Augenauswischerei mit der Zunge

Das hat Japan nun wirklich nicht verdient. Das Land hat eine faszinierende Geschichte, das weltweit wohl beste Essen, ziemlich gute Autos, unglaublich schnelle und extrem pünktliche Züge und ziemlich viele spannende technische Geräte – doch medial muss es, außer wenn ein Atomkraftwerk hochgeht, fast ausschließlich als skurriles Kuriositätenkabinett herhalten. Vom Klassiker, den getragenen Mädchenunterhosen, die man aus Automaten ziehen und beschnüffeln kann (ob es diese Automaten, die Anfang der 1990er-Jahre kurz tatsächlich existierten, heute überhaupt noch gibt, weiß man nicht so genau), bis zum neuesten Trend, der seit einigen Tagen durch die Medien geistert, nämlich dem Ablecken von Augäpfeln als Form der Liebkosung. „Oculolinctus“ heißt diese sexuelle Spielart, die japanische Teenager derzeit offenbar als Steigerung des Zungenkusses entdeckt haben. Nun ist es zugegebenermaßen eine seltsame Vorstellung, gerade das Auge zum Spielball sexueller Fantasien zu machen – vor allem, wenn man schon die Vorstellung kaum erträgt, sich eine Kontaktlinse auf die Pupille drücken zu müssen. Auch aus gesundheitlicher Sicht ist es ein äußerst zweifelhaftes Vergnügen, sich mithilfe all der Bakterien auf der Zunge eine Bindehautentzündung zuzulegen – in japanischen Schulen ist deswegen das Tragen von Augenbinden en vogue. Und im schlimmsten Fall, warnen Augenärzte, kann die Liebe sogar blind machen.

Doch so skurril manche japanische Sitten und Gebräuche wie der Okularverkehr auf die westliche Welt auch wirken mögen: Die nach solchen Geschichten gerne mit überlegenem Lächeln gezogene Schlussfolgerung, dass die Japaner einfach ein degeneriertes und durchgeknalltes Volk von Perversen sind, die tut weh. Und ist etwa genauso zulässig wie die Unterstellung, dass Österreicher gerne Menschen in verborgenen Kellerabteilen einsperren.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 17.06.2013)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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