Der Moment, in dem nichts mehr so ist wie gedacht

Wer immer nur vor dem Computer sitzt und Geschichten schreibt, kommt selbst nicht dazu, allzu viel zu erleben. Zum Glück gibt es Freunde, deren ganzes Leben nur aus Erleben zu bestehen scheint. Und die dieses Erleben den schreibenden Nichterlebern auch bei jedem Treffen in derartigem Detailreichtum mitteilen, dass man meinen könnte, man hätte es selbst miterlebt.

Und so hat man es fast vor Augen, wie jener Freund zu einem geschäftlichen Termin zum Linzer Lentos marschiert. Elegant, mit schwarzem Anzug, Krawatte und Sonnenbrille. Im Gegenlicht vor dem imposanten Museumsgebäude ist schon die Silhouette des Geschäftspartners zu erkennen – er winkt. Also winkt der Freund zurück und marschiert los. Es ist schon länger her, seit die beiden einander begegnet sind. Und was für ein Zufall, der Geschäftspartner hat die gleiche Adjustierung. Elegant, mit schwarzem Anzug, Krawatte und Sonnenbrille. Wie das wohl wirkt? Wie in einem alten Mafiastreifen. Ein filmreifes Treffen, jedenfalls. Die beiden Männer lächeln.

Seine Haare sind länger als sonst, bemerkt der Freund. Nur noch wenige Meter trennen die beiden, als der Freund seine rechte Hand anhebt, um mit einer gelassenen Bewegung seine Sonnenbrille abzunehmen. „Du hast dich verändert“, sagt er in Richtung des Geschäftspartners. Er bleibt stehen. Der Geschäftspartner greift ebenfalls mit der rechten Hand zur Sonnenbrille. Er nimmt sie ab. „Du auch“, sagt er. Kurzes Schweigen. Und dann der Moment, in dem beide realisieren, dass hier zwei völlig fremde Menschen einander gegenüberstehen. „Du bist nicht der, mit dem ich mich treffen wollte.“ „Nein.“

Ja, es ist eine aufregende Welt. Aber man kann nicht überall dabei sein. Irgendjemand muss schließlich auch vor dem Computer sitzen und darüber schreiben, was die anderen so alles erleben.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 03.06.2013)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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