Leute, die beim Essen „hm“ sagen

Albin Egger-Lienz [Public domain], via Wikimedia Commons

Albin Egger-Lienz: „Der Mittagstisch“

Beim Essen spricht man nicht. Hat man zumindest als Kind so gelernt. Doch wie bei so vielen Dingen, die man in der Kindheit gebetsmühlenartig vorgetragen bekommt („Wer bei Rot über die Straße geht, ist farbenblind!“), lässt die Konsequenz, mit der man sich daran hält, mit der Zeit ein wenig nach. Was auch kein Wunder ist, schließlich ist das metallische Kratzen von Löffeln auf dem Tellerboden und das Schlürfen von Suppe nur bedingt eine spannende Audiobegleitung – vor allem, da das Geräusch selten so lange und regelmäßig anhält, dass es eine meditative Stimmung auslöst.

Gut, ein wenig wird der Redefluss auf ganz natürliche Weise gestoppt, denn mit einem Löffel im Mund oder beim Kauen fällt es ohnehin schwer, etwas Verständliches von sich zu geben. („Mit vollem Mund spricht man nicht“ hat ja doch etwas für sich.) Allerdings gibt es doch eine Äußerung, die in solchen Momenten immer wieder zu hören ist. Das „hm“. Nein, damit ist nicht das genüssliche „mmh“ gemeint, zu dem man als Kind gleichzeitig mit der flachen Hand Kreise über den Bauch gezogen hat. Auch nicht das zustimmende „mhm“, das man am Telefon verwendet, um dem Gegenüber zu signalisieren, dass man noch da ist und zuhört. Sondern einfach nur ein kurzes, mit vollem Mund gemurmeltes „hm“.

Das wiederum hat die Funktion, sich in Gesprächsposition zu bringen. Den anderen am Tisch zu signalisieren, dass man, sobald man einen Bissen geschluckt hat, etwas zu sagen gedenkt. Was je nach Kauintensität durchaus eine längere Zeit dauern kann. Ist dieses „hm“ aber einmal ausgesprochen, hat man die Gesprächssituation eingeloggt. Soll heißen, für alle anderen am Tisch bedeutet das Redeverbot. Schließlich unterbricht man jemanden, der gerade zum Reden angesetzt hat, nicht. Und so sitzt die Gesellschaft, blickt gebannt auf den „Hm“-Sager und wartet. High Noon am Mittagstisch, sozusagen. Nur hoffentlich hat man dann auch etwas Sinnvolles zu sagen. Vielleicht so etwas wie: „Beim Essen spricht man nicht.“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 10.03.2014)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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