Leute, die mit dem Finger auf mich zeigen

Dass man nicht mit dem nackten Finger auf angezogene Leute zeigen soll, haben wir ja schon von den Großeltern gelernt. Allein, in mancher Unterhaltung möchte man am liebsten zweifelnd nach unten blicken, um sich zu versichern, dass man nicht schon wieder ohne Hose aus dem Haus gegangen ist. Dann nämlich, wenn man dem ausgestreckten Zeigefinger des Gegenübers ständig ins Auge blickt, als würde Harry Potter mit seinem Zauberstab gerade einen Expelliarmus abfeuern. Wobei der Fingerzeig gar nicht viel mit dem Inhalt des Gesagten zu tun haben muss – vielmehr wird er von manchem Gesprächspartner eingesetzt, wie man am Telefon mit einem regelmäßigen „Mhm“ signalisiert, dass man noch den Ausführungen am anderen Ende der Leitung folgt.

Oder er erfüllt die Funktion des Tuschs wie in Late-Night-Shows, damit auch jeder bemerkt, dass gerade eine Pointe abgefeuert wurde – in diesem Fall wird er auch wie eine Pistole aus der Hüfte in Stellung gebracht. Dass man sich tatsächlich bedroht fühlt, kommt vor allem dann vor, wenn sich der Fingerzeiger dabei nach vorne lehnt und mit dem Zeigefinger in der Intimdistanz umrührt. Nicht zu verwechseln ist der Einsatz des Fingers als rhetorische Stichwaffe übrigens mit dem erhobenen Zeigefinger – der ist zwar auch lästig, aber immerhin durchbohrt er nur den Himmel.

Eine Unsitte, von der man lieber die Finger lassen sollte, ist auch das Zeigen auf Dinge als Ersatz für verbale Kommunikation. Wenn etwa statt „Kannst du mir bitte das Salz reichen“ nur auf den Streuer gezeigt wird. Oder der wortlos auf ein Objekt gestreckte Zeigefinger ein „Schau dir das an“ ersetzt. Wobei die Kombination von Zeigen und Worten auch nicht immer wahnsinnig sinnvoll wirkt – man denke an Hundebesitzer, die auf einen ungewollten wohnzimmerlichen Haufen deuten und das mit gesenktem Kopf dastehende Tier vorwurfsvoll anschnauzen: „Was ist das?“ Aber das ist eine andere Geschichte – und an der will ich mir jetzt lieber nicht die Finger verbrennen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 10.11.2014)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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