Dem Mohren steht es frei, in die Heimat zu fahren

Warum eine spannende Debatte allzu oft mit einer abgedroschenen Phrase enden muss.

Feministinnen wollen Schach verbieten. Weil es ein zentraler Bestandteil des Spiels sei, die Dame zu schlagen. Und weil die Frauenquote von 15:1 ein klares Anzeichen für eine patriarchale Unterdrückungskultur sei. Diese Meldung sorgte kürzlich für Aufruhr in diversen sozialen Medien. Und sofort wurde gewütet über die humorlosen Feministinnen, verbunden mit weiteren Schmähungen. Dass Furor blind macht, bedurfte in diesem Moment keines weiteren Beweises – schließlich war die Meldung auf der Website, die zu der Meldung verlinkt wurde, sogar als Satireartikel ausgeschildert. Auf einen Konter wie jenen, dass die Dame beim Schach ohnehin alles kann, während der König sich hinter Bauern und Pferden verstecken muss, kam interessanterweise auch niemand. Wer braucht schon Fakten, wenn er auch einfach so drauflos schimpfen kann?

Diskutiert wurde zuletzt auch – wieder einmal – über eine bekannte österreichische Süßspeise. Ob der Mohr im Hemd nun rassistisch ist oder nicht war die Frage, die nach einer TV-Sendung erneut aufpoppte. Nun ist die Debatte zulässig und spannend, vor allem die Frage, inwieweit solche Bezeichnungen ein koloniales Erbe in sich tragen – und wie sich das auf die Einstellung zu Menschen mit schwarzer Hautfarbe auswirkt. Allein, Debattenbeiträge à la „Das war schon immer so“ und „Ich bin doch kein Rassist“ helfen bei der Aufarbeitung verhältnismäßig wenig. Und besonders traurig wird es, wenn Menschen so sehr im argumentativen Notstand strudeln, dass sie sich in abgedroschene Totschlagargumente flüchten. „Wenn es Ihnen nicht passt, wie wir unsere Süßspeisen nennen, steht es Ihnen frei, in Ihre Heimat zurückzukehren.“

An diesem Punkt erübrigt sich die Diskussion. Und man nützt die Zeit lieber, um eine Partie Schach zu spielen. Und wenn das den Feministinnen nicht passt,… äh?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 21.10.2013)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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