Ein Schritt zu wenig

Es gibt ja diese Phrase, dass man mit etwas einen Schritt zu weit gegangen ist. Weitgehend unbekannt im Schatzkästlein der Aphorismen ist dagegen der umgekehrte Fall – der berühmte Schritt zu wenig. Dabei taucht er im Alltag viel häufiger auf. Etwa beim Wegwerfen eines Taschentuchs: Es wären drei, vier Schritte in Richtung Mistkübel – doch sobald eine akzeptable Distanz erreicht ist, wird mit einer lässigen Wurfbewegung das zusammengeknüllte Stück in Richtung der Öffnung befördert. Dumm nur, dass das aerodynamische Verhalten eines Papiertaschentuchs nicht ganz so berechenbar ist wie das eines Basketballs. Und so endet der Wurf zu 99 Prozent auf dem Boden. Womit der eine eingesparte Schritt Makulatur ist. Nicht nur, dass er nun nachgeholt werden muss, kommt auch noch mit dem Bücken ein weiterer Arbeitsschritt hinzu. Es macht übrigens keinen Unterschied, ob das Objekt vorher noch die Kante berührt und von dort nach außen wegspringt. Außer vielleicht jene Geste, mit der man sich selbst enttäuscht signalisiert, dass es richtig knapp war – so wie Fußballer nach einer verpatzten Torchance theatralisch auf die Knie sinken und sich mit beiden Händen an den Kopf greifen. Könnte in diesem Fall halt übertrieben wirken.

Der eine Schritt zu wenig lässt sich aber auch erweitern. Wenn man etwa beim Abräumen des Frühstückstischs Teller, Tassen, Eierbecher, Marmeladenglas, Honiglöffel, Wurstrest und halbe Semmel zu einem gigantischen Turm aufbaut, um nur einmal den Weg in die Küche antreten zu müssen. Und dann beim Gehen die fragile Konstruktion bedrohlich zu wackeln beginnt. Die Konsequenz ist dann meist, dass nicht nur ein Fußweg nachgeholt werden muss, sondern auch noch ein paar Gabeln aufzuheben sind und ein Marmeladenfleck vom Teppich gewischt werden muss.

Es ließen sich noch viele derartige Beispiele finden. Etwa die Schnalle, die gedrückt wird, noch ehe man die Tür erreicht hat. Oder das Trinkglas, das gekippt wird, noch ehe es am Mund aufliegt. Aber ich kann jetzt leider nicht, ich muss noch die nasse Wäsche aufsammeln, die auf dem Weg zum Trockner liegt . . .

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 05.01.2015)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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