Mal dir Punkte auf die Zehen und spiel damit Domino

Kann man Langeweile messen? Und wie fad muss einem sein, darüber überhaupt nachzudenken?

Wie fad muss einem sein, kam unlängst als Reaktion auf eine Kolumne. Eine Frage, die einen natürlich beschäftigt. Denn wie genau misst man eigentlich Langeweile? Im Koordinatensystem mit Zeit auf der einen und produktiver Untätigkeit auf der anderen Achse? Lässt sich daraus ein Faditätskoeeffizient berechnen, mit dem man eine klar definierte Auskunft zu der einleitend geäußerten Frage geben kann? („In diesem Fall war mir übrigens 8,73 fad auf der nach oben offenen Schwunglosigkeits-Skala!“) Oder ist Fadesse royale nicht eher in Form einer Möbiusschleife angelegt, in der man seine Gedanken einfach mal ziellos herumstreifen lässt? Nur Vorsicht, da treffen dann Langeweile und Muße aufeinander, die zwar wesensverwandt, jedoch gesellschaftlich doch unterschiedlich konnotiert sind. Außerdem wird die Frage, um welchen Zustand es sich gerade handelt, je nach Innen- oder Außensicht unterschiedlich ausfallen. Aber ja, natürlich gibt es dieses Empfinden von Leere beim Verstreichen der Zeit.

Im Kindesalter mündet das dann in die Aussage „mir ist fad“ (das a sehr lang gedehnt). Das erzwungene oder mangels Ideen zustandekommende Nichtstun, in dem noch dazu die Motivation nicht groß genug ist, aktiv etwas an diesem Zustand zu ändern, wird missmutig in die Welt hinausposaunt. Eine beliebte großelterliche Antwort darauf, um wieder im Kindheitsarchiv zu graben, war dann: „Mal dir Punkte auf die Zehen und spiel damit Domino!“ Damit konnte das Gehirn gelegentlich soweit angeworfen werden („aber das geht ja gar nicht . . .“), dass es das Gefühl der Langeweile wieder in einem Bereich weiter hinten ablegte. Nur leider lässt sich das nicht beliebig oft reproduzieren. Was ja eine Motivation sein kann, sich ähnlich hilfreiche Meldungen zur Vertreibung von Langeweile einfallen zu lassen. Aber zugegeben, da muss einem schon sehr fad sein.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 01.02.2016)

Advertisements

Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: