„Es war mal was anderes“ ist die ultimative Vernichtung

Ein Versuch über das Bemühen, die an einen gestellten Anforderungen zu erfüllen.

Die Wahrheit ist eine Tochter der Redewendung. Und die verbale Kindesweglegung ist eine Disziplin, in der es schon Teenager zu Meisterleistungen bringen. „Ich mag dich total gerne“, wird dann dem vor Herzklopfen bebenden Gegenüber entgegengehaucht. Und mit dem nachfolgenden „als Kumpel“ das Klopfen zu einem sofortigen Stillstand gebracht. Die so höflich verpackte Wahrheit, dass das Miteinander definitiv nichts wird, auch noch in scheinbares Kompliment zu kleiden, ist so etwas wie die Urmutter der Enttäuschung, die ihre Kinder im Laufe eines Lebens immer wieder zu Besuch vorbeischickt. „Es liegt nicht an dir“, „du hast etwas Besseres als mich verdient“ oder „ich brauche einfach eine Pause“ sind längst zu Realität gewordene Popkultur. Phrasen, die den schnellen Stich ins Herz durch langsames Herauslöffeln ersetzen. Aber nein, es ist nicht so, wie Sie denken!

Bei einer Einladung zum Essen verbirgt sich die Kritik des Gastes hinter einem „schmeckt interessant“, dem überraschten „so kenn ich’s gar nicht“ und landet am Ende beim Resümee „es war mal was anderes“. Nicht zu verwechseln mit dem „es war einmal“, wie es in Märchen häufig am Beginn steht, ist diese Phrase die ultimative Vernichtung, die jegliche schüchterne Ambition auf eine für den Winter geeignete Kopfbedeckung für den Koch (ließe sich eine Haube eigentlich auch als bauliche Maßnahme zum Schutz des Hauptes beschreiben?) zunichte macht. Es ist wie ein „hat sich bemüht, die an ihn gestellten Anforderungen zu erfüllen“ im Dienstzeugnis. Ein „war ganz nett“ nach einem gemeinsam verbrachten Abend. Ein „vielleicht beim nächsten Mal“, mit dem eine abschlägige Mail garniert wird.

Ja, dann. Vielen Dank fürs Zuhören und vielleicht beim nächsten Mal. Ich brauche jetzt einfach eine Pause. Aber dass eines klar ist – es liegt nicht an Ihnen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 02.11.2015)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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