Leute, die das Taschentuch in den Ärmel stecken

Dass also Kurzärmelige und Winterfeste einander auf der Straße misstrauisch beäugen und man mit beiden Adjustierungen irgendwie deplatziert wirkt. Immerhin, sobald tatsächlich einmal die Tage anbrechen, an denen man ohne Übergangsjacke im Gepäck aufbricht, geht mit der unentschlossenen Sowohl-als-auch-Kleidung auch ein anderes Phänomen in die saisonale Pause: Dass nämlich gebrauchte Taschentücher in den Ärmel geschoben werden. Klar, denn so weit, sich das kontaminierte Stück Papier quasi unter die Achsel zu stecken, gehen selbst Benutztes-Taschentuch-im-Ärmel-Träger nicht.

In Zeiten, als Männer in jeder Lebenslage ein Sakko trugen, das sie Rock nannten, konnte man das Taschentuch, das man noch Sacktuch nannte, in der Tasche der Jacke, quasi dem Rocksack, unterbringen. Damals waren Sacktücher aber auch noch vornehmlich aus Stoff, den man nicht einfach nach einmaligem Gebrauch entsorgte. Insofern lassen sich der Mehrweggedanke und die Unterbringung im Rock – wenn auch mit etwas Skepsis – noch nachvollziehen. Bei papierenen Einwegtüchern böte sich dagegen an, sie nach Gebrauch an einem sicheren Ort zu verwahren, der womöglich nicht am eigenen Körper liegt. Experten meinen, einen Mistkübel als passendes Ziel eruiert zu haben.

Nun ist schon klar, dass nicht in jeder Lebenslage ein solches Behältnis in Wurfnähe auf Befüllung wartet. Als Notlösung bietet sich dann an, das zusammengeknüllte Papier einfach in der Hand zu verwahren – in der Hoffnung, dass man niemandem die Hand schütteln muss. Oder aber das Papier wandert in eine Hosentasche, bis die Gefahr gebannt und ein Müllbehältnis aufgetaucht ist. Der Ärmel bleibt dabei sauber. Und dieser Trick funktioniert auch im Sommer mit T-Shirt. Am Ende noch ein kleiner Tipp: Mukophagie (das hat etwas mit Essen zu tun, Details sparen wir jetzt aus) ist keine adäquate Lösung. Dann zur Not doch lieber den Ärmel.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 05.05.2014)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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