelegentlich einstellt, spricht auch absolut nichts dagegen, der einen oder anderen Gurke, einem bröselnden Karfiol oder einer bedauernswert verkrümmten Zucchini ein Gnadenbrot zu gewähren. Allerdings sollte man die Grenzen des Machbaren im Auge behalten. Denn spätestens, wenn die heimische Küche voll mit siechem Gemüse ist und Gäste plötzlich das Bedürfnis verspüren, für das vegetarische Gut Aiderbichl spenden zu dürfen – dann hat man es vermutlich übertrieben.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 06.02.2012)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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