Lasst Conchita Wurst und ihr Team arbeiten

Alles andere ist wichtiger, so viel ist klar. Die Bundestagswahl in Deutschland, die Nationalratswahl in Österreich, ja, selbst die Bergung der Costa Concordia hat wohl mehr Auswirkungen auf unser aller Leben als das Ergebnis des Eurovision Song Contest 2014, der im Mai 2014 in Kopenhagen stattfinden wird.

Und doch scheint das Schicksal von Land, Menschheit und Universum einzig und allein von diesen Tagen im schwedischen Frühsommer abzuhängen. Nicht anders lässt sich die geballte Sorge von rund 40.000 Menschen interpretieren, die sich auf Facebook in der Gruppe „NEIN zu Conchita Wurst beim Songcontest“ zusammengeschlossen haben. Dass Wurst „unser Land, unsere Farben, unseren Stolz“ in Malmö vertreten soll, wird offenbar als Affront angesehen.

Dass sich Österreich mit einer Transsexuellen lächerlich machen würde, ist da etwa zu hören. Nun, da darf man beruhigen – schließlich hat 1998 mit Dana International schon eine als Mann geborene Sängerin den Bewerb mit dem Titel „Diva“ sogar gewonnen. Und was das Lächerlichmachen angeht – das haben ja schon 2012 die Trackshittaz besorgt, das lässt sich ohnehin nicht mehr unterbieten. Ein weiterer Vorwurf lautet, dass der ORF die Entscheidung ohne Abstimmung durch das Publikum gefällt hat. Nun, vielleicht ist das (siehe Trackshittaz) ohnehin besser so, bei Udo Jürgens‘ Sieg mit „Merci Cherie“ 1966 gab es im Vorfeld ja auch keinen Publikumsentscheid.

Schon klar, das Konzept von Transsexualität sprengt die Vorstellungen vieler Menschen. Und Frau mit Bart, das hat auch etwas Skurriles. Doch selbst dann kann man sich immer noch darauf zurückziehen, dass es sich bei Conchita Wurst um eine Kunstfigur handelt, die eben bei einem Schlagerbewerb mitsingt. Und die Energie, sich dagegen zu sträuben, ließe sich sinnvoller einsetzen. Aber vermutlich gibt es halt doch nichts Wichtigeres…

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 17.09.2013)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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