Das Ladekabel ist das neue Feuerzeug

Kugelschreiber sind treulos. Durch wie viele Hände sie im Lauf ihrer Tintenfülle gehen, ehe sie dereinst im Einwegkugelschreiberhimmel ankommen, lässt selbst Don Giovanni vor Neid erblassen. Es gibt kaum ein Objekt, das derart häufig den Besitzer wechselt. Weil sie so leicht zu haben sind, vermutlich. Und der Eigentumsanspruch wohl auch deshalb nicht allzu stark ausgeprägt ist. Der nächste Bic liegt schon voller Vorfreude bereit. Eine echte Beziehung zwischen Mensch und Objekt kann auf diese Weise naturgemäß kaum entstehen.

Das Feuerzeug ist ein ähnlich liederliches Ding. Und doch steht es in der Hierarchie der Dinge ein paar Stufen weiter oben. Weil es selbst in der Einwegvariante nicht einfach genommen wird, wenn es auf dem Tisch liegt. Sondern in der Regel gefragt wird, ob man es sich denn mal kurz ausleihen könnte. Und weil es als soziales Werkzeug dabei helfen kann, mit anderen ins Gespräch zu kommen – darum ist der Klassiker der Aufrisssprüche ja auch das lässig geflüsterte „Entschuldigung, hast du Feuer?“ und nicht ein mit hochgezogener Augenbraue gehauchtes „Hallo Baby, kann ich mir vielleicht deinen Kugelschreiber ausborgen?“.

Allerdings bekommt der Feuer- und Lichtspender zunehmend Konkurrenz. Denn wenn es um das Ausborgen geht, hat sich zuletzt – vor allem am Arbeitsplatz – ein anderer flatterhafter Zeitgenosse penetrant in den Vordergrund gedrängt: „Hat jemand ein iPhone-5-Ladegerät?“ Ob per Mail vorgetragen oder in die Gänge des Großraumbüros geschrien, man entkommt der Frage nicht. Und schon wandert das weiße Kabel durch unzählige Hände, wird minutenweise verborgt – und dient so wie dereinst das Feuerzeug als Initialzündung für so manch prickelnden Dialog. „Hallo, darf ich mir einmal dein Ladekabel ansehen?“ Vielleicht sollte man ja sogar ein Flirtseminar veranstalten, bei dem man lernt, sich das begehrte Objekt besonders lasziv um den Finger zu wickeln… Übrigens, wenn wir schon dabei sind, Android-Nutzer sind die neuen Nichtraucher.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 04.08.2014)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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