Leute, die vor einer Frage immer „Frage“ sagen

Frage, kennen Sie das, wenn jemand eine Frage stellt – und seine Frage mit dem Wort „Frage“ einleitet? Fraglich, wie notwendig das ist. Schließlich ist die Frage durch Satzstellung oder ein Ansteigen der Stimme am Ende meist ohnehin eindeutig erkennbar. Und eine Antwort leitet man ja auch nicht mit „Antwort“ ein, oder? Besonders unsinnig ist das „Frage“ dann, wenn eine ganze Runde nur darauf aufbaut, dass jemand Fragen stellt – wenn etwa bei einer Veranstaltung jemand auf dem Podium Fragen beantwortet. Und jeder Frage ein „Frage“ vorangestellt wird. Ergänzt wird das „Frage“ übrigens gern durch ein vorangestelltes „Kurz“. Wobei sich die Länge der Frage bei „kurze Frage“ im Gegensatz zum herkömmlichen „Frage“ meist nicht signifikant unterscheidet. In Wahrheit handelt es sich also nur um die fragende Variante des hinterhältigen „Nur ganz kurz“, das bösartigen Zeitraub einfach nur hinter einem Zeitersparnis suggerierenden Adjektiv zu verbergen trachtet.

„Wie ist das jetzt, wenn…“ ist eine Variante, die ebenfalls gern zur Einleitung einer Frage verwendet wird. Ein wenig imperativistischer wirkt es, wenn ein „Sag“ am Anfang mit dem Fragezeichen am Ende eine Klammer bildet. Und auch ein (meist lang gezogenes) „Du“ leistet immer wieder Dienst als Frageneinleitungskennzeichen. Braucht jemand besonders lang, um seine Gedanken so zu ordnen, dass sie in einen Fragesatz münden, ist auch eine Kombination möglich. „Du, sag, Frage, wie ist das jetzt, wenn…“ ist allerdings schon recht weit über der Grenze des Zumutbaren.

Auf der Antwortseite gibt es übrigens ebenfalls klassische Formen, die die Zeit überbrücken sollen, bis der Gedanke im Sprachzentrum zusammengesetzt ist. Vom „Äh“ oder „Nun“ bis zum highly sophisticated „Ich bin sehr dankbar für diese Frage“. Oder man demütigt ganz nebenbei den „Frage“-Sager noch ein bisschen. Das geht zum Beispiel mit Sagern à la „Ich glaube, man muss die Frage anders stellen“. Ob er sich dadurch das „Frage“ abgewöhnt? Nun, das ist die Frage.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 14.04.2014)

Advertisements

Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: