Nora Tschirner: „Ich bin Maskulinist geworden“

Als Moderatorin bei MTV startete sie ihre Karriere, mit „Keinohrhasen“ wurde sie einem breiteren Publikum bekannt, nun spricht Nora Tschirner die Titelrolle im Disney-Film „Merida“. Ein „Presse“-Interview.

Nora Tschirner als Stimme von Merida | (c) pixar

Merida ist die wohl emanzipierteste Figur des Disney-Universums. War das entscheidend für die Zusage zur Rolle?

Nora Tschirner: Der Grund war, dass sie mich gefragt haben. Das ist ein ungeschriebenes Gesetz – wenn man von Pixar gefragt wird, macht man das. Den ganzen Film habe ich erst gesehen, als ich die Zusage bekommen habe.

Eine starke Frau wie Merida ist ja im Film nach wie vor eher untypisch.

Naja, Arielle ist keine schwache Frau gewesen, Pocahontas auch nicht – ich glaube, das ist gar nicht so. Sobald eine Frau Hauptfigur ist, kann sie gar nicht mehr so richtig schwach sein.

Mir fällt zum Beispiel Cinderella ein.

Ja, aber auch bei Cinderella oder bei „Die Schöne und das Biest“ sind das bei Disney trotzdem beherzte Frauen.

Aber ihr Ziel ist, am Ende den Prinzen zu bekommen. Bei Merida ist das umgekehrt.

Das stimmt. Ja, das hat mich schon angesprochen, wenn ein Individuum dafür kämpft, sich entfalten zu dürfen.

Bezeichnen Sie sich selbst als emanzipiert?

Ich bin mittlerweile Maskulinist geworden, weil ich das Gefühl habe, die Männer brauchen ein bisschen Unterstützung. Wenn ihr da Hilfe braucht, sagt einfach Bescheid, auch gerne in Männersprache, mit einem Bier an der Bar.

Sprechen Männer denn anders als Frauen?

Ich finde ja nicht – unter uns Männern gesagt. Ich tue mir schwer damit, dass Männer so und Frauen so sind. Ich suche mir eher Leute, bei denen es eine Balance gibt. Wenn ich mir vorstelle, dass meine drei besten Freundinnen, mit denen ich seit der dritten Klasse befreundet bin, mir einen Eisbecher holen würden, wenn ich Liebeskummer habe, und wir mit einer riesigen Tüte Kleenex auf dem Sofa abflennen würden – das wäre mir ein völliges Rätsel.

Genau dieses Frauenbild wird aber in vielen Serien und Filmen à la „Sex and the City“ vermittelt. Sollte man da nicht etwas ändern?

Aber als Zuschauer und Mensch ist man ja eigenverantwortlich und kann in sich reinhören, ob es sinnvoll ist, auf dem Sofa zu sitzen und zu heulen. Wenn mir das gut tut, ist es ja legitim. Aber wenn ich mich auch in einem Alter jenseits der 17 noch von jedem Fernsehsender und Film beeinflussen lasse, finde ich das dann schon eher problematisch.

Eine Filmfigur kann in dieser Hinsicht aber schon auch Einfluss ausüben.

Schon, aber Charaktere wie Merida gibt es ja schon immer. Audrey Hepburn als Holly Golightly in „Breakfast at Tiffany’s“ hat meinetwegen eine Megascheibe, aber man kann nicht behaupten, sie wäre nicht emanzipiert. Und Ronja Räubertochter oder Pippi Langstrumpf gab es ja auch schon.

Nora Tschirner verbindet man eher mit komödiantischen Stoffen. Nervt das?

Für mich sind in einer guten Komödie viele dramatische Szenen drin. Ich mache ja keine Sketch Comedy, wo ich ständig durch das Bild rolle, weil ich über irgendetwas drüberfalle.

Was sagen die Fans? Als MTV-Moderatorin hat man ja ein anderes Publikum als bei „Keinohrhasen“ oder Zeichentrickfilmen.

Die Leute, die mich von MTV kannten, dachten, „die ist witzig und schlagfertig, der müssen wir einen Spruch anhängen, und sie freut sich darüber.“ Da wurde ich auch gerne mal pöbelig von wildfremden Leuten angesprochen. Und die waren ganz enttäuscht, als ich überlegt habe, ob ich die Polizei rufen soll. Durch „Keinohrhasen“ wurde alles weicher und wärmer. Auch durch die Kinderfilme, die ich gemacht habe – das ist schon eine ganz andere Klientel.

Welches Publikum ist angenehmer?

Schwer zu sagen. Ich möchte auf jeden Fall nicht angepöbelt werden. Und wenn man merkt, dass ich gerade eine Suppe esse und privat mit meiner Familie herumsitze, kann man mich von mir aus trotzdem ansprechen, aber sollte dann auch ein Gespür für die Situation haben. Ob das jetzt MTV-Fans oder „Keinohrhasen“-Fans sind, ist mir egal. Wenn sie nett sind, bin ich auch nett.

Tut es Ihnen eigentlich leid, dass das Musikfernsehen heute quasi ausgestorben ist?

Nein, genauso wie es mir nicht leid tut, dass ich keinen Walkman mehr habe. Es gibt genug Möglichkeiten, sich Musikvideos anzuschauen. Ich fand das eine herrliche Zeit dort, es hat sich am Schluss ja ohnehin weit weg von Musik entwickelt. Aber ehrlich gesagt war ich am Schluss froh, dass ich nicht ständig Klingeltöne um mich herum habe.


Nora Tschirner, geboren am 12. Juni 1981 in Ost-Berlin, arbeitete ab 2001 als Moderatorin bei MTV, im selben Jahr startete sie auch ihre Schauspielkarriere. Sie spielte unter anderem in „Soloalbum“ und „Kebab Connection“, ihren größten Erfolg feierte sie mit Til Schweiger in „Keinohrhasen“ und der Fortsetzung „Zweiohrküken“.

Aktuelles Projekt: Nora Tschirner spricht in der Disney/Pixar-Produktion „Merida“ die Titelrolle der freiheitsliebenden Prinzessin, die uralten Sitten trotzt – und sich nicht verheiraten lassen will.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 05.08.2012)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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