Mouhanad Khorchide: „Gott straft nicht als Machtdemonstration“

Im Islam wird Gott oft als patriarchalischer Herrscher verstanden. Ein Bild, mit dem der Theologe und Soziologe Mouhanad Khorchide aufräumen möchte. In seinem aktuellen Buch begründet er theologisch anhand von Koran-Zitaten und Erzählungen über den Propheten Mohammed, warum der Gott der Muslime in erster Linie eines ist: barmherzig.

Christliche Gebete beginnen oft mit der Anrede „Lieber Gott“. Wie sprechen Muslime ihren Gott an? Ist der auch lieb?

Mouhanad Khorchide: Es kommt auch auf die Sprache an, in der man mit Gott spricht. Aber „Lieber“ sagt man nicht. Man sagt eher etwas wie „Oh Gott“.

Gott ist im Islam eher keine väterliche Figur?

Bei vielen Muslimen wird Gott viel zu transzendent gesehen. Gott beschreibt sich selbst im Koran, und zwar dass er den Menschen näher ist als ihre Halsschlagader. Gott ist interessiert an einer Partnerschaft mit dem Menschen. Aber wir projizieren zu sehr ein patriarchalisches Bild in Gott, machen ihn zu einem Stammesvater, der Befehle schickt, die man befolgen muss – egal ob man sie versteht oder nicht.

Will Gott überhaupt verherrlicht werden?

Der Koran sagt in Sure 5, Vers 54, dass Gott Menschen sucht, die er liebt und die seine Liebe erwidern. Gott sucht also Mitliebende, nicht Menschen, die ihn verherrlichen. Er ist in sich vollkommen und will nicht verherrlicht werden.

Woran liegt es dann, dass im Islam das Bild eines herrschenden, zum Teil rachsüchtigen Gottes vorherrscht?

Politik spielt eine große Rolle. Politiker haben ein Interesse daran, dass sich eine Gehorsamkeitsmentalität im Volk etabliert, damit sie diesen Gott instrumentalisieren können. In Saudiarabien gilt immer noch, wer das Regime kritisiert, kritisiert Gott.

Dieses Gottesbild ist ja nicht nur in Diktaturen verbreitet. Das gibt es ja bei Muslimen in der Türkei oder in Österreich genauso.

In der Türkei oder in islamischen Ländern, die nicht unbedingt Diktaturen sind, gibt es immer noch oft eine Verherrlichungsmentalität, vor allem in den älteren Generationen. In Europa merkt man schon einen Wandel, vor allem bei jungen Muslimen, weil sie in einem demokratischen Land aufgewachsen sind. Sie lernen, kritisch zu reflektieren, zu hinterfragen. Junge Menschen wollen nicht etwas tun, nur weil es im Koran steht. Sie wollen verstehen, was will Gott eigentlich von mir.

Woher kommt dann der Zustrom zu Auslegungen wie dem Salafismus, der auf eine buchstabengetreue Auslegung setzt?

Wer in der Religion primär Identität und Halt sucht, will oft feste, klare Strukturen. Wenn man sich aber den Koran anschaut, geht es nicht um Schwarz-Weiß-Malerei, sondern um die innere Vervollkommnung des Menschen. Es ist ein viel schwererer Prozess, sich selbst zu reflektieren, als nur eine Liste zu befolgen. Salafisten geht es nur um die Fassade, etwa wie lang der Bart ist.

An einigen Stellen im Koran straft Gott sehr wohl – da ist die Rede vom Höllenfeuer.

Im Koran sagt Gott in Sure 7:156: „Meine Strafe trifft, wen ich möchte, aber meine Barmherzigkeit umfasst alles.“ Gott straft nicht, um zu strafen als Machtdemonstration. Wenn ich meinem Sohn sage, er darf nicht mit dem Computer spielen, weil er seine Aufgaben nicht gemacht hat, räche ich mich nicht. Aus meiner Liebe zu ihm möchte ich, dass er lernt, deswegen sanktioniere ich ihn. So muss man die Stellen im Koran verstehen. Es gibt im Koran übrigens kein Attribut von Gott als Strafendem, sondern es ist immer die Rede von der „Strafe Gottes“. Aber sehr wohl wird er beschrieben als der Barmherzige. Und die Bilder von Hölle und Feuer sollte man metaphorisch verstehen. Die Hölle ist die Konfrontation des Menschen mit seinen eigenen Verfehlungen. Das ist kein Racheakt Gottes.

In muslimisch dominierten Ländern gibt es ja sehr körperbezogene Strafen – sind die theologisch begründbar?

Steinigung kommt nicht vor im Koran, aber Handabhacken zum Beispiel schon. Diese Strafen waren schon vor der Entstehung des Koran vorhanden. Der Koran sagt, alle die betrogen haben oder gestohlen haben, müssen gleich sanktioniert werden. Es geht also um Gerechtigkeit. Früher wurden nur die Schwachen bestraft, die Mächtigen nicht. Die Botschaft ist daher, jedes Verbrechen muss sanktioniert werden. Heute geht es nicht darum, partikulare juristische Maßnahmen zu übernehmen – also nur weil im Koran vom Händeabhacken zu lesen ist, müssen wir es heute auch tun. Unsere Aufgabe ist zu hinterfragen: Was würde Gott sagen, wenn er heute den Koran verkünden würde? Es gibt eine Sure, in der die Rede davon ist, Pferde und Esel als Transportmittel zu nehmen. Kein Mensch würde das heute so wortwörtlich übertragen und meinen, dass Autofahren unreligiös sei.

Wenn Gott barmherzig ist und die Sünden alle getilgt werden, klingt das nach einem Freibrief für die Sünde.

Barmherzigkeit ist nicht, dass Gott alles vergibt, sondern bedeutet an erster Stelle Gerechtigkeit. Ja, Gott sanktioniert Menschen, die Verfehlungen begangen haben. Aber er will auch, dass der Mensch sich vervollkommnet. Darum gibt es das Sanktionieren, im christlichen Kontext spricht man von Fegefeuer. Es geht um eine Läuterung im Jenseits. Diese Konfrontation mit seinen Verfehlungen sollte beim Menschen zur Einsicht führen, weil Gott sein Projekt Mensch vollenden will.

Aber heißt es nicht im Islam, dass das Paradies nur für Muslime gedacht ist?

Gott schaut nicht auf unsere Geburtsurkunden. Die traditionelle Theologie sagt, egal was ein Muslim verbrochen hat, im schlimmsten Fall geht er einige Zeit in die Hölle und dann ins Paradies. Das widerspricht der Barmherzigkeit und der Gerechtigkeit. Gott ist nicht an Überschriften interessiert. Die guten Menschen sind die, die zu Gott in seine Gemeinschaft kommen. Auf die Charaktereigenschaften des Menschen und sein Handeln kommt es an. Die Religion macht dem Menschen ein Angebot, sich selbst zu vervollkommnen – es gibt sie jedenfalls nicht, um Gott einen Gefallen zu tun. Dieser Weg der Vervollkommnung ist offen für alle, für Muslime und Nichtmuslime.

Und wer nie betet oder sich nicht an die Regeln einer Religion hält?

Mit all seinen Verfehlungen wird er im Jenseits konfrontiert. Dort hat er noch einmal die Möglichkeit, durch die Konfrontation zur Einsicht zu kommen.

Und wer in einer Gesellschaft mit anderen Regeln aufwächst, wer nichts von all den Dingen weiß, die als Verfehlung gelten?

Das ist eine lange Debatte in der islamischen Tradition. Was ist mit den Menschen, die nichts von Offenbarungen mitbekommen haben? Die Mu’taziliten im achten Jahrhundert haben dazu gesagt: Die Vernunft allein sagt uns, was gut und was schlecht ist. Wir brauchen nicht den Koran, um zu wissen, dass man nicht lügen und betrügen soll. Die Menschen werden daher zur Rechenschaft gezogen, auch wenn sie von einer Religion nichts wissen.

Ihre Interpretation des Koran ist neu und ungewöhnlich. Wie realistisch ist es, dass das unter Muslimen zum Mainstream wird?

Das Neue bei meinem Buch „Islam ist Barmherzigkeit“ ist, dass ich anders argumentiere. Ich argumentiere nicht politisch, sondern theologisch. Auf den 220 Seiten zitiere ich über 400 koranische Verse und etliche Aussagen des Propheten, um zu zeigen, dass diese Positionen koranische Positionen sind – genuin islamische Positionen, also nicht von außen aufgesetzt. Deshalb stoße ich bei meinen Studierenden und den meisten Muslimen auf große Akzeptanz. Damit daraus ein Mainstream entsteht, brauchen wir Institutionen. In Deutschland gibt es die mit den vier Islam-Studiengängen mittlerweile, es gibt viele Studierende, die später Religionslehrer werden. Aber es braucht Zeit, bis ein Mainstream entsteht. Wichtig ist, dass bei meinem Ansatz alles im Koran begründet ist und nicht im Widerspruch zum Koran steht. Alle Muslime unterstreichen ja die Barmherzigkeit Gottes, aber keiner hat bis jetzt versucht, daraus systematisch eine Theologie aufzubauen.

Kann das Konzept der Barmherzigkeit auch Muslime in anderen Ländern erreichen?

Das Buch wurde schon ins Englische übersetzt, ich habe auch ein Angebot, es auf Türkisch zu übersetzen. Und ein Interview mit mir wurde in englischer Sprache auf eine Website gestellt – ich habe daraufhin viel Post bekommen aus den USA, Indonesien, Malaysia. Die Gedanken kommen jedenfalls bei vielen Muslimen in anderen Ländern an. Viele Muslime sagen, dass ihre Beziehung zu Gott gestört ist, weil ihnen Religion immer nur mit Angst beigebracht wurde. Aber wenn sie mein Buch lesen, sagen sie, jetzt hat man doch Lust auf diesen Gott. Es ist die Basis für eine gesunde Beziehung zu ihm, die auf Vertrauen, Liebe und Barmherzigkeit basiert.


Herr Khorchide, darf man Sie auch fragen . . .

. . . ob man auch ins Paradies kommt, wenn man Schweinefleisch gegessen hat?
Es ist kein rationales Verbot, das man erklären kann – denn es gibt noch ungesünderes Essen. Es ist nur eine Erinnerung an Adam, der nicht vom Baum essen durfte. Gott hat gar nichts davon, ob man nun Schweinefleisch isst oder nicht. Wenn es ein Muslim macht, ist er jedenfalls nicht verdammt – was nicht heißt, dass es erlaubt ist. Aber darauf kommt es eigentlich nicht an.

. . . ob Sie manche religiösen Rituale lächerlich finden?
Manche Dinge, die von Menschen konstruiert sind – dass man etwa glaubt, dass einem geholfen wird, nur weil man einen Satz tausend Mal ausgesprochen hat.

… ob Sie als Muslim auch Weihnachten feiern?
Auf meine Art. Ich freue mich, dass keine Mails und Anrufe kommen, ich habe dann endlich Zeit, liegen gebliebene Arbeit nachzuholen. Für mich ist es ein Feiertag.


Steckbrief

Mouhanad Khorchide | Uni Münster

Mouhanad Khorchide wurde 1971 in Beirut geboren, wuchs in Saudiarabien auf. Mit 18 Jahren kam er nach Wien und studierte Soziologie. Aufsehen erregte er mit seiner Dissertation, laut der rund ein Fünftel der muslimischen Religionslehrer Demokratie und Islam für unvereinbar hält.

Seit 2010 ist Khorchide Professor für Islamische Religionspädagogik, seit 2011 Leiter des Zentrums für Islamische Theologie in Münster, wo er für die Ausbildung von Religionslehrern verantwortlich ist.

Aktuelles Buch

Mouhanad Khorchide: Islam ist Barmherzigkeit. Grundzüge einer modernen Religion. Herder 2012; 19,60 €

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 25.11.2012)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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