Rettet das Datum!

Erinnert sich eigentlich noch jemand an diese Ice-Bucket-Challenge? Das war dieses kurzlebige Internetphänomen, das einige Wochen lang in Form von Bewegtbildern, versehen mit der Aufforderung, sich auch daran zu beteiligen, gefühlt die Hälfte des gesamten Internetverkehrs ausmachte. Noch etwas kurzlebiger, weil vermutlich intellektuell ein wenig herausfordernder, war der ebenfalls in sozialen Netzwerken verbreitete Kettenbrief mit der Aufforderung, die zehn Bücher zu nennen, die das eigene Leben am stärksten geprägt haben – Nominierung an weitere Personen inklusive. (Michael Ende: „Die unendliche Geschichte“ wäre übrigens fix drauf gewesen, hätte mich jemand nominiert, aber jetzt nur nicht abschweifen.) Derartige Hypes im Internet tauchen auf, haben einen kurzen Höhepunkt, verschwinden wieder in der Versenkung. Und ab und zu spült es sie Monate oder Jahre später noch einmal in die Mailbox. Dann werden sie mit der gleichen Begeisterung wieder weiterverbreitet, als wären sie gerade erst aus dem Ei geschlüpft.

Eine Bewegung allerdings zeichnet sich durch eine besondere Konstanz aus. Zwar hat sie nie einen derartigen Boom wie die Eiskübelausleerer erlebt, dafür klopft sie mehrmals täglich an, um in die Mailbox eingelassen zu werden. Es müssen wahrhaft echte Idealisten dahinterstecken. Und, das macht es noch spannender, es läuft immer weiter, ohne dass überhaupt jemand nominiert werden muss, die Botschaft zu verbreiten. Ihr Slogan lautet: „Rettet das Datum“. Wie groß angelegt die Kampagne ist, lässt sich daran erkennen, dass sie weit über den deutschen Sprachraum hinausgeht, ja, die ganze Welt umspannt – denn die Botschaft kommt, auf dass sie jeder versteht, auf Englisch daher. „Save the date“ steht in der Betreffzeile. Dass sich im eigentlichen Mail dann nur Erinnerungen an sinnlose Veranstaltungen finden, ist die perfekte Tarnung. Wer sollte schon Verdacht schöpfen, dass hinter einem schnöden Gartenfest eine weltumspannende Organisation steht? Also, Mail schnell löschen. Und wissen, dass wir uns um den Fortbestand des Datums keine Sorgen machen müssen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 22.09.2014)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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