Der Punsch im Zeitalter seiner Reproduzierbarkeit

Vier Elemente, innig gesellt, bilden das Leben, bauen die Welt. Mit diesen Worten leitete Friedrich Schiller sein Punschlied ein. Und doch schafft es der Punsch im Getränkekanon nicht annähernd, einen Rang vergleichbar mit Schillers Stellung in der Literatur einzunehmen. Was mitunter daran liegen mag, dass im modernen Punsch nur mehr homöopathische Mengen der Schiller’schen Punschologie zu finden sind. „Presst der Zitrone saftigen Stern! Herbst ist des Lebens innerster Kern.“ Nun, der saftige Kern hat wohl gerade andere Pläne, als in einem Plastiktank darauf zu warten, dass er in einen Kocher gekippt und auf Temperatur gebracht wird. Und bestellt man „des Zuckers lindernden Saft“, der „die herbe brennende Kraft“ zähmen soll, wird die Saisongastronomiekraft in ihrer Hütte vermutlich nur verständnislos den Kopf schütteln.

Damit das jetzt nicht vollends in ein trinkkulturkritisches Lamento ausartet, wenden wir uns nun einem anderen Aspekt der alljährlichen Punschiade zu: Unlängst wurde in einem sozialen Medium die Frage gezwitschert, um wie viel der Alkoholpegel einer ganzen Stadt in der Vorweihnachtszeit eigentlich steigen kann. Nun, rechnen wir es einmal durch: Pro Tag werden in Wien ca. 25.000 Liter getrunken, der Alkoholgehalt des Gebräus schwankt zwischen fünf und zehn Prozent. Nehmen wir der Fairness halber den unteren Wert, geben als Körpergröße den EU-Schnitt von 169 cm und ein Gewicht von 72 kg an. Und gehen wir davon aus, dass diese Durchschnittsperson zwischen 16 und 22 Uhr insgesamt vier Punsche, also etwa einen Liter, trinkt. Das ergibt 1,02 Promille, multipliziert mit den 25.000 Litern, die pro Tag in Wien getrunken werden, kommen wir also auf einen städtischen Alkoholgehalt von 25.000 Promille. Ungefähr, zumindest. Also, sagt der Promillerechner eindringlich in dunkelroten Buchstaben: Das Auto lieber stehen lassen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 03.12.2012)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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