Man sieht nur mit den Augen gut

Antoine de Saint-Exupéry hat geirrt: Mit dem Herzen kann man nicht sehen. Riechen auch nicht.

Ein wenig verwundert hat er dann schon geschaut, der Kardiologe, als ich bei ihm einen Sehtest machen wollte. Antoine de Saint-Exupéry hat im „Kleinen Prinzen“ also geirrt, wie ich erfahren musste. Man sieht nur mit den Augen gut, das Herz ist dazu nicht geeignet. Ja, fein, wieder was gelernt. Ganz ähnlich verhält es sich übrigens auch mit den Ohren – sie sind geradezu dafür geschaffen, um Musik zu hören. Möglich, dass sie von dort auch den Weg ins Herz findet. Ab und zu allerdings biegt sie auf die Nerven ab, auf denen sie dann einen Spaziergang absolviert. Das kennen Sie sicher, dass es Nummern gibt, die man nicht aushält. „Papa was a Rolling Stone“ von den Temptations, zum Beispiel, wirkt bei mir wie der zu Noten gewordene Ausschaltimpuls. Oder „Mambo No. 5“ von Lou Bega. Den kann ich einfach nicht riechen, um ein weiteres Organ ins Spiel zu bringen. Interessant übrigens, dass die Nase im Wiener Wahlkampf kaum thematisiert wurde. Dabei spielt doch gerade das Riechorgan eine unglaublich große Rolle bei Gefühlen, heißt es. Und seien wir uns ehrlich, die Basis für die Position des Kreuzes auf dem Wahlzettel wird weniger im Kopf als im Bauch gelegt. Auch interessant, dass für den Sitz von Gefühlen gleich zwei Körperteile in Anspruch genommen werden, die eigentlich gar nichts miteinander zu tun haben. Man riecht nur mit dem Bauch gut, das Wesentliche ist für die Nase unriechbar.

Apropos Nase. Dass die laufen kann, während Füße riechen können, ist auch so ein anatomischer Sonderfall à la Saint Exupéry. Eine Geschmacklosigkeit, der man am liebsten die Zunge zeigen würde. Wobei Geschmacklosigkeit eigentlich das falsche Wort ist – denn wenn etwas nach nichts schmeckt, ist das ja eher kein Problem. Schlimmer wäre, etwas hätte einen schlechten Geschmack. Habe ich aber nicht. Und jetzt drehen Sie bitte den „Mambo No. 5“ wieder ab. Bitte, danke.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 12.10.2015)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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